Der Artikel setzt bei der Frage an, wie die Situation der katholischen Kirche und der Gläubigen in der DDR sprachlich und historisch angemessen beschrieben werden kann. Jörg Seiler warnt davor, historische Wirklichkeit vorschnell mit Begriffen wie Widerstand zu belegen. Solche Begriffe seien nie neutral, sondern lenkten die Deutung der Vergangenheit und könnten für gegenwärtige politische Debatten vereinnahmt werden. Deshalb müsse sorgfältig geprüft werden, welche Begriffe die Erfahrungen der Kirche in der DDR tatsächlich treffen.
Der Autor zeigt zunächst, dass Sprache und besonders Metaphern eine große Rolle für das kirchliche Selbstverständnis spielten. Verschiedene Bischöfe beschrieben die Lage der Kirche in der DDR mit sehr unterschiedlichen Bildern. Diese Bilder machten deutlich, wie die Kirche sich selbst zwischen Bedrohung, Fremdheit, Berufung und Heimat verstand. Manche betonten die widrigen Bedingungen des kirchlichen Lebens, andere sahen die Kirche in einem fremden Haus, in dem man zwar leben müsse, an dessen Fundamenten man aber nicht mitbauen dürfe. Wieder andere deuteten die DDR als konkreten Ort der Sendung der Kirche. Insgesamt zeigt sich darin eine Entwicklung hin zu einem realistischeren und zugleich stärker religiös geprägten Verständnis der eigenen Situation. Die Kirche sah sich als konfessionelle Minderheit in einer Diaspora, die ihren Glauben in einem religionskritischen oder religionsfeindlichen Umfeld leben musste.
Im nächsten Schritt untersucht der Autor den Begriff Widerstand selbst. Er macht deutlich, dass es für Begriffe wie Opposition, Protest, Dissidenz, Resistenz oder Nicht Anpassung keinen einfachen Konsens gibt. Wer von Widerstand der katholischen Kirche in der DDR spreche, müsse erklären, welche Ziele und Machtoptionen damit verbunden seien. Echter politischer Widerstand hätte auf einen Umsturz des Herrschaftssystems gezielt. Genau das war aber bei der katholischen Kirche in der DDR nicht der Fall. Ihr Ziel war nicht die Beseitigung der SED Herrschaft, sondern die Sicherung begrenzter Freiräume für kirchliches Leben und die Verteidigung eigener Handlungsmöglichkeiten. Schon allein ihre Existenz stellte jedoch eine Form von Andersheit gegenüber dem Staat dar, weil sie einem totalen weltanschaulichen Anspruch Grenzen setzte. Dennoch sei das nicht mit aktivem Widerstand gleichzusetzen.
Seiler betont, dass die offizielle Linie der katholischen Kirche in der DDR von politischer Abstinenz geprägt war. Diese Haltung wurde seit den 1950er Jahren kirchenamtlich vorgeschrieben und immer wieder bestätigt. Kontakte von Geistlichen zu staatlichen Stellen waren streng geregelt, offizielle Beziehungen zur SED grundsätzlich untersagt. Die Kirche suchte einen Status quo, der ein relativ eigenständiges kirchliches Leben ermöglichte und offene Konflikte mit dem Staat möglichst begrenzte. Diese Strategie unterschied die katholische Kirche in der DDR von der Lage in vielen anderen Staaten des Ostblocks. Nach der Friedlichen Revolution wurde diese Haltung von einigen Bischöfen auch selbstkritisch betrachtet.
Theologisch zeigt sich diese Distanz zur politischen Welt auch im Umgang mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Der Berliner Bischof Bengsch lehnte die Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute ab, weil für ihn Welt nicht nur Gesprächspartner, sondern auch Bedrohung für die Kirche bedeutete. Aus seiner Erfahrung in der DDR musste die Kirche ihren Eigenstand schützen. Einzelne Gruppen innerhalb der Kirche, die diese einseitige Sicht kritisierten und ein stärkeres gesellschaftliches Engagement einforderten, blieben randständig.
Für die Gläubigen bedeutete diese kirchliche Grundhaltung, dass sie sich als Teil einer besonderen Sonderwelt erleben konnten. Viele beschrieben die Kirche als Freiraum, in dem offenes Sprechen möglich war und Kraft für den Alltag gefunden werden konnte. Zugleich lebten sie aber in einer Diktatur, in der Unauffälligkeit eine wichtige Überlebensstrategie war. Private Räume, Familienkreise oder Wallfahrten konnten soziale Freiräume schaffen, die nicht vollständig vom Staat beherrscht waren. Der Autor macht jedoch deutlich, dass auch solche Freiräume nicht einfach als Widerstand bezeichnet werden sollten. Häufiger sei von Nicht Anpassung zu sprechen. Diese Nicht Anpassung blieb allerdings begrenzt und musste im Alltag oft mit Strategien des Unauffälligseins verbunden werden.
Besonders ausführlich behandelt der Artikel die Jugendweihe und die Bildungsbenachteiligung von christlichen Jugendlichen. Mit der Einführung der Jugendweihe trug der Staat den weltanschaulichen Konflikt direkt in die Lebenswelt katholischer Familien hinein. Die katholischen Bischöfe untersagten die Teilnahme zunächst unter Androhung kirchlicher Sanktionen. Dadurch gerieten viele Familien in einen schweren Konflikt. Verweigerten Jugendliche die Teilnahme, drohten schulische Nachteile und gesellschaftliche Ausgrenzung. Akzeptierte die Kirche die Teilnahme, hätte sie in einem zentralen Bereich weltanschaulicher Erziehung nachgegeben. In der Praxis musste die Kirche ihre harte Haltung später lockern, weil die Angst vor Repression und beruflicher Benachteiligung bei vielen Familien überwog.
Auch im Bildungssystem waren christliche Jugendliche benachteiligt. Ein relativ störungsfreier Bildungsweg war vor allem dann möglich, wenn formale Anpassungsleistungen erbracht wurden, etwa die Mitgliedschaft in staatlichen Jugendorganisationen, die Teilnahme an der Jugendweihe oder die Zustimmung zu vormilitärischer Erziehung. Dennoch garantierte selbst solche Anpassung keinen sicheren Zugang zu höheren Bildungswegen. Kirchlich gebundene Jugendliche konnten wegen ihres Glaubens benachteiligt werden, auch wenn dies nicht in jedem Einzelfall geschah. Gerade diese Mischung aus ideologischer Steuerung und willkürlicher Anwendung beschreibt der Autor als Kennzeichen diktatorischer Herrschaft.
Am Ende hält Seiler fest, dass die Erfahrungen katholischer Gläubiger in der DDR nicht mit einer einfachen Formel erfasst werden können. Begriffe wie Widerstand oder Opposition greifen zu kurz. Treffender ist eine differenzierte Beschreibung zwischen politischer Abstinenz, kirchlicher Distanz zum Staat, begrenzter Nicht Anpassung, innerer Standhaftigkeit und der Schaffung von Freiräumen im Alltag. Viele Formen der Auseinandersetzung mit der Diktatur wurden in die innere Haltung der Gläubigen verlagert. Gerade deshalb seien die Deutungen dieser Vergangenheit bis heute umstritten.