Der Artikel analysiert die marginale Präsenz entwicklungspsychologischer Perspektiven in der Fachdiskussion zum interreligiösen Lernen. Alexander Unser identifiziert als Hauptgrund für dieses Desiderat die fehlende empirische Forschung: Es gibt kaum altersvergleichende oder Längsschnittstudien, die Entwicklungsprozesse im interreligiösen Lernen rekonstruieren könnten. Trotzdem finden sich in Monographien zum Thema entwicklungspsychologische Überlegungen, die sich auf allgemeine Entwicklungstheorien und religiöse Stufenmodelle stützen, deren hypothetischer Charakter aber bewusst gemacht werden sollte. Der Artikel dokumentiert zwei wichtige Verschiebungen in der religionspädagogischen Diskussion: Erstens der Übergang von altersstufenspezifischen Didaktiken hin zu bereichsspezifischen Entwicklungskonzepten, die einzelne Fähigkeiten wie Perspektivenübernahme differenzierter erfassen. Dabei wird erkannt, dass sich Fähigkeiten nicht gleichmäßig mit dem Alter entwickeln und nicht einfach vom Alter auf Kompetenzen geschlossen werden kann. Zweitens wird Entwicklung im interreligiösen Lernen zunehmend als soziale Entwicklung statt als religiöse Entwicklung konzeptualisiert. Der Autor betont die Notwendigkeit kontextspezifischer und inhaltsspezifischer Betrachtung von Entwicklungsprozessen sowie die Bedeutung von Interaktionseffekten zwischen individuellen Dispositionen und unterrichtlichen Kontexten. Empirische Forschung, die diese komplexeren Entwicklungsmodelle testet, ist ein dringend erforderliches Forschungsdesiderat.