Mirjam Schambeck analysiert die Herausforderung, Berufungserzählungen im Religionsunterricht der Sekundarstufe didaktisch fruchtbar zu machen. Sie diagnostiziert eine wachsende Fremdheit der Bibel für Jugendliche, die durch szientistische Weltdeutungen, die Unkompatibilität mit Fantasy-Narrationen und besonders durch die unmittelbare Gottesfrage bedingt ist. Statt diese Fremdheit zu negieren, plädiert Schambeck dafür, sie als produktiven Lernanlass zu nutzen und Jugendliche zur bewussten Auseinandersetzung mit Gott als Gegenüber einzuladen. Eine zentrale Aufgabe ist es, Berufungserzählungen nicht als historische Berichte, sondern als Glaubenszeugnisse zu erschließen, die eine Wirklichkeit schaffen, die sich nicht in messbaren Kategorien aufgeht. Die Autorin betont die Bedeutung exegetischer Textarbeit als fundamentaler Bezugspunkt für religiöses Lernen. Sie zeigt, dass sich Berufungserzählungen sowohl durch ihre Literarität als auch durch ihre theologische Tiefe zur Biographiearbeit und Identitätsfindung eignen. Der Artikel präsentiert das literarische Schema von Berufungserzählungen (Situationsangabe, Berufungswort, Einwand, Annahme, Nachfolge) und unterscheidet drei neutestamentliche Berufungstypen nach Theißen und Merz: den markinischen Typus (unmittelbare Berufung durch Jesu Wort), den Typus der Logienquelle (Eigeninitiative des Jüngers mit anschließender Prüfung) und den johanneischen Typus (Berufung durch Vermittlung). Diese strukturelle Analyse ermöglicht es Schülerinnen und Schülern, die Besonderheit jesuanischer Berufungen zu erkennen und ihre eigene Lebensgestaltung in Frage zu stellen.