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WiReLex | Deutsche Bibel GesellschaftTobias FaixChristian Hilbrands

WiReLex | Deutsche Bibel Gesellschaft,

Tobias Faix,

Christian Hilbrands

Berufung

Veröffentlichung:1.5.2026

Der Artikel behandelt den Begriff "Berufung" (vocatio) als religiöses und säkulares Phänomen, das für die Identitätsfindung von Jugendlichen zentral ist. Während die Vorstellung einer göttlichen Berufung heute antiquiert wirkt, sucht die junge Generation nach Sinn und Purpose in einer Welt unbegrenzter Möglichkeiten und gleichzeitiger Verunsicherung. Der Text zeigt auf, wie Berufung von einem theologischen Konzept (Max Weber) zu einem subjektiven Lebensprojekt wurde und dennoch als kritisches Korrektiv gegen neoliberale Selbstverwirklichungsnarrative fungieren kann. In religionswissenschaftlicher Perspektive werden universale Muster von Berufungserlebnissen analysiert, die sich in vielen Kulturen und Religionen wiederfinden.

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Der Artikel analysiert den Begriff "Berufung" als komplexes Phänomen an der Schnittstelle von Theologie, Soziologie, Entwicklungspsychologie und Religionswissenschaft. Berufung wird zunächst als zeitgenössisches Phänomen dargestellt, das für Jugendliche große Relevanz besitzt, jedoch mit Angst und Druck verbunden sein kann. Historisch wird nachgezeichnet, wie Max Weber den Übergang von mystischer zu alltäglicher Berufung beschrieb und wie die ursprünglich religiöse Idee durch die Säkularisierung zur modernen Erwartung der Selbstverwirklichung transformiert wurde. Soziologisch wird Berufung als Spannungsfeld zwischen innerer Stimme und äußeren strukturellen Bedingungen analysiert, wobei reale Berufslaufbahnen oft von Herkunft und Geschlechterrollen geprägt sind. Entwicklungspsychologisch stellt Berufung eine existenzielle Frage dar, die Jugendliche in ihrer Identitätsfindung unterstützen kann und eine spirituelle Dimension besitzt. Religionspädagogisch bietet Berufung Chancen für biografisches Lernen und die Vermittlung von Sinnorientierung in schulischen und außerschulischen Kontexten. In der gegenwärtigen Subjektkultur funktioniert Berufung als Erzählfigur zur Sinnsuche, wird aber auch funktionalisiert und kommerzialisiert. Gleichzeitig kann Berufung ein kritisches Korrektiv gegenüber neoliberalen Narrativen sein und Perspektiven für gemeinwohlorientierte Lebensgestaltung eröffnen. Religionswissenschaftlich wird Berufung als transkulturelle und transreligiöse Erfahrung verstanden, bei der sich ein Mensch in den Dienst einer übermenschlichen Macht gestellt erlebt. Die Analyse wiederkehrender Muster in Berufungserzählungen (biografische Krise, Auftrag, Widerstand, göttliche Zusage, Beglaubigungszeichen) zeigt universale Strukturen, die sich von altiranischen Propheten über schamanische Traditionen bis zur Berufung des Propheten Muhammad nachweisen lassen. Im Zentrum dieser Erzählungen steht die Transformation des Berufenen, der seine alte Identität aufgibt und eine neue von einer übermenschlichen Kraft erhält, um in einer besonderen gesellschaftlichen Funktion zu wirken.

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