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Die Pflicht, Kinder Abrahams zu sein

Veröffentlichung:1.1.2019

Der Artikel „Die Pflicht, Kinder Abrahams zu sein“ von Ahmad Milad Karimi ist im Heft ru heute unter dem Titel „Die Pflicht, Kinder Abrahams zu sein“ enthalten. Der Beitrag umfasst 5 Seiten. Der Fachartikel behandelt theologische Probleme, die sich aus dem Verhältnis von Demut, Widerstand, Gehorsam, Freiheit und Verantwortung ergeben. Im Zentrum steht die Frage, wie die islamische Tradition Abraham deutet und ob wahrer Glaube vor allem in hingebender Demut oder vielmehr auch im Widerstand gegen Selbstüberhöhung, Gewalt, religiöse Ideologie und Menschenverachtung besteht.

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Der Artikel entfaltet eine islamische Perspektive auf das Verhältnis von Demut und Widerstand. Ausgangspunkt ist die These, dass der Islam von Anfang an durch eine doppelte Struktur geprägt ist. Einerseits knüpft er an die abrahamitische Tradition an, andererseits entwickelt er einen eigenen theologischen Anspruch. Deshalb gehören Demut und Widerstand im Islam zusammen. Am Beispiel des Propheten Muhammad zeigt der Autor, dass Prophetie nicht Selbstüberhöhung bedeutet, sondern die demütige Annahme göttlicher Botschaft. Zugleich gehört dazu der Widerstand gegen falsche Götter, gegen das eigene ego und gegen jede Form religiöser Überheblichkeit. Glaube erscheint hier als Armut vor Gott, also als das Bewusstsein der eigenen Bedürftigkeit und Sehnsucht.

Im Mittelpunkt des Beitrags steht Abraham als Vorbild des Glaubens. Im Koran verkörpert Abraham einen ursprünglichen, reinen Glauben und gilt als Freund Gottes. Seine Geschichte zeigt jedoch nicht nur Gehorsam, sondern auch innere Konflikte und Entscheidungen. Als sein Vater ihn bedroht, begegnet Abraham ihm nicht mit Gewalt, sondern mit Demut und der Bitte um Vergebung. Sein eigentlicher Widerstand richtet sich gegen sich selbst, gegen Angst, Trägheit und Unmündigkeit. Darin wird Abraham für den Autor zu einer Gestalt, an der sichtbar wird, dass religiöser Glaube immer auch Selbstprüfung bedeutet.

Der Autor fragt, wie eine hingebende Demut heute verstanden werden kann. Abraham bleibt zwar eine außergewöhnliche Gestalt, ist aber nicht unerreichbar. Vielmehr wird er als Spiegel der Glaubenden beschrieben. Muslimisch zu leben bedeutet demnach, fragend vor Gott zu stehen und sich nicht in starre Dogmen oder Fatalismus zurückzuziehen. Gott ist nicht nur im stillen Gehorsam gegenwärtig, sondern auch im Ringen, Fragen und Hadern. So erhält der Glaube eine dynamische Form, in der Demut und Widerstand zusammengehören.

Besonders eindringlich wird dies an den Erzählungen um Abraham und seine Kinder deutlich. Abraham muss sich in verschiedenen Situationen entscheiden. Er steht im Spannungsfeld zwischen Vertrauen und Zweifel, zwischen Gehorsam und Eigenwillen. Die Geburt seiner Kinder, die Geschichte mit Hagar und Ismael und vor allem die Opfererzählung machen sichtbar, wie eng Demut und existenzielle Prüfung verbunden sind. In der koranischen Darstellung sagt Abraham seinem Sohn offen, was ihm aufgetragen wurde. Damit wird die Szene zu einem Dialog über Gehorsam, Geduld und Vertrauen. Der Autor stellt jedoch kritische Fragen. Will Gott blinde Unterwerfung oder liegt die eigentliche Prüfung in der Fähigkeit zum Widerstand? Muss Abraham gehorchen oder hätte er Nein sagen sollen, um das Leben seines Kindes zu schützen? Damit berührt der Artikel ein zentrales theologisches Problem aller abrahamitischen Religionen, nämlich das Verhältnis von göttlichem Befehl, menschlicher Freiheit und moralischer Verantwortung.

Im weiteren Verlauf erläutert der Text den Begriff Dschihad. Der Autor betont ausdrücklich, dass damit weder Krieg noch heiliger Krieg gemeint ist. Dschihad wird als gebotener Widerstand verstanden, jedoch als geistige, moralische und lebensschützende Anstrengung. Gemeint ist vor allem die Arbeit am eigenen Selbst, die Beherrschung des Zorns, der Einsatz für andere und der Schutz des Lebens. Der eigentliche Unglaube ist nicht zuerst außerhalb des Menschen zu suchen, sondern in ihm selbst. Deshalb ist der wahre Widerstand im Islam zuerst ein inneres Ringen.

Von hier aus kritisiert der Autor religiöse Ideologien und fundamentalistische Formen des Glaubens. Problematisch wird Religion dort, wo Menschen meinen, Gottes Willen eindeutig zu besitzen und im Namen Gottes Leben zu zerstören. Eine solche Haltung pervertiert Demut, weil ihr die Einsicht in die eigene Fehlbarkeit fehlt. Dem setzt der Artikel eine epistemische Demut entgegen, also das Bewusstsein, dass Menschen irren können. Gerade deshalb gehört Zweifel wesentlich zum Glauben. Abraham ist nicht Vorbild blinder Hörigkeit, sondern vor allem dort, wo er am Ende daran gehindert wird, das zu opfern, was geschützt werden muss.

Am Schluss weitet der Autor die Deutung Abrahams auf die Gegenwart aus. Kinder Abrahams zu sein bedeutet nicht bloße Nachahmung oder toten Gehorsam. Es heißt vielmehr, Verantwortung für Schutzlose zu übernehmen. Besonders Kinder werden dabei zum Prüfstein des Glaubens. Wer Kinder Abrahams sein will, muss sich für Kinderrechte einsetzen, gegen Missbrauch, Gewalt, Krieg, Fluchtleid und Entwürdigung widersprechen und für die Gleichberechtigung von Frauen eintreten. Ebenso gehört dazu Solidarität mit verfolgten religiösen Gemeinschaften. Abraham wird damit nicht als Figur einer vergangenen Frömmigkeit verstanden, sondern als Stimme für einen Glauben, der Demut mit moralischem Widerstand verbindet. Der Artikel kommt zu dem Ergebnis, dass echter Glaube nicht in blinder Unterwerfung besteht, sondern in einer Haltung, die Gott ernst nimmt, den Menschen schützt und Unrecht widersteht.

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6G.3 Dem Gott, der befreit, trauen. Aufbruch, Weggeleit, Ankunft.

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6.2 Leben mit anderen Religionen: Was die abrahamitischen Religionen verbindet.

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