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Herausfordernde Zeugnisse des Staunens

Veröffentlichung:1.1.2016

Der Fachartikel von Konrad Huber ist im Heft ru-heute (RELIGIONSUNTERRICHTheute) 02/2016 unter dem Titel: „Herausfordernde Zeugnisse des Staunens“ enthalten und umfasst 5 Seiten (S. 11–15).

Der Beitrag zeigt, warum Jesu Wunder für die Evangelien zentral sind – und wie man sie im Unterricht als Erzählungen wahrnehmen kann, statt sie vorschnell nur historisch zu beweisen oder rational zu „erklären“. Wundertexte verbinden einen realistischen Erzählstil mit „Unglaublichem“ und wollen dadurch Staunen auslösen, Glauben thematisieren und das Anbrechen des Reiches Gottes sichtbar machen.

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Konrad Huber beschreibt Jesu Wunder als ein charakteristisches Kernstück seines Wirkens, ähnlich zentral wie die Gleichnisse für seine Verkündigung. Die Evangelien bezeugen Jesu Wundertätigkeit nicht nur in vielen einzelnen Wundererzählungen, sondern auch in zusammenfassenden Berichten und in Worten Jesu, die darauf Bezug nehmen. Auffällig ist, dass zahlenmäßig vor allem Heilungen und Exorzismen überwiegen; sie prägen das Bild Jesu als Heiler und Dämonenaustreiber so stark, dass man wesentliche Teile der Evangelien verlieren würde, blendete man diesen Zug aus. Zugleich gilt das Grundfaktum, dass Jesus als Wundertäter erinnert wird, in der historischen Jesusforschung weithin als nicht einfach bestreitbar – problematisch bleibt jedoch, wie die literarische Gestalt der Erzählungen und ihr Verhältnis zu „historischen Fakten“ hermeneutisch verantwortet zu deuten sind.

Huber betont deshalb: Den „Wundern an sich“ begegnen wir nie unmittelbar, sondern immer nur den Texten, also den Erzählungen über Wunder. Diese Texte sind gewachsen, in den Evangelien teils unterschiedlich ausgestaltet, zeigen Parallelen zu antiken Wunderberichten und sind von nachösterlichem Christusglauben geprägt. Darum ist Vorsicht geboten, wenn man die Historizität einzelner Details beweisen oder naturwissenschaftlich erklären möchte – gerade bei Naturwundern, Totenerweckungen oder Fernheilungen führt dies schnell zu spekulativen Konstruktionen. Konsequenz: Exegese sollte die Wunder primär als narrative Zeugnisse ernst nehmen und fragen, wie sie erzählen, welche Wirkung sie entfalten und welches Sinnpotenzial in ihrer literarischen Gestaltung liegt.

Von hier aus kritisiert Huber typische neuzeitliche Deutungsstrategien. Rationalistische Ansätze wollen den Realitätsanspruch der Texte an modernes Wirklichkeitsverständnis anpassen und erklären „Unplausibles“ als spätere Gemeindebildung. Religions- und formgeschichtliche Deutungen führen Wunder auf antike Erwartungen und Erzählmotive zurück. Symbolische Interpretationen lesen Wunder als bildhafte Geschichten, die eigentlich etwas „anderes“ meinen. Huber würdigt, dass alle diese Zugänge zutreffende Einsichten liefern können, warnt aber davor, die Texte dadurch zu „entschärfen“: Wer Wundererzählungen nur verdaulich macht, blendet oft ihre eigentliche Provokation aus – nämlich das Spannungsfeld, dass die Texte im Modus realistischer Erzählweise Unglaubliches als wirklich geschehen präsentieren. Gerade dieses Zusammenspiel von Erzählweise und Erzählinhalt wird zum zentralen Zugang: Wundergeschichten lassen sich als eine Art „phantastische Tatsachenberichte“ verstehen, die Leserinnen und Leser herausfordern.

