Dass die Kirche „apostolisch“ ist, gehört als eine der sogenannten notae ecclesiae zum Grundbestand des Glaubens aller christlichen Konfessionen.1 Freilich ist damit nicht so sehr eine Beschreibung als vielmehr ein Anspruch formuliert, die Identität mit der ursprünglichen Kirche der Apostel zu bewahren. Friedrich Mildenberger hat das Paradoxe an diesem Anspruch so zusammengefasst: „Die Zeit der Apostel ist vorbei. Aber sie kann und darf nicht Vergangenheit werden.“2 Die Apostel gehören zum bleibenden Ursprungsgeschehen der Kirche, jedoch ergibt sich das Problem, wie die immer größer werdende Distanz zu dieser identitätsstiftenden Vergangenheit durch ein Moment der Kontinuität überbrückt werden kann. Der Bezug auf die eigene Vergangenheit, also das Gedächtnis, ist ja zentrale Voraussetzung zur Herausbildung einer eigenen Identität (was gerade in Fällen von Amnesie besonders deutlich wird). Dass dies nicht nur für Individuen, sondern auch für Gruppen und ganze Kulturen gilt, hat vor allem der Ägyptologe Jan Assmann gezeigt.3 Freilich haben gerade Kulturen stets mit der akuten Gefahr des Vergessens zu kämpfen, da jede Erinnerung nach zwei bis drei Generationen unwiederbringlich verlorengeht, wenn sie nicht durch kulturelle Techniken (z. B. Erzählungen, Riten, Schrift) bewahrt wird. Diese kulturellen Techniken nennt Assmann daher das „kulturelle Gedächtnis“. Vor dieser Herausforderung der Bewahrung identitätsstiftender Erinnerung standen auch die frühen Christen nach dem Aussterben der ersten Generationen.4 Zunächst einmal ging es ihnen natürlich darum, die Erinnerung an Jesus zu sichern, vor allem in den Evangelien. Doch der Blick ins Neue Testament zeigt, dass auch andere Gestalten der Frühzeit von Beginn an Teil der „fundierenden Erinnerung“ der Kirche waren. Die dort gesammelten Briefe tragen als (authentische oder pseudepigraphische) Verfasserangaben die Namen Paulus, Petrus, Johannes, Jakobus, Judas. Zwischen die Briefe und die Evangelien tritt in der (späteren) kanonischen Anordnung dann wie eine Brücke ein Werk mit