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Eulenfisch

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Zwischen Realität und Fiktion

Veröffentlichung:1.1.2017

Der Fachartikel ist im Heft ru heute unter dem Titel „Zwischen Realität und Fiktion“ enthalten und umfasst etwa 5 Seiten. Joachim Valentin zeigt, dass fiktionale Phänomene wie Träume, Visionen, Mythen, Literatur oder Filme das menschliche Leben und auch religiöse Wahrnehmung stark prägen. Der Artikel behandelt dabei zentrale theologische Probleme, nämlich das Verhältnis von Realität und Fiktion, den Ort von Visionen und Erzählungen im religiösen Leben, die Bedeutung von Einbildungskraft für Offenbarung und Anthropologie sowie die Frage, wie Theologie zwischen berechtigter Offenheit und kritischer Prüfung unterscheiden kann.

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.Der Artikel geht von der Beobachtung aus, dass Menschen in einer Welt der harten Fakten leben und zugleich stark von fiktionalen Welten geprägt werden. Spielfilme, Romane, biblische Lesungen und Träume beeinflussen den Umgang mit Alltagswirklichkeit. Der Autor kritisiert, dass christliche Religion solche Phänomene lange gemeinsam mit einer technisch positivistischen Weltsicht vorschnell als Spinnerei abgewertet hat. Angesichts der Bedeutung der Unterhaltungsindustrie, aber auch angesichts religiöser Bewegungen mit starken Erzählungen, Visionen und Erwählungsvorstellungen, müsse Theologie diese Bereiche neu bedenken. Sie dürfe weder naiv alles für wirklich halten noch die Wirkung solcher Phänomene pauschal leugnen.

Der Autor fordert deshalb eine fiktionale Anthropologie. Gemeint ist eine Sicht auf den Menschen, die auch nicht empirische Erscheinungsformen des Religiösen ernst nimmt. Dazu gehören Träume, Visionen, Erzählungen und dichterische Entwürfe. Eine solche Anthropologie muss offen sein für deren Bedeutung, zugleich aber Kriterien entwickeln, um Missbrauch und Verführung zu vermeiden. Theologie und Kirche stehen also vor der Aufgabe, ein geregeltes Verhältnis von Fiktion und Realität zu entwickeln.

Im nächsten Schritt blickt der Artikel in die Ideengeschichte. Dabei zeigt sich, dass eine strenge Trennung zwischen Vision und Fiktion oft nicht durchzuhalten ist. Visionen beanspruchen, objektive Widerfahrnisse zu sein, während Fiktionen aktiv hervorgebracht werden. Dennoch enthalten auch Visionen immer Deutungen von Wirklichkeit. Deshalb dürfen sie nicht einfach als bloß imaginär abgetan werden. Gleichzeitig muss man unterscheiden zwischen Ausdrucksformen, die Menschen existentiell herausfordern, und solchen, die nur unterhalten oder manipulieren. Eine fiktionale Anthropologie soll gerade diese schwierige Gratwanderung leisten.

Für den Autor ist auch eine Bestimmung von Religion wichtig. Religion versteht er als eine Weise der Weltdeutung, die mit Hilfe nicht alltagsrealer, aber wirkmächtiger Vorstellungen jenseitige Wirklichkeit und menschliche Lebenswelt miteinander verbindet. Diese Verbindung soll zu einem Handeln führen, das emotional bedeutsam, rational verantwortbar und grundsätzlich frei ist. Damit grenzt er Religion sowohl von bloß popkulturellen als auch von rein weltanschaulichen Phänomenen ab.

Ausführlich verfolgt der Artikel die Geschichte des Begriffs Fiktion. In der deutschen Tradition wird Fiktion meist als Erfundenes und Nichtreales verstanden und damit der Wirklichkeit entgegengesetzt. Schon bei Platon zeigt sich eine Abwertung dichterischer Mythen. Später beschreibt Quintilian Fiktionen als rhetorische Figuren, die sich nicht auf reale, sondern auf vorgestellte Tatsachen beziehen. In der Neuzeit wird der Begriff philosophisch weiterentwickelt. Leibniz unterscheidet zwischen brauchbaren und unbrauchbaren Hypothesen. Kant bezeichnet Begriffe wie Gott, Freiheit und unsterbliche Seele als heuristische Fiktionen. Damit meint er nicht beliebige Erfindungen, sondern Denkfiguren, die keine unmittelbare Erfahrung zum Gegenstand haben und dennoch orientierende Bedeutung besitzen. Seit dem 20. Jahrhundert wird der Begriff Fiktion jedoch zunehmend abwertend gebraucht.

