RU-digitalRU-digital-logo
1 Bild
Eulenfisch

Eulenfisch

Negativer Absolutismus

Veröffentlichung:1.1.2017

Der Fachartikel „Negativer Absolutismus“ von Michael Hochschild ist im Heft ru heute unter dem Titel „Negativer Absolutismus“ enthalten. Der Beitrag umfasst etwa 4 Seiten (S. 113 bis 116). Der Artikel setzt sich kritisch mit einer modernen Wirklichkeitsauffassung auseinander, die Menschen, Erfahrungen und Sinn zugunsten von Zahlen, Statistiken und objektivierenden Beschreibungen in den Hintergrund drängt. Theologisch berührt der Text vor allem die Probleme des Menschenbildes, der Frage nach Wirklichkeit und Wahrheit, der Kritik an einem säkularisierten Absolutheitsanspruch sowie der Bedeutung des Menschen als leibliches und personales Wesen.

restricted content

Nach Registrierung auf www.eulenfischplus.de erhält man kostenlosen Zugriff auf die Inhalte.

Products

Michael Hochschild beschreibt in seinem Artikel eine moderne Gesellschaft, in der Wirklichkeit häufig nur noch unter dem Gesichtspunkt des Messbaren, Objektiven und Statistischen wahrgenommen wird. Er kritisiert, dass diese Sichtweise den Eindruck erweckt, als seien Tatsachen, Zahlen und empirische Befunde die einzige verlässliche Form von Wahrheit. Dadurch werde aber leicht übersehen, dass Wirklichkeit immer auch erlebt, gedeutet und auf den Menschen bezogen wird. Der Autor fragt deshalb, ob die moderne Gesellschaft tatsächlich so genau hinsieht, wie sie behauptet, oder ob sie sich in Analysen, Daten und Beobachtungen verliert und darüber den Menschen aus dem Blick verliert.

Zur Veranschaulichung vergleicht Hochschild Deutschland und Frankreich. Er zeigt, dass viele statistische Daten für Deutschland günstiger erscheinen als für Frankreich, etwa in Kirche, Wirtschaft und Politik. Dennoch macht er deutlich, dass solche Zahlen allein nicht ausreichen, um die tatsächliche Situation von Menschen, ihre Ängste, ihre Krisenerfahrungen und ihre gesellschaftliche Stimmung zu erfassen. Gerade in Frankreich werde ein Gefühl des Niedergangs stark wahrgenommen, obwohl eine rein objektive Betrachtung nur einen Teil der Wirklichkeit erfasse. Der Autor sieht darin ein grundlegendes Problem der Moderne: Von den Verhältnissen dürfe zwar auf Menschen geschlossen werden, umgekehrt werde der subjektive Zugang aber häufig als verdächtig abgewertet.

Hochschild kritisiert deshalb eine Art Diktatur des Objektiven. Transparenz, Evidenz und Statistik gelten seiner Ansicht nach heute oft als höchste Maßstäbe. Wer Einspruch erhebt, muss sich meist innerhalb derselben Logik bewegen und mit anderen Zahlen antworten. Dadurch werde die qualitative Wirklichkeit des Menschlichen verdrängt. Zahlen könnten zwar helfen, Zusammenhänge zu beschreiben, doch sie ersetzten keine Konzepte und keine wirkliche Deutung. Der Autor warnt vor einer Denkweise, in der Realität selbst zum Ersatz für Denken wird.

Gleichzeitig erkennt er an, dass wir in einer Zeit leben, in der sich Widerstand gegen eine einseitige Herrschaft der Tatsachen regt. Das sogenannte postfaktische Zeitalter könne missbraucht werden, um unangenehme Wahrheiten zu leugnen, es könne aber auch darauf aufmerksam machen, dass empirische Befunde nie für sich selbst sprechen. Jeder Befund müsse interpretiert werden. Außerdem seien viele Studien nur begrenzt belastbar, besonders in Bereichen, in denen menschliches Verhalten, Gesellschaft und Bildung untersucht werden. Hochschild betont, dass Zahlen nur unter bestimmten Bedingungen aussagekräftig sind und dass ihre Bedeutung in einer zunehmend individualisierten Gesellschaft weiter abnimmt.

