Der Artikel von Ulrich Riegel behandelt das in der Religionspädagogik bislang unterrepräsentierte Konzept des informellen religiösen Lernens. Informelles Lernen wird definiert als ungeplanter, aus konkreten Situationen entstehender Lernprozess, der implizit abläuft und überwiegend außerhalb formalisierter Bildungsinstitutionen stattfindet. Während formelles Lernen curricularen Zielvorgaben und didaktischen Methoden folgt, ereignet sich informelles Lernen durch alltägliche Interaktionen, Beobachtung und Problemlösung. Der Artikel zeigt, dass die Religionspädagogik ähnliche Phänomene bisher unter den Konzepten religiöser Sozialisation und religiöser Lernorte diskutiert hat, ohne den Begriff des informellen Lernens systematisch zu nutzen. Religiöse Sozialisation wird als Wechselspiel zwischen der Übernahme sozial vorgegebener religiöser Überzeugungen und der Ausbildung eigener religiöser Identität verstanden und findet zu großen Teilen informell statt. Empirische Befunde zeigen, dass die Familiensozialisation einen weit stärkeren Einfluss auf die religiöse Entwicklung hat als formaler Religionsunterricht. Die Artikel beschreibt detailliert, wie informelles religiöses Lernen in kognitiven, affektiven und konativen Dimensionen in der Familie stattfindet, etwa durch das Vorlesen von Bibelgeschichten, das Schmücken des Hauses zu Festtagen oder die Teilnahme an Gottesdiensten. Ein wesentliches Problem ist der empirisch festgestellte Rückgang religiöser Sozialisation in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg, wodurch sich heute deutlich weniger Menschen informelle religiöse Lerngelegenheiten eröffnen. Der Artikel plädiert dafür, das Konzept des informellen Lernens stärker in die religionspädagogische Theoriebildung zu integrieren und die Familie, Gemeinde und Öffentlichkeit als zentrale Lernorte systematischer zu erforschen.