Noch wichtiger für die Fragestellung ist für den Autor der Begriff der Einbildungskraft. Bereits Aristoteles versteht sie als Vermögen, Wahrnehmungen zu verarbeiten und neu zusammenzusetzen. Auch bei Albertus Magnus und Thomas von Aquin behält die Einbildungskraft eine wichtige Rolle. Sie vermittelt zwischen Wahrnehmung und Denken. In der Neuzeit gerät sie bei Descartes unter Verdacht, wird aber im 18. Jahrhundert erneut aufgewertet. Besonders bei Kant wird deutlich, dass Einbildungskraft eine eigenständige Erkenntnisleistung besitzt. Sie steht in einem geregelten Verhältnis zu Verstand und Urteilskraft und kann Begriffe ästhetisch erweitern. Bei Schiller erscheint sie als Kraft der Freiheit, die den Menschen befähigt, sich über bloße Naturzwänge hinaus zu entwerfen. Vernunft und Einbildungskraft sollen sich dabei nicht bekämpfen, sondern gegenseitig beleben.

Spätere Denker wie Feuerbach deuten religiöse Vorstellungen stärker als Projektionen. Andere philosophische Ansätze entwickeln keine geschlossene Theorie der Einbildungskraft mehr. Wichtig wird für den Autor deshalb Herbert Marcuse, der an Kant, Schiller und Freud anknüpft. Marcuse versteht die Phantasie als Vermittlung zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen unbewussten Schichten und bewusster künstlerischer Gestaltung. Sie bewahrt die Erinnerung an Freiheit und Glück und verweigert sich den Beschränkungen einer rein funktionalen Wirklichkeit. Gerade darin sieht der Artikel ein wichtiges kritisches Potential der Phantasie.

Aus dieser ideengeschichtlichen Übersicht entwickelt der Autor seine zentrale These. Neben Wahrnehmung und Vernunft besitzt der Mensch eine dritte Grundkraft, nämlich Einbildungskraft oder Phantasie. Diese Kraft leistet mehr als bloße Erinnerung an Abwesendes. Sie kann aus sinnlichen Eindrücken neue Sinnzusammenhänge bilden und Wirklichkeit unter den Maßstäben von Gerechtigkeit, Schönheit und Wahrheit verändern und neu entwerfen. Ihre Ausdrucksformen sind vielfältig. Dazu gehören Visionen, Auditionen, Tagträume, Mythen, Literatur, Spielfilme oder virtuelle Räume. Diese Formen folgen nicht nur einer subjektiven Willkür, sondern besitzen eine eigene innere Logik.

Für die theologische Anthropologie bedeutet das, dass Phantasie als eigene menschliche Grundkraft ernst genommen werden muss. Wahrnehmung, Vernunft und Phantasie stehen in einem Wechselverhältnis. Einseitige Positionen weist der Autor zurück. Rationalistisch sei es, wenn Vernunft die Einbildungskraft völlig beherrschen soll. Relativistisch sei es, wenn Realität und Fiktion gar nicht mehr unterschieden werden. Kunst, Traum, Vision und Mythos bilden nicht einfach nur Wirklichkeit ab, sondern erschließen auf ihre eigene Weise Realität. Gerade darin liegt ihre Bedeutung für Religion und Theologie. Die genannten Phänomene eröffnen neue Perspektiven auf Mensch, Welt und Offenbarung. Darum sollten Theologen sich hüten, ihre Relevanz einfach abzustreiten.

Der Artikel kommt zu dem Ergebnis, dass fiktionale Phänomene für Religion und menschliche Existenz von großer Bedeutung sind. Theologie braucht deshalb eine Anthropologie, die Realität und Fiktion nicht gegeneinander ausspielt, sondern ihre Wechselwirkung versteht und kritisch ordnet.

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