Der Artikel behandelt die 1960er Jahre als Beginn der modernen Gegenwart des Christentums, in denen die westlichen Gesellschaften einen fundamentalen Strukturwandel durchliefen. Zu Beginn des Jahrzehnts waren viele Deutsche noch christlich sozialisiert und die Kirchen spielten eine prägende Rolle im Alltag, besonders im katholischen Bereich, wo kirchliche Normen das Leben "von der Wiege bis zur Bahre" standardisierten. Doch bereits in der ersten Hälfte der 1960er Jahre zeigten sich erste Risse, die sich in der zweiten Hälfte zu dramatischen Rückgängen verschärften: Bei den Katholiken unter 44 Jahren sank der regelmäßige Gottesdienstbesuch von 52% (1963) auf 26% (1973), bei Protestanten noch drastischer von 11% auf 3%. Zentrale Glaubensinhalte wie die Auferstehung Jesu verloren ihre Überzeugungskraft, und die päpstliche Enzyklika Humanae Vitae von 1968 wurde von der Mehrheit der Katholiken abgelehnt. Die kirchengeschichtliche Forschung interpretiert diese Veränderungen nicht als bloßen Niedergang, sondern als Transformationsprozess: Christliche Identitätsbildung blieb zwar weiterhin konstitutiv, wurde aber zu einer Frage individueller reflexiver Orientierung statt uniformer kirchlicher Vorgabe. Was "christlich", "katholisch" oder "evangelisch" bedeutet, wurde nun intensiv in Kirchen und öffentlichen Medien diskutiert. Die akademische Theologie erlebte einen Aufschwung, wobei Theologen wie Hans Küng, Joseph Ratzinger, Karl Rahner oder Jürgen Moltmann breiter wahrgenommen wurden. Ein zentraler Aspekt war die veränderte Wahrnehmung des Verhältnisses von Religion und Welt: Während die Säkularisierungsthese einen Niedergang postuliert, wird in der historischen Forschung eher von einer Neubestimmung christlicher Identität ausgegangen. Die 1960er Jahre gelten als "Zeit, die noch qualmt" und sind bis heute in innerkirchlichen Auseinandersetzungen umstritten, da sie historisch zur Legitimation sowohl von Veränderungswiderstand als auch von Reformbefürwortung herangezogen werden.