Der Artikel von Wolfgang Sander behandelt die Entwicklung und gegenwärtige Situation des Politikunterrichts im deutschsprachigen Raum. Historisch betrachtet, basiert Politikunterricht auf einer langen Tradition politischer Bildung, die bereits bei der Gründung der modernen Schule im 16. Jahrhundert mit der Stabilisierung der politischen Ordnung verknüpft war. Nach 1945 wurde Politikunterricht als eigenständiges Fach in Westdeutschland eingeführt, allerdings zunächst mit großer Unsicherheit über Ausgestaltung und Benennung. Die fehlende bundeseinheitliche Bezeichnung führte zu einer Vielzahl konkurrierender Fachbezeichnungen wie Gemeinschaftskunde, Sozialkunde oder Politik und Wirtschaft, was die Profilierung des Faches erheblich erschwerte. Der Stundenanteil des Fachs ist in den meisten Bundesländern gering und bewegt sich zwischen 0,5 und 4,4 Prozent der Unterrichtszeit, was zu hohem Anteil an fachfremdem Unterricht führt. Trotz dieser Schwächen hat sich seit der Etablierung des eigenständigen Faches eine professionelle Infrastruktur entwickelt, die Lehrerausbildung, Schulbuchentwicklung, Fachverbände wie die GPJE und DVPB sowie Bundeszentralen und Landeszentralen für politische Bildung umfasst. Historisch lässt sich zeigen, dass politische Bildung lange Zeit durch Religionsunterricht vermittelt wurde und später durch Geschichts-, Geographie- und Deutschunterricht übernommen wurde. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstand eine intensive Debatte über ein eigenständiges Fach für Staatsbürgerkunde, getrieben durch die Angst vor sozialistischen und kommunistischen Ideen. Der Artikel verdeutlicht das Spannungsverhältnis zwischen der langen Tradition politischer Bildung und der relativ jungen Etablierung eines eigenständigen Unterrichtsfaches sowie zwischen institutionellen Schwächen und gewachsener Professionalität.