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Eulenfisch

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Der ganz normale Wahnsinn – Leben in der Paranormalität

Veröffentlichung:1.1.2020

Der Fachartikel „Der ganz normale Wahnsinn – Leben in der Paranormalität“ von Michael Hochschild ist im Heft ru-heute erschienen und umfasst ca. 5 Seiten. Der Beitrag analysiert die gesellschaftlichen Veränderungen während der Corona-Pandemie und beschreibt, wie sich gesellschaftliche Normalität in eine „paranormale“ Situation zwischen Nähe und Distanz verwandelt. Theologisch relevant ist vor allem die Frage nach der Rolle von Religion und Kirche in der Krise, nach Systemrelevanz von Religion, nach Orientierung in einer pluralen, unsicheren Welt sowie nach dem Verhältnis von Vernunft, Wissenschaft, Staat und Glauben.

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Der Artikel beschreibt die gesellschaftlichen Erfahrungen während der Corona-Pandemie und interpretiert sie als Übergang von der modernen Normalität zu einer postmodernen Form der sogenannten Paranormalität. Ausgangspunkt ist die Beobachtung der politischen und gesellschaftlichen Situation in Frankreich zu Beginn der Pandemie. Dort wurden zunächst widersprüchliche Maßnahmen, zentralistische Entscheidungen und teilweise chaotische Zustände sichtbar. Trotz der Aufforderung zur sozialen Distanzierung blieb das öffentliche Leben lange relativ ungebremst. Gleichzeitig zeigte sich ein staatlicher Ausnahmezustand mit strengen Kontrollen, Bußgeldern und starken Eingriffen in den Alltag.

Mit der Dauer der Pandemie verändert sich jedoch nicht nur das politische Handeln, sondern auch die gesellschaftliche Wahrnehmung von Normalität. Die Pandemie führt zu einer Situation, in der vertraute Orientierungsmuster nicht mehr zuverlässig funktionieren. Begriffe wie neue Normalität versuchen zwar diese Situation zu beschreiben, greifen jedoch zu kurz. Stattdessen entsteht eine Lage, die der Autor als Paranormalität bezeichnet. Damit meint er eine Welt, in der alte Strukturen weiter bestehen, aber gleichzeitig grundlegend verändert sind.

In dieser Situation verlieren traditionelle gesellschaftliche Autoritäten und Ordnungssysteme an Selbstverständlichkeit. Staatliche Institutionen, Wissenschaft und auch die Kirchen müssen ihre Rolle neu bestimmen. Die Wissenschaft liefert zwar zahlreiche Studien und Erkenntnisse, kann jedoch keine vollständige Sicherheit bieten. Dadurch wächst das Bedürfnis vieler Menschen nach eindeutigen Erklärungen und klaren Systemen. Der Autor bezeichnet dieses Bedürfnis als Systemerei. Menschen versuchen, komplexe und widersprüchliche Entwicklungen in ein verständliches Ordnungssystem zu bringen.

Ein Teil der gesellschaftlichen Proteste gegen Corona Maßnahmen erklärt sich aus diesem Bedürfnis nach Kontrolle. Viele Menschen empfinden die Einschränkungen als Verlust ihrer Selbstbestimmung und richten ihren Protest gegen Politik und Regierung. Dabei übersehen sie, dass nicht politische Entscheidungen allein die Situation bestimmen, sondern auch die unkontrollierbare Dynamik der Natur.

Besonders sichtbar wird diese Veränderung bei der Frage nach der gesellschaftlichen Bedeutung von Religion. Während der Pandemie geraten Kirchen teilweise in eine passive Rolle, weil Gottesdienste eingeschränkt werden und religiöse Praxis erschwert wird. In Deutschland bleibt die seelsorgliche Versorgung teilweise erhalten, während sie in Frankreich stärker eingeschränkt ist. Dies zeigt, dass Religion in einem laizistischen Staat eine geringere gesellschaftliche Systemrelevanz besitzt.

Der Autor erinnert in diesem Zusammenhang an die bekannte These, dass der freiheitliche Staat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht garantieren kann. Religion spielte lange Zeit eine wichtige Rolle für die moralischen Grundlagen demokratischer Gesellschaften. Heute scheint diese Rolle schwächer geworden zu sein. Stattdessen erhebt der Staat selbst das Leben zum höchsten Wert und richtet seine Politik stark auf den Schutz des Lebens aus.

Die Pandemie verändert auch die soziale Struktur der Gesellschaft. Menschen orientieren sich zunehmend an kleineren Bezugsgruppen, in denen eigene Normen und Vorstellungen entstehen. Unterschiedliche Gruppen entwickeln jeweils eigene Vorstellungen davon, was als normal gilt. Dadurch entsteht eine Vielzahl nebeneinander bestehender Perspektiven. Es gibt kein gemeinsames gesellschaftliches Zentrum mehr, sondern viele unterschiedliche Zentren.

Diese Entwicklung beschreibt der Autor als polyzentrische Gesellschaft ohne eindeutige Mitte. Menschen sind gleichzeitig normal und abweichend, je nachdem aus welcher Perspektive man ihr Verhalten betrachtet. Innerhalb der eigenen Gruppe erscheint das eigene Verhalten selbstverständlich, während andere Gruppen als abweichend wahrgenommen werden.

Die Pandemie beschleunigt diese Entwicklung und macht sichtbar, dass moderne Vorstellungen von einer einheitlichen gesellschaftlichen Ordnung nicht mehr ausreichen. Stattdessen entsteht eine komplexe Welt mit vielen unterschiedlichen Lebensformen und Wahrheiten. Die zentrale Herausforderung besteht darin, in dieser Vielfalt weiterhin friedlich zusammenzuleben.

Der Autor sieht darin eine grundlegende Transformation der modernen Gesellschaft. Die Postmoderne beendet zwar den übermäßigen Glauben an die Vernunft der Moderne, bringt jedoch neue Probleme hervor. Eine zentrale Frage der Zukunft lautet daher, wie unterschiedliche Lebenswelten und Überzeugungen auf einem gemeinsamen Planeten miteinander existieren können. Vielfalt erfordert Distanz und gegenseitige Anerkennung von Unterschiedlichkeit.

Für die Kirchen bedeutet diese Situation eine besondere Herausforderung. Sie müssen entscheiden, ob sie lediglich an traditionellen Formen festhalten oder ob sie neue Wege finden, um Menschen in einer pluralen und unsicheren Welt Orientierung zu geben.

Hessen

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Rheinland-Pfalz

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