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Eulenfisch

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Dietrich Bonhoeffer – ein evangelischer Heiliger?

Veröffentlichung:1.1.2017

Der Fachartikel „Dietrich Bonhoeffer – ein evangelischer Heiliger?“ von Wolfgang Huber ist im Heft ru-heute enthalten und umfasst ca. 5 Seiten. Der Text behandelt die theologischen Fragen, ob und in welchem Sinn Dietrich Bonhoeffer als Heiliger oder Märtyrer verstanden werden kann, wie evangelische Theologie Heiligkeit deutet und welche Bedeutung Bonhoeffers Leben, Widerstand und Theologie für den christlichen Glauben haben.

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Der Artikel untersucht die Frage, ob Dietrich Bonhoeffer als Heiliger verstanden werden kann. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Bonhoeffer selbst nie als Heiliger gelten wollte. Dennoch wird er in verschiedenen christlichen Traditionen als herausragender Glaubenszeuge erinnert. Sein Name erscheint im ökumenischen Heiligenkalender und auch in Westminster Abbey wird er als einer der bedeutenden Glaubenszeugen des 20. Jahrhunderts geehrt. Gleichzeitig wird diskutiert, warum er beispielsweise nicht als Gerechter unter den Völkern anerkannt wurde. Diese Diskussion zeigt, dass die Einordnung seines Lebens und Handelns komplex ist und unterschiedliche Kriterien der Erinnerungskultur eine Rolle spielen.

Der Autor betont, dass die Frage nach Bonhoeffers Heiligkeit nicht dazu dient, ihn unangreifbar zu machen. Vielmehr geht es darum, besser zu verstehen, wie evangelische Erinnerungskultur mit herausragenden Persönlichkeiten umgeht. Dabei wird deutlich, dass Heiligkeit ein zentrales Thema in Bonhoeffers eigener Theologie war. Schon seine frühe wissenschaftliche Arbeit über die Gemeinschaft der Heiligen zeigt, dass er die Kirche als sichtbare Gemeinschaft verstand, in der Gottes Heiligkeit wirksam wird. Für Bonhoeffer ist allein Gott heilig. Menschen können nicht aus eigener Kraft heilig sein. Heiligkeit entsteht allein durch Gottes Rechtfertigung des Menschen in Jesus Christus und geschieht innerhalb der Gemeinschaft der Glaubenden.

Bonhoeffer kritisiert deshalb jede Form der Selbstheiligung. Wer außerhalb der Gemeinschaft der Kirche nach persönlicher Heiligkeit strebt, betrügt sich nach seiner Auffassung selbst. Zugleich reflektiert Bonhoeffer später kritisch über seine eigene Entwicklung. In früheren Jahren habe er versucht, ein besonders konsequentes christliches Leben zu führen. Später erkennt er jedoch, dass christlicher Glaube nicht in religiöser Sonderexistenz besteht, sondern in einer tiefen Diesseitigkeit des Lebens. Christsein bedeutet für ihn nicht religiöse Absonderung, sondern verantwortliches Leben in der Welt.

Ein entscheidender Wendepunkt in seinem Denken war die intensive Beschäftigung mit der Bergpredigt. Dort entdeckt Bonhoeffer die radikale Verpflichtung zu Frieden und Gerechtigkeit. Diese Erkenntnis prägt sein weiteres Leben und seine ethische Haltung. Sie führt dazu, dass er sich aktiv in ökumenischen Bewegungen engagiert und später dem nationalsozialistischen Regime widerspricht. Seine Ablehnung der nationalsozialistischen Ideologie führt zu Konflikten mit dem Staat, zu Berufsverboten und schließlich zu seiner Beteiligung am Widerstand.

Im evangelischen Verständnis von Heiligkeit spielt die Erinnerung an Vorbilder eine wichtige Rolle. Das Augsburgische Bekenntnis betont, dass Christen der Heiligen gedenken sollen, um im Glauben gestärkt zu werden und sich an ihrem Handeln zu orientieren. Dabei geht es jedoch nicht darum, Heilige anzurufen oder sie als Mittler zwischen Gott und Menschen zu verehren. Christus bleibt der einzige Mittler. Vorbilder sollen vielmehr dazu ermutigen, den eigenen Glauben verantwortungsvoll zu leben.

In diesem Sinn kann Bonhoeffer als evangelischer Heiliger verstanden werden. Sein Leben verbindet theologisches Denken mit praktischem Handeln. Besonders beeindruckend ist der Zusammenhang zwischen seiner Theologie und seinem Lebensweg. Seine Überzeugungen führten ihn dazu, Verantwortung zu übernehmen und sich gegen Unrecht zu stellen. Sein Engagement für Frieden und Gerechtigkeit, seine Arbeit in der Bekennenden Kirche und seine Beteiligung am Widerstand gegen den Nationalsozialismus zeigen, wie eng Glauben und Handeln für ihn zusammengehörten.

Ein zentrales Thema seiner Theologie ist Verantwortung für andere Menschen. Bonhoeffer beschreibt christliches Leben als Dasein für andere. Daraus entwickelt er auch sein Verständnis von Kirche als Kirche für andere. Christlicher Glaube zeigt sich nicht in religiösen Handlungen allein, sondern im solidarischen Handeln in der Welt. Diese Perspektive prägt auch seine späteren theologischen Überlegungen im Gefängnis.

In seinen Briefen aus der Haft entwickelt Bonhoeffer die Idee eines religionslosen Christentums. Damit meint er keinen Glauben ohne Gott, sondern eine Form des Glaubens, die ohne religiöse Machtstrukturen auskommt und den Menschen in seiner Mündigkeit ernst nimmt. Christsein bedeutet für ihn, am Leiden Gottes in der Welt teilzunehmen und Verantwortung im weltlichen Leben zu übernehmen.

Der Artikel zeigt schließlich auch die menschliche Seite Bonhoeffers. Seine Liebe zur Natur, zur Musik und zu seinen Freundschaften sowie seine Verlobung mit Maria von Wedemeyer verdeutlichen seine tiefe Verbundenheit mit dem Leben auf der Erde. Gerade diese Verbindung von Spiritualität, Verantwortung und Lebensfreude macht sein Zeugnis besonders eindrucksvoll.

Am Ende wird deutlich, dass Bonhoeffer nicht deshalb als evangelischer Heiliger bezeichnet werden kann, weil er vollkommen gewesen wäre, sondern weil sein Leben und sein Glaube für andere Menschen ein Vorbild darstellen. Sein Zeugnis kann auch heute noch dazu ermutigen, Glauben und Verantwortung in der Welt miteinander zu verbinden.

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