Reformpädagogik wird systematisch als eine pädagogisch-theologische Kategorie analysiert, die auf der Differenz zwischen dem gegenwärtigen Zustand (Schon-Jetzt) und einem angestrebten Idealzustand (Noch-Nicht) basiert. Die beiden regulativen Ideen des verlorenen Paradieses und des Reich Gottes fungieren als Maßstäbe zur Kritik gegenwärtiger Verhältnisse und als Vorbilder für alternative Erziehungsprozesse. Der Autor unterscheidet zwischen einer ökonomischen Variante von Reformpädagogik, die als Reaktion auf gesellschaftliche Defizite fungiert, und einer utopischen Variante, die Erziehung als Motor gesellschaftlicher Transformation begreift. Rousseaus "Emile" exemplifiziert die radikale utopische Ausrichtung, die Erlösung durch naturgemäße Erziehung anstrebt. Historisch bezieht sich der deutschsprachige Begriff Reformpädagogik auf Praktiken und Programme von Pädagogen des frühen 20. Jahrhunderts (1890-1933), die in verschiedenen Bewegungen wie der Kunsterziehungsbewegung und Landerziehungsheimbewegung organisiert waren. Der Zeitraum war geprägt durch Industrialisierung, Kulturkritik und schließlich durch die Hoffnungen der Weimarer Republik, mittels Neuer Erziehung den Neuen Menschen hervorzubringen. Zentrale Reformforderungen wie das Arbeitsschul-Prinzip und die Einheitsschule fanden Eingang in die Weimarer Reichsverfassung. Peter Petersen und sein Jena-Plan gehörten zu den bedeutendsten theoretischen Konkretisierungen. Das Jahr 1933 markierte das Ende dieser reformpädagogischen Epoche, wobei einzelne Reformer unterschiedliche Wege gingen.