Der Artikel stellt den Künstler Michael Morgner und seinen Bildzyklus Codex Morgner vor, der als zeitgenössische Interpretation eines Kreuzwegs verstanden werden kann. Morgner wurde 1942 in Chemnitz geboren und studierte Grafik in Leipzig. Seit den 1960er Jahren arbeitet er als freischaffender Künstler. In der DDR gründete er gemeinsam mit anderen Künstlern die Gruppe Clara Mosch, die sich bewusst vom staatlich geförderten Kunstverständnis abgrenzte und innovative Kunstformen entwickelte. Aufgrund der kritischen Haltung gegenüber staatlichen Vorgaben geriet die Gruppe unter Beobachtung der Staatssicherheit und löste sich schließlich auf. Morgner arbeitet als Zeichner, Grafiker, Maler und Bildhauer. Seine Werke sind in öffentlichen und kirchlichen Sammlungen vertreten und wurden mehrfach ausgezeichnet.
Inhaltlich beschäftigt sich Morgners Kunst mit der Verletzlichkeit des Menschen und mit existenziellen Erfahrungen wie Leid, Krankheit und Tod. Seine Arbeiten bewegen sich zwischen Abstraktion und figürlicher Darstellung. Sie erzählen keine konkreten Geschichten, sondern zeigen grundlegende menschliche Situationen. Der Künstler verwendet ein eigenes Bildvokabular aus geometrischen Formen wie Dreieck, Pfeil und Kreuz sowie aus reduzierten menschlichen Figuren. Dazu gehören Gestalten wie der gekrümmte Angstkörper, der schreitende Mensch, der Aufsteigende oder der Gekreuzigte. Diese Figuren stehen symbolisch für grundlegende Erfahrungen menschlicher Existenz.
Ein zentrales Thema in Morgners Werk ist das Motiv Ecce homo. Dabei greift er die biblische Szene auf, in der Jesus als leidender Mensch gezeigt wird. Morgner löst dieses Motiv aus dem konkreten biblischen Zusammenhang und versteht es als allgemeines Bild für das menschliche Leben, das von Leid, Verletzlichkeit und Endlichkeit geprägt ist. Seine Kunst will Betrachter dazu anregen, sich mit der eigenen Vergänglichkeit auseinanderzusetzen und die Fragilität des Lebens wahrzunehmen. Persönliche Erfahrungen mit Krankheit und Tod haben dieses Thema in seinem Werk besonders geprägt.
Der Bildzyklus Codex Morgner entstand zwischen 2008 und 2016 und umfasst 14 großformatige Werke. Der Untertitel lautet vierzehn Stationen des Seins ein Kreuzweg des zwanzigsten Jahrhunderts. Der Künstler greift damit die traditionelle Form des Kreuzwegs auf, in dem die Passion Jesu in einzelnen Stationen meditiert wird. Gleichzeitig überträgt er diese Struktur auf die Geschichte der Menschheit und auf grundlegende Erfahrungen menschlichen Lebens. Der Kreuzweg wird so zu einer Darstellung der conditio humana, also der allgemeinen menschlichen Existenz, die von Gewalt, Leid und Tod geprägt ist.
Die Bilder wurden ursprünglich in einem Park ausgestellt und waren damit bewusst in die Natur eingebunden. Besucher konnten sie aus verschiedenen Perspektiven und bei unterschiedlichen Lichtverhältnissen betrachten. Der Codex Morgner ist ein großformatiger Zyklus, dessen Werke mehrere Meter hoch und breit sind. Aufgrund ihrer Größe und ihres Materials sind die Bilder schwer transportierbar. Deshalb wurde ein Konzept entwickelt, bei dem Fotografien der Werke zusammen mit Musik und Texten präsentiert werden.
Die Bildgestaltung entsteht in einem aufwendigen Arbeitsprozess. Morgner arbeitet mit Schablonen, Prägedruck, Collage und verschiedenen Bearbeitungsschritten, bei denen Papier zerrissen, gewaschen, geschnitten und teilweise wieder entfernt wird. Dadurch entstehen Oberflächen mit Rissen, Narben und verschiedenen Farbschichten. Dieser Prozess ist körperlich anstrengend und führt zu Bildern mit einer starken materiellen Wirkung. Die sichtbaren Risse und Spuren verweisen symbolisch auf Verletzungen und Brüche im menschlichen Leben.
Der Zyklus beginnt mit einer Darstellung der Kreuzigung Jesu. Die Figur des Gekreuzigten steht im Zentrum eines dunklen Bildraums. Weitere Figuren umgeben die Szene und erinnern an Darstellungen aus der christlichen Kunstgeschichte, insbesondere an Rembrandts Darstellung der drei Kreuze. In den folgenden Stationen erweitert Morgner das Thema der Passion auf die Geschichte menschlicher Gewalt. Bildtitel verweisen auf Erfahrungen von Unterdrückung, Krieg und Konzentrationslagern. Dadurch wird deutlich, dass das Leiden Jesu nicht nur ein historisches Ereignis ist, sondern in der Geschichte der Menschheit immer wieder neu sichtbar wird.
Die letzte Station trägt den Titel Befreiung Ausbreitung der Dreiecke. Sie weist auf die Hoffnung hin, dass Gewalt und Leid nicht das letzte Wort behalten. Der Zyklus endet mit der Perspektive auf Frieden und Versöhnung. In einem kirchlichen Kontext erhält diese Hoffnung eine besondere Bedeutung, weil der christliche Glaube die Überwindung von Tod und Leid in der Auferstehung Jesu verkündet. Dadurch wird der Kreuzweg nicht nur als Darstellung von Leiden verstanden, sondern auch als Weg zu Hoffnung und Erlösung.
Um den Codex Morgner an verschiedenen Orten zeigen zu können, wurde ein mobiles Präsentationsformat entwickelt. Dabei werden die Stationen in Originalgröße auf eine Leinwand projiziert und von Orgelmusik begleitet. Texte helfen den Betrachtern, sich den einzelnen Bildern anzunähern. Diese Präsentation wurde bereits in verschiedenen Kirchen gezeigt und soll an weiteren Orten stattfinden, die sich für Frieden und Versöhnung einsetzen. Im Rahmen des dritten ökumenischen Kirchentags wurde der Codex Morgner auch in Frankfurt präsentiert.
Der Artikel macht deutlich, dass Morgners Kunst eine intensive Auseinandersetzung mit den grundlegenden Fragen menschlicher Existenz darstellt. Seine Werke verbinden christliche Bildtraditionen mit einer modernen künstlerischen Sprache und regen dazu an, über Leid, Schuld, Hoffnung und Frieden nachzudenken.