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„Zahlreich sind die Wunder, die du getan hast ...“

Veröffentlichung:1.1.2016

Der Fachartikel von Ralf Rothenbusch ist im Heft ru-heute (RELIGIONSUNTERRICHTheute) 02/2016 unter dem Titel: „Zahlreich sind die Wunder, die du getan hast ...““ enthalten und umfasst 6 Seiten (S. 4–9).

Der Beitrag erklärt, dass Wunder im Alten Testament weniger als „spektakuläre Taten einzelner Wundertäter“ erscheinen, sondern vor allem als Gottes Handeln verstanden werden. Viele Wunder werden als Zeichen gedeutet, die auf Gottes Macht, Rettung und Treue verweisen (besonders im Exodus). Gleichzeitig zeigt der Artikel, dass die biblischen Texte Wunder oft theologisch und literarisch gestalten – nicht als bloße Naturgesetz-Durchbrechungen.

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Der Artikel „‚Zahlreich sind die Wunder, die du getan hast …‘“ führt in das Verständnis von Wundern im Alten Testament ein und setzt dabei einen anderen Schwerpunkt als die geläufige Vorstellung von Wundern im Neuen Testament. Während man bei „Wundern“ schnell an Jesus denkt, spielen im Alten Testament von Menschen bewirkte Wunder insgesamt eine geringere Rolle. Zwar kennt auch die Hebräische Bibel „Gottesmänner“ als Wundertäter, besonders Elija und vor allem Elischa, deren Wundergeschichten teils auffallende Parallelen zu neutestamentlichen Erzählungen haben (z. B. Totenerweckung, Heilung von Aussatz, Brotvermehrung). Zugleich wirken diese Wunder in manchen Erzählungen fast beiläufig, manchmal sogar unerquicklich (etwa ein Strafwunder), und berühren die Welt antiker Magie, Wahrsagekunst und religiöser Spezialisten. Entscheidend ist für die biblische Bewertung jedoch nicht die bloße Wirksamkeit solcher Praktiken, sondern wodurch und in wessen Namen gehandelt wird: Positiv beurteilt werden Wunder dort, wo sie ausdrücklich als Handeln durch JHWH verstanden sind; Praktiken, die unabhängig von JHWH oder gegen seinen Willen erfolgen, werden abgelehnt – ohne dass die Bibel damit automatisch behaupten müsste, sie seien wirkungslos.

Von hier aus entwickelt der Artikel den zentralen Deutungsrahmen: Wunder im Alten Testament sind häufig Zeichen. Das kann bedeuten, dass ein Wunder ein konkretes Problem löst, aber zugleich auf Gottes zukünftiges Handeln verweist oder Gottes Wort beglaubigt. Beispiele sind Zeichenhandlungen und Zeichenankündigungen in prophetischen Zusammenhängen, etwa bei Jesaja, aber auch beim König Hiskija, der ein Zeichen für Gottes Heilungszusage erhält. Auffällig ist dabei: Die Bitte um ein Zeichen wird nicht grundsätzlich als Unglaube kritisiert; vielmehr kann sie im biblischen Kontext eine legitime Form der Vergewisserung sein, dass Gott sein Versprechen hält.

Besonders breit entfaltet wird diese Zeichen-Theologie am Beispiel des Exodus. Die Plagen, Zeichen und „Wahrzeichen“ dienen der Offenbarung von JHWHs Macht und der Befreiung Israels aus der Sklaverei. In den Exodus-Erzählungen treten sogar ägyptische Spezialisten auf, die zunächst „mithalten“ können, dann aber scheitern – ein erzählerischer Kontrast, der zeigen soll, dass JHWHs Wirken alle anderen Kräfte überragt. Diese Zeichen sind nicht Selbstzweck, sondern sollen Erinnerung, Identität und Glauben prägen: Israel soll sich an die Rettungstat erinnern, daraus Hoffnung schöpfen und JHWH loben. Gleichzeitig gibt es in den Texten auch eine kritische Linie: Wer die Zeichen zwar erlebt, ihnen aber nicht vertraut, verfehlt ihren Sinn.