Daraus folgt eine konkrete Leseweise: Man soll genau auf die Einzelelemente der Erzählinszenierung achten – Figuren, Situationen, Hindernisse, Handlungen, Reaktionen. Besonders aussagekräftig ist die Figurenkonstellation in Heilungswundern: Meist treten einzelne, oft namenlose Menschen in den Mittelpunkt, deren Not existenziell ist; wo mehrere Geheilte vorkommen, deutet das eher auf literarische Steigerung oder bewusste Kontrastierung. Erzählt werden Männer und Frauen, Kinder und Erwachsene, Außenseiter und sozial Hochstehende, Juden und Nichtjuden – mit unterschiedlichen Haltungen von passiv und hilflos bis hartnäckig und selbstbewusst. Gemeinsam ist ihnen die schwere, lebensbestimmende Not. Die Texte schildern diese Not oft drastisch und ausführlich (z. B. lange Krankheit, völlige Aussichtslosigkeit, soziale Isolation, Bedrohung), um das Wunder als umso größer erfahrbar zu machen und die Zuhörenden emotional hineinzuziehen: Mitgefühl entsteht, Spannung baut sich auf.

Eng damit verbunden ist das Motiv des (unbedingten) Vertrauens. In vielen Wundererzählungen wird Glaube ausdrücklich als entscheidend markiert: „Dein Glaube hat dich gerettet“ oder der Ruf „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“; bei den Jüngern wird mangelnder Glaube problematisiert, und dort, wo kein Glaube ist, bleibt Jesu Wirkmacht scheinbar begrenzt. Die Texte schreiben den Betroffenen damit einen Anteil am Geschehen zu: Wunder ereignen sich nicht bloß „über“ Menschen hinweg, sondern in einer Beziehung, die Vertrauen ermöglicht.

Im Zentrum steht dennoch Jesus selbst – und Huber zeigt, wie vielfältig die Erzählungen sein Handeln darstellen. Nicht nur das machtvolle Wort spielt eine Rolle (auch Fernheilung durch ein Wort), sondern ebenso Gesten, konkrete Praktiken und sogar körperlich-materielle Elemente wie Speichel. Besonders wichtig ist das Motiv der Berührung: Jesus heilt häufig durch Nähe und körperlichen Kontakt, er nimmt Menschen an der Hand, berührt Blinde, Aussätzige oder Taubstumme, legt Hände auf; umgekehrt versuchen Hilfesuchende, wenigstens sein Gewand zu berühren. In dieser Berührungsdimension wird Jesu heilsame Zuwendung als menschlich nahe und radikal inklusive erzählt – ohne Abstand zu den „Unberührbaren“.

Am Ende vieler Wundererzählungen steht markant das Staunen: Verwunderung, Entsetzen, das Außer-sich-Sein angesichts des Unfassbaren. Dieses Staunen ist nicht nur Reaktion der Figuren, sondern Zielrichtung der Texte selbst: Sie wollen das „Hereinbrechen des Unglaublichen“ so erzählen, dass auch die Lesenden irritiert werden und gewohnte Wirklichkeitsdeutungen ins Wanken geraten. Der Kern liegt nach Huber nicht in einer sensationellen Demonstration von Macht, sondern im Anspruch, dass sich in Jesu Taten das nahegekommene Reich Gottes faktisch realisiert: Heilshandeln Gottes wird erfahrbar, und Jesu besondere Gottesnähe wird sichtbar. Damit sind Wunder im Neuen Testament Zeichen der anbrechenden Gottesherrschaft – das eigentlich Neue und Herausfordernde.

So wird Staunen zum Anfang eines tieferen Verständnisses: Wer Wunder als Erzählungen liest, entdeckt nicht nur ihre provokative Botschaft, sondern auch die kunstvolle literarische Gestaltung. Gerade das spannungsvolle Miteinander von realistischer Erzählweise und unglaublichem Inhalt eröffnet – wenn man sich darauf einlässt – den Blick für das Sinnpotenzial dieser Texte und macht sie für Unterricht und Theologie fruchtbar.

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