Der Artikel geht der Frage nach, was im Islam als heilig gilt und ob sich das christliche Verständnis von Heiligkeit auf den Islam übertragen lässt. Der Autor macht von Anfang an deutlich, dass eine solche Übertragung nicht ohne Weiteres möglich ist. Gerade diese Differenz eröffnet jedoch neue Einsichten und ermöglicht einen genaueren Blick auf islamische Vorstellungen von Heiligkeit.
Als ersten Zugang wählt der Artikel den Koran, weil er für Muslime der grundlegende Offenbarungstext und die wichtigste Bezugsquelle des Glaubens ist. Der Autor untersucht deshalb, wie häufig und in welchen Zusammenhängen Begriffe vorkommen, die mit Heiligkeit verbunden sind. Dabei zeigt sich, dass Wörter aus dem arabischen Wortfeld für heilig im Koran nur selten vorkommen. Sie beziehen sich vor allem auf Gott, auf den Heiligen Geist und auf bestimmte Orte. Genannt werden unter anderem Gott als der hochheilige König, der Heilige Geist im Zusammenhang mit Jesus sowie das heilige Tal und das Heilige Land. Daraus ergibt sich, dass der Begriff heilig im Koran viel enger verwendet wird als im christlichen Sprachgebrauch.
Anschließend richtet der Artikel den Blick auf die arabische Sprache und den alltäglichen Sprachgebrauch von Muslimen. Hier zeigt sich, dass Muslime für Inhalte, die Christen vielleicht als heilig bezeichnen würden, häufig andere Begriffe verwenden. Besonders wichtig ist das Wort haram, das meist mit verboten übersetzt wird, aber zugleich auch die Bedeutung von geschützt oder der freien Verfügung entzogen haben kann. Daneben gibt es Wörter wie vornehm oder edel, mit denen Personen, Gegenstände oder auch der Koran selbst besonders hervorgehoben werden. Wenn arabisch sprechende Christen von der Bibel sprechen, nennen sie sie das heilige Buch. Im muslimischen Sprachgebrauch ist diese direkte Verwendung von heilig dagegen deutlich seltener.
Der Artikel betont deshalb, dass Heiligkeit im Islam stark mit dem Gedanken des strengen Monotheismus verbunden ist. In der islamischen Tradition gehört der Heilige zu den schönen Namen Gottes. Daraus folgt für viele muslimische Gelehrte, dass nur Gott im eigentlichen Sinn heilig ist. Eine Ausweitung dieses Begriffs auf Menschen oder Dinge wird häufig kritisch gesehen. Besonders strenge Richtungen des Islam lehnen die Verehrung besonderer Menschen, Orte oder Gegenstände ab, weil sie darin eine Gefährdung des Glaubens an den einen Gott sehen. Weniger strenge Traditionen dulden solche Formen eher als Ausdruck gelebter Frömmigkeit.
Ein weiterer Schwerpunkt des Artikels ist das Verhältnis von heilig und verboten. Aus christlicher Sicht wirkt es ungewohnt, dass in islamischen Texten und im Sprachgebrauch vieler Muslime häufig nicht von heilig, sondern von verboten gesprochen wird. Der Autor erklärt, dass damit oft nicht einfach ein moralisches Verbot gemeint ist, sondern Unverfügbarkeit, Schutz und Entzug aus dem alltäglichen Zugriff. Wenn etwa vom menschlichen Körper die Rede ist, wird seine Unverletzlichkeit mit einem Begriff aus diesem Wortfeld beschrieben. Im christlichen Kontext würde man eher von der Heiligkeit des Lebens sprechen. Im islamischen Sprachgebrauch zeigt sich hier also ein anderes begriffliches Denken.
Daneben betrachtet der Artikel die Frömmigkeitspraxis. Auch wenn manche religiösen Gelehrten diese Formen kritisch sehen, geben sie doch wichtige Hinweise darauf, was Muslimen heilig ist. Verehrung erfahren vor allem der Koran, der Prophet Mohammed und bedeutsame Orte wie Mekka, Medina und Jerusalem. Auch Moscheen und Friedhöfe gelten als der freien Verfügung entzogen. In manchen islamisch geprägten Regionen werden außerdem Gräber bedeutender Persönlichkeiten verehrt, etwa von Verwandten des Propheten, von Gelehrten, Mystikern oder Sufis. Gerade in der mystischen Tradition zeigt sich, dass Vorstellungen von Heiligkeit im Islam vielschichtig sind und nicht auf eine einzige Formel reduziert werden können.
Am Ende warnt der Autor vor vorschnellen Übersetzungen und Vereinfachungen. Begriffe aus einer Religion lassen sich nicht ohne Verlust in eine andere übertragen. So kann aus dem edlen Koran schnell der heilige Koran werden oder aus der Anstrengung im Glauben der heilige Krieg. Solche Vereinfachungen verzerren das Verständnis. Deshalb plädiert der Artikel für genaues Lesen, möglichst nah am Originaltext, und für den offenen Austausch mit Muslimen. Gerade interreligiöse Gespräche können helfen, besser zu verstehen, was Muslimen heilig ist und wie unterschiedlich religiöse Traditionen über Heiligkeit sprechen.