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Wunder erleben – Wunder glauben

Veröffentlichung:1.1.2016

Der Fachartikel von Eckhard Türk ist im Heft ru-heute (RELIGIONSUNTERRICHTheute) 02/2016 unter dem Titel: „Wunder erleben – Wunder glauben“ enthalten und umfasst 4 Seiten (S. 22–25).

Der Beitrag nimmt die verbreitete Irritation über „Wunder“ (Willkür, Ungerechtigkeit, kirchliche Wunderprüfungen) ernst und stellt sie dem esoterischen Wunderverständnis gegenüber, das Wunder als erlernbare innere Erfahrung und Selbstermächtigung deutet. Als christliche Antwort entwickelt Türk ein erneuertes Wunderverständnis: Nicht willkürliches Eingreifen Gottes oder „Selbstvergöttlichung“, sondern das Wunder des Wortes Gottes (Gottes Zusage in Christus), das real in der Welt geschieht und nur im Glauben verstanden wird.

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Eckhard Türk beginnt mit einer E-Mail eines 15-jährigen Jugendlichen kurz vor der Firmung. Der Jugendliche beschreibt sich als „ketzerisch“ fragend und formuliert Probleme, die viele Menschen teilen: Wenn für Selig- oder Heiligsprechungen ein Wunder „benötigt“ wird und dann ein Heilungswunder präsentiert wird, wirkt das auf ihn ungerecht und willkürlich. Warum bekommt der eine ein Wunder, während andere – die es genauso dringend bräuchten – leer ausgehen? Wer ein Wunder erfährt, müsste sich fast schuldig fühlen, weil er bevorzugt wurde. Dahinter steht eine Grundfrage nach Gott: Wenn Gott alles gut erschaffen hat, warum muss er durch Wunder „nachbessern“? Entweder sei Gott nicht allmächtig oder er handle willkürlich – beides sei schwer mit einem guten Gott zu vereinbaren. Türk deutet diese Fragen als ernstzunehmende Verstehenskrise, die auch durch „Null-Antworten“ im kirchlichen Umfeld verschärft wird, wenn Fragen nicht als Chance zum Verstehen genutzt werden.

Von dort kritisiert der Artikel ein traditionelles Wunderverständnis, das Wunder als punktuelles, übernatürliches Eingreifen Gottes in Natur und Geschichte sieht. Dieses Modell erzeugt aus Sicht vieler Menschen vor allem Unverständnis: Ein Gott, der sich nicht „in die Karten schauen lässt“ und sein Heil ungleich verteilt, weckt eher Konkurrenz und Neid als Vertrauen. Zudem können kirchliche Verfahren, die Wunder als Zeichen göttlicher Bestätigung prüfen und „bescheinigen“, den Eindruck von Bevorzugung und Willkür verstärken. Gerade in Leidenssituationen kann ein solcher Gottes- und Wunderbegriff Menschen vom Glauben entfremden, weil aus Willkür keine Hoffnung entsteht. Türk legt nahe, dass diese Problemlage auch damit zu tun hat, wie Christen Glauben vermitteln: oft gedankenlos, moralisch-appellativ oder als bloße „Erfahrungserzeugung“, ohne die Inhalte verständlich zu erschließen.

Als Gegenfolie beschreibt Türk, was an Esoterik fasziniert. Unter dem Sammelbegriff „Esoterik“ sieht er seit den 1970er-Jahren ein alternatives weltanschauliches Angebot, das sich als religiös flexible, institutionell wenig gebundene Spiritualität präsentiert und gerade mit einem eigenen Wunderverständnis anschlussfähig ist. Er verweist auf Untersuchungen, nach denen viele Menschen an Wunder glauben, und beschreibt besonders bei Jugendlichen eine „Baukasten“-Mentalität: Man probiert Angebote testweise aus, ohne dass eine Institution verbindlich festlegt, was ein Wunder ist. Esoterische Praxis zielt auf „Wunder erleben“ durch Anleitung: von Aura-Fotografie, Reiki, Pendeln oder Geistheilung bis zu vielfältigen Therapien und Ritualen. Diese Szene ist nach Türk schwer zu fassen, weil sie sich an Zeitgeist und Alltagskultur anpasst und dadurch oft nicht mehr als „Esoterik“ erkennbar ist – sogar in Bildungs- und kirchennahen Räumen.

