Der Artikel analysiert Sammlungen koranischer Erzählungen und Texte für Kinder als neues, wenig dokumentiertes Literaturgenre. Für Musliminnen und Muslime ist der Koran die unmittelbare Rede Gottes, die dem Propheten Muhammad zwischen 610 und 633 über 23 Jahre durch den Engel Gabriel offenbart wurde. Die ursprüngliche mündliche Überlieferung wurde zeitgleich schriftlich festgehalten, aber erst unter Kalif ʿUthmān (644–656) vereinheitlicht und kanonisiert. Der Koran spiegelt die historischen Ereignisse, Kommunikationsformen und Weltbilder seiner ersten Adressaten wider und erfordert für sein Verständnis eine Auseinandersetzung mit seinem historischen Kontext. Der Begriff Koran stammt vom arabischen qaraʾa (lesen, vortragen, verstehen) ab, wobei die erste Offenbarung mit dem Imperativ iqraʾ (lies!) beginnt. Die Verbindung zwischen transzendenter und materieller Welt erfolgt durch Waḥy, das in vier unterschiedlichen Formen auftritt: als verborgener Hinweis, instinktive Handlung, innere Inspiration und prophetische Eingebung. Die arabische Schrift wurde erst Ende des 7. Jahrhunderts mit Vokalzeichen und diakritischen Markierungen ergänzt. Angelika Neuwirth bezeichnet den Koran als literarisches Werk der Spätantike, das mittels literaturwissenschaftlicher Methoden erfasst werden kann und zwei Perspektiven offenbart: als Gründungstext des Islam und als in der europäischen Spätantike verankerter Text. Der Artikel stellt dar, wie diese komplexe Textgenese und vielfältige Auslegungstradition für die Erstellung von Kinderkoran-Fassungen relevant sind.