Der Artikel beschreibt die Entwicklung der modernen Glasmalerei im Übergang vom zwanzigsten zum einundzwanzigsten Jahrhundert. Viele bedeutende Künstler begannen, sich neben ihrer Arbeit in der Malerei auch mit Glasgestaltung zu beschäftigen. Dabei entstand eine intensive Diskussion zwischen Künstlern und Kirche über die Frage, wie die christliche Botschaft in einer säkularen Gesellschaft sichtbar gemacht werden kann. Die Kirche suchte nach zeitgemäßen Ausdrucksformen, die Menschen zu einer Gottesbegegnung im Kirchenraum führen können, ohne die religiöse Tradition zu verlieren. Gleichzeitig wollten viele Künstler möglichst autonom arbeiten und neue künstlerische Wege gehen. Kirchenfenster spielen dabei eine besondere Rolle, weil sie durch Licht, Farbe und Bildsprache eine Verbindung zwischen Raum, Natur und religiöser Erfahrung herstellen.
Ein bedeutendes Beispiel für diese Diskussion ist die Erneuerung der Fenster der Heilig Geist Kirche in Heidelberg. In den achtziger und neunziger Jahren entstand dort ein intensiver Konflikt zwischen künstlerischen Ideen und kirchlichen Erwartungen, der als Heidelberger Fensterstreit bekannt wurde. Der Künstler Johannes Schreiter entwickelte zunächst ein sehr innovatives Konzept. Seine Fenster sollten Themen der modernen Welt aufnehmen, etwa Wissenschaft, Technik, Medien oder Wirtschaft. Durch Dokumente, Schriftzeichen und Symbole wollte er die Ambivalenz des modernen Lebens zeigen und sie mit der Botschaft des Evangeliums konfrontieren. Technisch nutzte er neue Verfahren wie Siebdruck und verschiedene Schmelztechniken. Die Farbgestaltung sollte Leid, Leidenschaft und Konflikte des menschlichen Lebens symbolisieren. Die geplanten Fenster wurden jedoch von vielen Verantwortlichen als zu profan empfunden. Deshalb wurden die meisten Entwürfe nicht umgesetzt und stattdessen in Museen ausgestellt.
Ein neuer Ansatz gelang später der Künstlerin Hella Santarossa. Sie verband in ihren Fenstern die biblische Botschaft mit aktuellen Fragen der Gegenwart. Ihre besondere Technik besteht darin, verschiedene Glasstücke und Materialien zwischen zwei Glasscheiben zu platzieren. Dadurch entstehen starke Lichtbrechungen und plastische Effekte. Die Fenster regen die Betrachtenden dazu an, zwischen schnellem und langsamem Sehen zu wechseln und sich intensiver mit den dargestellten Themen auseinanderzusetzen. In Heidelberg griff Santarossa die Schöpfungsgeschichte auf. Die Fenster zeigen symbolisch den Geist Gottes über Wasser, Chaos, Licht und menschlichem Geist sowie über dem Baum der Erkenntnis. Die farbintensiven Glasflächen wirken zugleich nachdenklich und hoffnungsvoll und prägen den Kirchenraum durch ihr Licht.
Ein weiteres Projekt Santarossas entstand in der Simon Petrus Kirche in Bremen Habenhausen. Hier orientierte sich die Gestaltung an der Figur des Apostels Petrus, der im Neuen Testament als Fundament der Kirche gilt. Die Fenster zeigen einen großen Kreis aus zahlreichen Felssplittern auf blauem Hintergrund. Der Kreis verweist auf das Wort Jesu aus dem Matthäusevangelium, dass Petrus der Fels ist, auf dem die Kirche gebaut wird. Bei der Gestaltung wurden auch Gemeindemitglieder einbezogen, die Steine, Muscheln und Treibgut sammelten. Dadurch erhielt das Kunstwerk eine zusätzliche symbolische Bedeutung. Die Materialien erinnern an Verantwortung für die Schöpfung und daran, dass jeder Mensch selbst Verantwortung für die Gemeinschaft der Kirche tragen kann. Alltägliche Gegenstände werden so zu Trägern religiöser Bedeutung.
Ein weiteres Beispiel moderner Kirchenfenster ist die Gestaltung der Kreuzigungsthematik in einer Dorfkirche durch die Künstlerin Xenia Hausner. Ihre Fenster verzichten bewusst auf die traditionelle Darstellung der Kreuzigung Jesu. Stattdessen zeigt sie drei Frauen, die das Geschehen mit großer Betroffenheit betrachten. Zwischen ihnen erscheint eine Darstellung von menschlichen Armen, die auf die Körperlichkeit und das Leiden hinweist. Die Darstellung erinnert möglicherweise an die Frauen aus der biblischen Überlieferung am Grab Jesu. Durch den realistischen und emotionalen Darstellungsstil werden Betrachtende stark angesprochen und in das Geschehen einbezogen.
Der Artikel kommt zu dem Ergebnis, dass moderne Kirchenfenster nicht nur dekorative Elemente eines Kirchenraums sind. Sie können neue Zugänge zu religiösen Erfahrungen eröffnen. Zeitgenössische Kunst kann die christliche Botschaft in einer heutigen Bildsprache ausdrücken und Menschen zum Nachdenken über Gott, Menschsein und Verantwortung für die Welt anregen. Damit kann auch Kunst, die ursprünglich profan erscheint, im Kirchenraum eine sakrale Bedeutung gewinnen und zur spirituellen Erfahrung beitragen.