Weltanschaulich deutet Türk Esoterik als „Alles-ist-Energie“-Monismus: Die Wirklichkeit gilt als umfassender Energiefluss, in dem Materie, Leben, Mensch und „Göttliches“ letztlich eins sind. Das „Wunder“ steht hier für die geistig-göttliche Wirklichkeit als „All-Eines“, die man fühlen und technisch-methodisch nutzen könne. Daraus folgt eine „mystagogische“ Logik: Spirituelle Erfahrungen gelten als verfügbar und erlernbar, oft durch Einweihung und Übungen. Türk illustriert das am esoterisch verbreiteten „A Course in Miracles“, das Wunder als Fähigkeit der inneren Wendung und Bewusstseinsarbeit versteht und entsprechende Übungsprogramme anbietet. Entscheidend ist: In dieser Logik ist „Glaube“ nicht Vertrauen auf Unverfügbares, sondern zielt auf den Erwerb von Wissen und Technik – Wunder werden zur Kompetenz.

Türk bewertet beide Pole – traditionell kirchlich wie esoterisch – als problematisch. Das traditionelle Modell macht Wunder zu einem von außen kommenden Sonder-Eingriff Gottes und gerät in den Verdacht von Willkür. Die Esoterik verlagert Wunder ins Innenleben und in die Selbstmächtigkeit des Menschen; das löst zwar die kirchliche Bindung und die „Gotteswillkür“ scheinbar auf, erzeugt aber eine neue Willkür, weil „Wahrheit“ dann an Intensität des Gefühls und an individuelle Deutungen gekoppelt wird. Zudem sieht Türk in der Esoterik innere Widersprüche: Wenn der menschliche Geist als „immer schon göttlich und vollkommen“ gilt, ergibt ein stufenweiser Vervollkommnungskurs eigentlich keinen Sinn; und wenn der Mensch sich selbst als Heilsweg setzt, droht Selbstvergöttlichung, bei der Göttlichkeit zum Produkt menschlicher Bedürfnisse wird. Damit bleibe der Mensch im eigenen Kreis gefangen, statt sich einem wirklich Anderen zu öffnen.

Als christliche Alternative entwickelt Türk ein bibelorientiertes Wunderverständnis. Zunächst grenzt er ab: Die Allmacht Gottes bedeute nicht „Alleskönnerschaft“ im Sinne willkürlicher Sonderaktionen, sondern dass alles Sein und Geschehen letztlich auf Gott bezogen ist. Deshalb dürfe „Wunder“ nicht als punktuelles Eingreifen Gottes verstanden werden, als ob Gott ansonsten außerhalb der Welt stünde und nur gelegentlich eingreife – Gott trägt die Welt immer. Zugleich dürfe Wunder aber auch nicht bloß in der Innenwelt des Gefühls verortet werden: Wunder gehören in die wahrnehmbare Außenwelt; sie sind reales Geschehen in der realen Welt, nicht Einbildung oder „übersinnliche“ Privaterfahrung.

Von hier aus liest Türk die neutestamentlichen Wundererzählungen neu: Sie sollen nicht beweisen, dass Jesus Naturgesetze „aushebelt“ oder über Zauberkräfte verfügt. Jesus selbst lehnt Zeichenforderungen und Wunder als Experiment zur Gottesprüfung ab (z. B. Versuchungserzählungen). Das eigentliche Wunder ist für Türk das Wort Gottes, das Leben ermöglicht und trägt. In den Wundergeschichten – etwa Brotvermehrung – wird ausgedrückt, dass Vertrauen auf Gottes Liebe Menschen befähigt, Angst zu überwinden, zu teilen und so Leben zu ermöglichen. Das Entscheidende ist die Zusage, die der Mensch sich nicht selbst geben kann: dass keine Macht, nicht einmal der Tod, von der Liebe Gottes trennt.

So formuliert Türk sein Kernanliegen: Ein wirklich christliches Wunderverständnis liegt weder im willkürlichen Sonder-Eingriff Gottes noch in esoterischer Selbstvergöttlichung, sondern im „Wunder schlechthin“ – dem in Jesus Christus menschgewordenen Wort Gottes, das in der Kirche weitergesagt wird. Dieses Wort ist sinnenhaft und real erfahrbar (hörbar, zugesagt, gelebt), aber sein Sinn erschließt sich nur im Vertrauen. Von diesem Ansatz her deutet Türk auch Wunder im Kontext von Selig- und Heiligsprechungen neu: Nicht die „Bevorzugung“ durch ein seltenes Naturwunder steht im Zentrum, sondern dass ein Mensch das Wunder des Glaubens – das Vertrauen auf Gottes Liebe trotz Krankheit, Leid und Tod – bei sich und anderen wirksam werden ließ. Heilung kann als Zeichen dieser Liebe verstanden werden; bleibt Heilung aus oder endet ein Leben im Tod, bleibt dennoch Gottes Zusage das letzte Wort. Das Wunder besteht dann im tragenden Vertrauen, das Angst und Verzweiflung nicht siegen lässt, und das immer wieder neu „an uns und allen Menschen“ geschieht.

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