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Eulenfisch

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Mitten im Sturm

Veröffentlichung:1.1.2020

Der Fachartikel ist im Heft ru heute unter dem Titel „Mitten im Sturm“ enthalten. Der Beitrag umfasst etwa 8 Seiten. Holger Zaborowski behandelt die Frage, wie sich Freiheit, Verantwortung und Menschenwürde angesichts der Corona Pandemie zueinander verhalten. Theologisch und ethisch problematisiert der Artikel vor allem die Spannung zwischen individueller Freiheit und Schutz des Lebens, die Grenzen staatlicher Eingriffe, die Würde des Menschen als obersten Maßstab sowie die Frage nach einer solidarischen Freiheit, die sich am anderen Menschen orientiert.

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Der Artikel untersucht die gesellschaftlichen und ethischen Folgen der Corona Pandemie in liberalen Rechtsstaaten. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass es seit 1945 keine vergleichbaren Einschränkungen grundlegender Freiheitsrechte gegeben hat. Der Autor beschreibt, dass die Pandemie nicht nur vorübergehende Notmaßnahmen ausgelöst hat, sondern viele Entwicklungen dauerhaft beschleunigt hat, etwa Digitalisierung, Veränderungen in der Arbeitswelt und neue Formen gesellschaftlicher Organisation. Zugleich macht die Krise sichtbar, wie verletzlich moderne Gesellschaften sind und wie stark politische Entscheidungen unter Unsicherheit getroffen werden müssen.

Am Beispiel der Rede von Angela Merkel vom 18. März 2020 zeigt der Artikel, wie politische Eingriffe in Freiheitsrechte begründet wurden. Merkel hebt hervor, dass es sich um historisch einmalige Einschränkungen handelt, die nur vorübergehend und nur unter dem Druck einer akuten Gefahr gerechtfertigt seien. Der Autor würdigt, dass diese Eingriffe mit dem Ziel begründet wurden, Leben zu retten, und dass in einer Situation großer Unsicherheit rasches Handeln nötig war. Gleichzeitig betont er, dass auch in Krisenzeiten Freiheitseinschränkungen in einem liberalen Rechtsstaat sorgfältig geprüft, begründet und transparent vermittelt werden müssen.

Im weiteren Verlauf arbeitet der Artikel heraus, dass Freiheit nie grenzenlos existiert. Der Mensch lebt immer in Beziehungen zu anderen Menschen und trägt Verantwortung für sie. Gerade deshalb sind Einschränkungen von Freiheit nicht grundsätzlich etwas Fremdes, sondern gehören zum Leben in einem Rechtsstaat dazu. Freiheit ohne Grenzen würde nach Auffassung des Autors inhuman werden, weil dann der Schutz des anderen Menschen verloren ginge. Deshalb sind Regeln, Gesetze und moralische Pflichten notwendige Bedingungen einer menschenwürdigen Ordnung.

Der Autor unterscheidet zwischen unterschiedlichen Formen der Freiheitseinschränkung. Einerseits gibt es unbedingt geltende ethische Gebote, etwa das Verbot der Folter. Andererseits gibt es gesellschaftliche und rechtliche Normen, die von historischen, kulturellen und politischen Umständen abhängen und in demokratischen Prozessen ausgehandelt werden. Auch Maßnahmen gegen die Corona Pandemie gehören zu solchen zeitlich und sachlich bedingten Eingriffen. Sie sind nur dann legitim, wenn sie gut begründet, verhältnismäßig, transparent und auf eine konkrete Gefahr bezogen sind. Sobald sich die Gefahrenlage verändert, müssen auch die Einschränkungen überprüft und gegebenenfalls aufgehoben werden.

Besonders kritisch beurteilt der Autor die Formulierung einer angeblich absoluten Notwendigkeit politischer Maßnahmen. Politisches Handeln ist für ihn nie alternativlos im strengen Sinn, weil Politik immer auf Entscheidungen beruht, die auch anders hätten ausfallen können. Wer von absoluter Notwendigkeit spricht, läuft Gefahr, die Offenheit politischen Handelns zu verdecken und die Suche nach Alternativen zu beenden. Gerade in Krisen müsse aber der Zweifel wachgehalten werden, weil nur so neue Abwägungen und bessere Lösungen möglich bleiben.