Im Zentrum des Artikels steht die These von der leeren Wirklichkeit. Damit meint Hochschild ein modernes Wirklichkeitsverständnis, in dem der Sachzusammenhang Vorrang vor dem Lebenszusammenhang hat. Ereignisse sollen wichtiger sein als Erlebnisse. Die Welt werde auf Funktionen, Daten und neutrale Beschreibungen reduziert. In einer solchen Wirklichkeit sei kein Platz mehr für Leidenschaft, Lebendigkeit und personale Präsenz. Der Mensch erscheine nur noch als Träger einer Rolle, nicht mehr als konkrete Person. Zahlen werden in diesem Zusammenhang zu Zeichen einer Wirklichkeit, die vom Menschlichen entleert ist. Algorithmen und technisierte Verfahren verstärken diese Entwicklung.

Der Autor bezeichnet diese Sichtweise als methodologischen Antihumanismus. In manchen wissenschaftlichen Modellen mag es sinnvoll sein, den Menschen methodisch auszublenden, um soziale Systeme besser zu verstehen. Problematisch wird es für ihn aber dann, wenn aus dieser Methode ein allgemeines Weltbild wird. Dann entsteht ein Absolutismus, der keine höheren Werte und keine Transzendenz mehr anerkennt. Wirklichkeit erscheint dann wie eine letzte Instanz, gegen die kein Einspruch mehr möglich ist. Hochschild sieht darin einen säkularisierten Absolutheitsanspruch, der funktional an die Stelle Gottes tritt. Gerade die Theologie müsse einem solchen Denken kritisch begegnen, statt sich unreflektiert einem rein empirischen Paradigma anzupassen.

Besonders sichtbar wird dieser negative Absolutismus für Hochschild in politischen Debatten, etwa in der europäischen Migrationsfrage. Dort werde vor allem mit Zahlen operiert, obwohl es in Wahrheit um Menschen gehe. Die Rede über Quoten, Belastungsgrenzen und Verteilungen blende das konkrete menschliche Schicksal aus. Dasselbe Muster erkennt er auch in anderen Lebensbereichen, in denen Menschen bewertet, berechnet und in Kennzahlen übersetzt werden. Der negative Absolutismus sei deshalb nicht einfach neutral, sondern ausgrenzend. Er grenze das Menschliche aus und könne leicht von populistischen Bewegungen genutzt werden, um Verachtung und Ausschluss zu legitimieren.

Dem setzt Hochschild subversive Gegenbewegungen entgegen. Diese Gegenbewegungen beschränken sich nicht auf symbolischen Protest, sondern versuchen, den Menschen wieder konkret in die Öffentlichkeit und in die Politik einzuführen. Dabei spielt der Körper eine zentrale Rolle. Wenn Menschen öffentliche Plätze besetzen oder durch ihre körperliche Präsenz Räume beanspruchen, unterbrechen sie die Logik einer entmenschlichten, rein funktionalen Ordnung. Solche Protestformen machen deutlich, dass Wirklichkeit nicht nur aus abstrakten Systemen besteht, sondern aus leiblich anwesenden Menschen.

Am Ende weitet der Autor diese Überlegung zu einer grundsätzlichen Anthropologie aus. Der menschliche Körper erscheint als letzter Ort einer nicht entleerten Wirklichkeit. Alles, was Menschen mit ihrem Körper tun, wie sie ihn darstellen, formen oder erfahren, prägt die wahrgenommene Wirklichkeit entscheidend mit. Der Körper ist für Hochschild deshalb ein Ausgangspunkt für eine neue humane Weltdeutung. Er verbindet Realität und Utopie, Gegenwart und Möglichkeit. Darin erkennt der Autor eine Chance, den modernen Antihumanismus zu überwinden. Sein Artikel plädiert insgesamt für eine Wirklichkeitsauffassung, die den Menschen nicht in Zahlen auflöst, sondern seine Leiblichkeit, seine Erfahrung und seine Würde wieder ernst nimmt.

Rheinland-Pfalz

Rheinland-Pfalz

Sekundarstufe II | 12/2 Gutes Handeln unter dem Anspruch des Christseins

12.2 / 1. Grundzüge christlicher Moral im Kontext philosophischer Ethik.

12.2 / 1. Grundzüge christlicher Moral im Kontext philosophischer Ethik.

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell, während andere uns helfen, diese Website und Ihre Erfahrung zu verbessern Datenschutz.