Den methodischen Hintergrund dieser analytisch-phänomenologischen Untersuchung zu Freuds Religionsverständnis bildet die Frage, wer in Zukunft unsere Kultur leiten wird: Wissenschaft, Religion oder Psychoanalyse? Daher handelt es sich um eine strukturelle Auseinandersetzung mit der neurotisch bestimmten Religion als „Illusion" und „Vatersehnsucht", um zu entscheiden, ob letztere überhaupt das Eigenwesen unmittelbar religiöser Erfahrung als immanente religio im Sinne originärer Lebensabkünftigkeit bilden. Die gebotene Freudinterpretation verkennt nicht die historischen und theologischen Momente der Diskussion zwischen Psychoanalyse und Christentum seit vielen Jahrzehnten, fragt aber darüber hinaus nach einem prinzipiell anderen Verhältnis von Unbewusstem und Religion, in welches auch die Ergebnisse gegenwärtig radikalphänomenologischer Reduktion einflieäen. Es zeigt sich thesenhaft bei Freud als Ausgangspunkt für seine Religionskritik, dass sie einen doppelten Aspekt besitzt, nämlich die individuelle Neurose als Ausweichen vor der Realität sowie – phylogenetisch vermittelt – die Religion als kulturelle Illusion, welche die Menschen von ihrer Einstimmung in die wissenschaftlich aufgeklärte Notwendigkeit der Welt abhält: „Die wissenschaftliche Arbeit ist aber für uns der einzige Weg, der zur Kenntnis der Realität auäer uns führen kann."1 Dennoch enthält die Psychoanalyse als „Forschungsmethode" und „parteiloses Instrument"2 an sich keine Entscheidung für Glaube oder Unglaube und ist von Freuds persönlichem Agnostizismus unabhängig.3 Sie intendiert die „Dekonstruktion" der Religion im Sinne des darin enthaltenen Phantasmas, wie es sich durch die primär halluzinatorische Besetzung unseres Begehrens ergibt. In topisch-triebökonomischer Hinsicht besteht Religion dann in der „Rückkehr des Verdrängten", wodurch sich werkgenetisch bei Freud der Zusammenhang mit Traum und Neurose ergibt, nach deren innerpsychischen Erscheinungsweisen als „Analogieschluss" auch Religion und Kultur interpretiert wurden, das heiät nach dem analytisch-therapeutischen Prinzip der „regelmääigen berdeterminierung psychischer Akte und Bildungen".4 Im Vorgriff auf seine grundlegende Religionsdarstellung als individuell wie geschichtlich permanent erzeugte „Vatersehnsucht" lässt sich hervorheben, dass Freud am Ende von „Totem und Tabu" 1912 das „totemistische System" aus den Bedingungen des ÄÖdi- 1