Im Zentrum der Rettungswunder steht das Schilfmeerwunder, das als Höhepunkt der Befreiungserfahrung erzählt wird. Der Artikel zeigt, dass die Bibel hier eine vielschichtige Überlieferung bewahrt: Neben poetischen Darstellungen steht eine erzählende Fassung, die wiederum literarisch aus unterschiedlichen Traditionen zusammengesetzt ist. Eine ältere Version erklärt die Rettung mit einem starken Ostwind, der das Wasser zurückdrängt; eine jüngere, priesterliche Tradition steigert das Geschehen zu dem berühmten Bild des „gespaltenen Meeres“ mit Wasserwänden rechts und links. So wird nicht nur Rettung, sondern zugleich Gottes Macht über Natur und Geschichte inszeniert. Dazu gehört auch eine Spannung, die der Beitrag deutlich benennt: Diese Rettung ist mit der Vernichtung der Feinde verbunden – für moderne Leser erschreckend, für Israel Teil der fundamentalen Erfahrung, aus existenzieller Not befreit worden zu sein.

Nach dem Meer folgen weitere Wunder als Rettung in lebensfeindlicher Umgebung: Manna, Wachteln und Wasser in der Wüste sichern das Überleben. Dabei wird sichtbar, dass Wundererzählungen nicht einfach „Berichte“ sind, sondern theologisch geformt sein können – etwa wenn das Manna so erzählt wird, dass es den Sabbatgedanken stützt. Ein ähnliches Strukturprinzip erkennt der Artikel am Übergang ins Land: Wie das Meerwunder den Auszug markiert, steht mit der Jordan-Durchquerung ein entsprechendes Wunder am Ende der Wanderzeit. Auch die Einnahme Jerichos wird als machtvolles Zeichen erzählt, wobei der Artikel betont, dass archäologische Erkenntnisse und literarische Analyse nahelegen, solche Szenen vor allem als theologische Erzählgestaltung zu verstehen. Daraus folgt die hermeneutische Pointe: Ein rein historisierendes Wunderverständnis greift zu kurz; wichtiger ist, wie die Texte Sinn bilden und Gottes Rettungshandeln deuten. Zugleich warnt der Beitrag vor problematischen Folgen einer verengten Auslegung, etwa wenn biblische Aussagen (wie das „Stillstehen“ von Sonne und Mond) später als Schriftbeweis in naturwissenschaftlichen Konflikten missbraucht wurden.

Im letzten Teil klärt der Artikel die wichtigsten hebräischen Begriffe: „Zeichen“ und „Wahrzeichen“ können auch Menschen oder gewöhnliche Ereignisse bezeichnen, die auf Gottes Wirken verweisen; die eigentlichen „Wunder“-Begriffe (wie pælæ und niphla’ôt) werden dagegen besonders eng mit JHWH verbunden. Wunder bedeuten hier nicht primär „Naturgesetzbruch“, sondern das Erstaunliche, Staunenswerte, die menschliche Erfahrung Übersteigende – verbunden mit der Überzeugung: Für Gott ist nichts „zu wunderbar“ oder unmöglich. Dabei wird Gottes Wunderhandeln nicht als willkürlich dargestellt, sondern als Ausdruck seines Wesens: Treue, Gerechtigkeit, Huld, Barmherzigkeit, Hoheit und Herrlichkeit. Wunder haben zudem eine universale Dimension: Sie sollen Gottes Namen bekannt machen, sodass auch die Völker ihn als König anerkennen.

Schließlich weitet der Artikel den Blick vom großen heilsgeschichtlichen Handeln (Exodus, Rettung, Land) auf den einzelnen Menschen: Auch das persönliche Leben, Rettung aus Not und sogar die Schöpfung selbst können als „Wunder“ erfahren werden – bis hin zur wunderbaren Erschaffung des Menschen (Psalm 139). Die angemessene Reaktion auf Gottes Wunder ist nach biblischem Verständnis Lob, Dank und Erzählen; gleichzeitig bleibt jede Aufzählung unvollständig, weil Gottes Wunder „mehr sind, als man zählen kann“ – so wie es der Leitvers aus Psalm 40 ausdrückt.

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Sekundarstufe I | Jahrgangsstufe 8

8G.3 Die Botschaft vom Reich Gottes. Gleichnisse, Wundererzählungen.

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