Im Zentrum des Artikels steht dann die Frage nach dem Verhältnis von Freiheit, Sicherheit und Menschenwürde. Der Schutz des menschlichen Lebens ist ein hohes Gut und kann erhebliche Einschränkungen der Freiheit rechtfertigen. Dennoch ist nach Ansicht des Autors nicht einmal das nackte Überleben das höchste Gut. Höchsten Rang hat vielmehr die Würde des Menschen. Diese Würde verbietet es, Menschen bloß als Mittel für andere Zwecke zu behandeln. Deshalb darf weder wirtschaftlicher Nutzen noch ein reines Sicherheitsdenken über den Menschen gestellt werden. Zugleich warnt der Autor davor, Gesundheit oder Sicherheit zu absoluten Werten zu machen. Eine Gesellschaft, die nur noch maximale Sicherheit anstrebt, würde am Ende in eine Form von Unfreiheit oder Gesundheitsdiktatur geraten und damit die Menschenwürde selbst gefährden.

Um diese Überlegung zu verdeutlichen, zeigt der Artikel, dass Gesellschaften in vielen Lebensbereichen Risiken akzeptieren. Verkehr, Energieversorgung, medizinische Eingriffe oder der Umgang mit Alkohol sind mit Gefahren verbunden, die dennoch hingenommen werden. Daraus folgt, dass die Rettung von Menschenleben kein absoluter Maßstab sein kann, der jedes andere Gut verdrängt. Vielmehr müssen Risiken, Freiheit, Sicherheit und andere Güter immer wieder gegeneinander abgewogen werden. Der Autor nennt mehrere Bedingungen, unter denen eine Gesellschaft Risiken moralisch verantworten kann. Dazu gehören Begrenzung des Risikos, Bemühungen zur Minderung möglicher Schäden, gesellschaftlicher Konsens und die Möglichkeit für den Einzelnen, das eigene Risiko zumindest teilweise selbst zu beeinflussen.

Für die Corona Pandemie bedeutet das, dass Konflikte zwischen Gesundheitsschutz, Freiheit, sozialen Beziehungen, wirtschaftlicher Existenz und kulturellem Leben nicht mit einem einfachen Entweder Oder gelöst werden können. Der Autor verweist etwa auf Besuchsverbote in Altenheimen. Solche Maßnahmen können aus medizinischer Sicht sinnvoll sein, zugleich aber die Würde von Menschen verletzen, wenn sterbende Personen ohne Nähe und Begleitung bleiben. Deshalb fordert er kreative Lösungen, die verschiedene Grundrechte und Güter miteinander vermitteln, statt nur einseitig einem einzigen Ziel zu folgen.

Am Ende entwickelt der Artikel ein positives Freiheitsverständnis. Moderne Gesellschaften betonen häufig vor allem die Freiheit des Einzelnen als Abwehr von Einschränkungen. Dieses emanzipatorische Freiheitsverständnis ist wichtig, reicht aber nicht aus. Ergänzt werden muss es durch ein solidarisches Verständnis von Freiheit. Freiheit verwirklicht sich nicht nur im Schutz eigener Rechte, sondern auch in der Verantwortung für den anderen Menschen. Gerade die Pandemie erinnert daran, dass Menschen aufeinander angewiesen sind und dass Freiheit ohne Solidarität nicht bestehen kann. Der Autor versteht Solidarität daher nicht als Gegensatz zur Freiheit, sondern als ihre notwendige Ergänzung. Die Krise könnte so dazu beitragen, die soziale und ethische Dimension menschlicher Freiheit neu ins Bewusstsein zu rufen.

Hessen

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Sekundarstufe I | Jahrgangsstufe 10

10.1 Verantwortung für das Leben. Menschenwürde und Gottesebenbildlichkeit.

Sekundarstufe II | Q3 Ethik – die Frage nach Gut und Böse

Q3.4 Herausforderungen für Kirche und Ethik durch neue Erkenntnisse in Biologie und Medizin.

Rheinland-Pfalz

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Sekundarstufe I | Jahrgangsstufe 10

10.3 Das Leben verantworten: Grundfragen medizinischer Ethik.

Sekundarstufe II | 12/2 Gutes Handeln unter dem Anspruch des Christseins

12.2 / 3. Gesellschaftlich-politische Verantwortung aus christlicher Motivation.

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