Der Artikel bietet eine umfassende Analyse der Figur Marias im Christentum und Islam von den neutestamentlichen Anfängen bis zur Gegenwart. In den ältesten biblischen Quellen, besonders im Markusevangelium, wird Maria nur am Rande erwähnt und steht sogar in gewisser Distanz zu Jesus, weshalb die Marienverehrung eine spätere christliche Entwicklung darstellt. Die Evangelisten Matthäus und Lukas erweitern die Überlieferung durch Kindheitsgeschichten, wobei Lukas Maria eine aktivere Rolle zuweist und sie als Urbild des Glaubens darstellt. Das Johannesevangelium rahmt Jesu öffentliches Wirken mit Marienszenen und deklariert sie symbolisch zur Mutter der Kirche. Apokryphe Schriften beeinflussen ab dem 2. Jahrhundert verstärkt die Marienverehrung und prägen theologische Konzepte wie die immerwährende Jungfräulichkeit. Die frühe kirchliche Verehrung ist grundsätzlich christologisch ausgerichtet, wobei das Konzil von Ephesus 431 Maria als Gottesgebärerin dogmatisiert. Im Mittelalter und der Neuzeit entwickelt sich in der lateinischen Kirche eine eigenständige Mariologie, die nichtbiblische Momente einbezieht und zu den beiden katholischen Mariendogmen von 1854 und 1950 führt. Die Eva-Maria-Typologie wird zentrales theologisches Motiv, wobei Maria als neue Eva die Heilsgeschichte neu beginnt. Während die orthodoxen Kirchen das Aufnahmefest bewahren, lehnen sie die Unbefleckte Empfängnis ab. Protestantische Kirchen lehnen beide Dogmen als unbiblisch ab. Marienwallfahrtsorte werden zu Zentren einer Frömmigkeit, die theologisch zwischen Verehrung und Anbetung unterscheidet, in der Praxis aber oft verwischt. Der Artikel dokumentiert damit einen Prozess der zunehmenden Theologisierung und Verselbständigung der Marienverehrung im Westen gegenüber einer biblisch gebundeneren Verehrung im Osten.