Gleichnisse sind eine eigenständige und durch nichts anderes ersetzbare Artikulationsform des philosophischen Denkens. Nikolaus von Kues dienen sie als methodische Werkzeuge der Weisheitssuche, mit deren Hilfe er sich und seine Gesprächspartner über die Grenzen der aristotelischen Wissenschaftsform hinaus belehrt. Wie das wissenschaftliche Wissen scientia einem Akt des Sehens und Erinnerns gleicht, dessen Gegenstand auf Distanz bleiben kann und muss Theorie , so gleicht das weisheitliche Wissen sapientia einem Erlebnis des Schmeckens, dessen Gegenstand verkostet und damit einverleibt werden darf. In diesem Bild wird die Bedeutung des Affekts für alle Wahrheitssuche deutlich, dessen auch das wissenschaftliche Erkennen bedarf. Gleichnisse informieren nicht, ihre Wahrheit kann folglich nicht gelehrt werden. Sie laden zum Selbst-Erkennen ein und erfüllen ihre Funktion, wenn, indem und solange sie unmittelbar einleuchten. Wir alle haben bestimmte Erwartungen an ein philosophisches Werk, was seine Form betrifft. Erstens erwarten wir einen Text. Der Text ist zumeist schriftlich fixiert, jedenfalls ist er reproduzierbar, damit er als identischer Gegenstand möglicher Analyse und Diskussion stets verfügbar ist und bleibt. Ausgeschlossen aus dem Kreis philosophischer Werke sind unter dieser Erwartung z. B. Bildwerke der „Denker" von Rodin oder Gesten der Verzicht auf eine Amt, Heraklit , ebenso Performances ein inszenierter Freitod etwa: Sokrates, Seneca, Bruno, « sowie Lebensformen die eines Weisheitslehrers, eines Ratgebers, « , obwohl wir auch solchen Kulturprodukten das Attribut „philosophisch" beizulegen durchaus bereit sind. Zweitens. Näher betrachtet erwarten wir – doch dieses „wir" muss ich einschränken und spezifizieren: Wir, die wir uns in westlich orientierten akademischen Kreisen bewegen – wir erwarten, dass ein philosophisches Werk die Form eines wissenschaftlichen Textes aufweise. Es begegnet mir oft, dass ein Kollege lieber an der Behauptung festhält, ein bestimmter Text sei kein philosophischer Text, als einzuräumen, philosophische Texte könnten grundsätzlich auch andere Formen haben und anderen Regeln folgen als den bei uns üblichen Formen wissenschaftlicher Texte. Solche Erwartungen, insbesondere die der zweiten Art, scheinen mir wenig hilfreich zu sein für das, was ich unter dem Geschäft der Philosophie verstehe. Sie engen den Blickwinkel des Philosophierens auf unangemessene Weise ein. Das wird dann besonders schmerzlich fühlbar, wenn man den philosophischen Blick über den Horizont der eigenen, der europäischen Tradition hinaus zu öffnen versucht.