Der Artikel untersucht den anthropologischen Ursprung von Festen anhand zweier religionswissenschaftlicher Forschungshypothesen. Die erste Hypothese betrachtet Feste als zentrale Medien des kulturellen Gedächtnisses, die durch Zeremonie, Fülle und emotionale Erregung (effervescence collective) den Menschen ermöglichen, sich seiner Geschichte und Existenz zu vergewissern und damit vom Alltag abzugrenzen. Die zweite Hypothese geht davon aus, dass in archaischen Religionen keine Unterscheidung zwischen alltäglicher und festlicher Zeit existiert, sondern das Heilige dem alltäglichen Leben eingegliedert ist. Im Anschluss an die Studentenbewegungen von 1968 wurde dem Fest ein revolutionäres Potenzial zugesprochen. In der gegenwärtigen heterogenen Gesellschaft hat sich eine Eventisierung der Alltagskultur durchgesetzt: Feste sind deinstitutionalisiert, profanisiert und ökonomisiert, bieten aber weiterhin durch temporäre Anonymität und kollektive Erfahrung eine Entlastung und Selbststeigerungserfahrung. Christliche Feste sind existenzielle Zeichenhandlungen des Glaubens, die an die Heilstaten Christi rückgebunden sind. Das Kirchenjahr entfaltet die Heilsgeschichte Jesu Christi durch Jahreszeitenfeste wie Ostern und Weihnachten sowie Lebensfeste wie Firmung und Bestattung. Das Pascha-Mysterium (Leiden, Tod, Auferstehung Christi) bildet das Zentrum des Kirchenjahres und bewahrt die Verbindung zur Heilsgeschichte Israels. Die zyklische Wiederholung der Feste ermöglicht eine tiefgreifende menschliche Vergegenwärtigung der Christusereignisse, ohne dabei ihre Überzeitlichkeit zu gefährden.