Der Artikel geht von der klassischen ethischen Frage aus, was einen Menschen moralisch gut macht. Der Autor greift dabei philosophische Positionen von Kant, Aristoteles und anderen Denkern auf und verbindet sie mit der biblischen Tradition. Kant betont, dass nicht nur das Ergebnis einer Handlung, sondern vor allem der gute Wille moralisch entscheidend ist. Dieser gute Wille zeigt sich darin, andere Menschen niemals nur als Mittel zu behandeln, sondern immer auch als Zweck an sich. In der christlichen Tradition wird diese Haltung mit der Liebe zum Mitmenschen beschrieben. Liebe bedeutet in diesem Zusammenhang, zu wollen, dass der andere Mensch existiert und in Freiheit leben kann.
Aus dieser Perspektive wird deutlich, dass das eigentliche Gute in der Güte gegenüber anderen Menschen besteht. Die Erfahrung von Güte prägt menschliche Beziehungen und Erinnerungen besonders stark. Menschen bewundern Güte stärker als Fähigkeiten, Erfolg oder Intelligenz. Deshalb bildet die Güte des Herzens den Kern moralischen Handelns.
Der Autor beobachtet jedoch, dass die gegenwärtige öffentliche Moral häufig anders funktioniert. Im Mittelpunkt steht oft nicht das aktive Wohl des anderen, sondern die Forderung, andere nicht zu diskriminieren, nicht zu beleidigen und nicht zu benachteiligen. Diese Haltung ist zwar grundsätzlich gerechtfertigt, weil Menschen einander tatsächlich häufig verletzen und ungerecht behandeln. Dennoch bleibt sie unvollständig. Das bloße Unterlassen von Unrecht schafft noch keine echte Menschlichkeit. Wenn alles Unrecht verschwinden würde, entstünde dadurch nicht automatisch eine Welt voller Güte. Die Abwesenheit von Unmenschlichkeit bedeutet noch nicht die Anwesenheit von Menschlichkeit.
Der Autor kritisiert deshalb moralische Bewegungen, die sich vor allem als Kampf gegen Diskriminierung verstehen. Ein Problem besteht darin, dass die Liste möglicher Diskriminierungsgründe praktisch unbegrenzt ist. Menschen können aus vielen Gründen benachteiligt oder verspottet werden, etwa wegen Aussehen, Alter, Herkunft, Krankheit oder persönlicher Eigenschaften. Wenn Moral ausschließlich als Kampf gegen Diskriminierung verstanden wird, entsteht eine ständig wachsende Suche nach möglichen Verletzungen.
Ein weiteres Problem sieht der Autor in der zunehmenden Ausweitung von Sprachregeln und kulturellen Vorschriften. In manchen gesellschaftlichen Bereichen wird genau geregelt, welche Worte erlaubt sind oder wer bestimmte Rollen darstellen darf. Diese Entwicklung kann paradoxe Folgen haben. Sie kann dazu führen, dass Menschen sich voneinander zurückziehen, um mögliche Verletzungen zu vermeiden. Dadurch entsteht weniger Begegnung zwischen Menschen statt mehr gegenseitigem Verständnis.
Der Autor beschreibt diese Entwicklung als Übertreibung eines eigentlich berechtigten moralischen Anliegens. Seit Aristoteles gilt in der Ethik, dass Tugend häufig in der Mitte zwischen zwei Extremen liegt. Wenn der Kampf gegen Diskriminierung übertrieben wird, kann er in neue Formen der Ungerechtigkeit oder Unfreiheit umschlagen. Menschen beginnen dann, überall mögliche Kränkungen zu vermuten, wodurch Misstrauen und Distanz entstehen.
Dem stellt der Autor eine andere moralische Perspektive gegenüber. Entscheidend ist nicht der Nullpunkt der Moral, also die vollständige Vermeidung von Fehlern, sondern der positive Ausgangspunkt der Mitmenschlichkeit. Moral sollte nicht nur gegen Unrecht kämpfen, sondern vor allem für den anderen Menschen eintreten. Dazu gehören Haltungen wie Wohlwollen, Nachsicht, Unschuldsvermutung und sogar Feindesliebe. Diese Haltungen sind zentral für das christliche Verständnis von Nächstenliebe.
Das bloße Unterlassen von Schaden reicht nicht aus, um menschliches Zusammenleben zu gestalten. Toleranz ist zwar notwendig, aber sie allein trägt eine Gesellschaft nicht. Wirkliche Menschlichkeit entsteht erst dort, wo Menschen aktiv füreinander handeln und einander unterstützen.
Zur Veranschaulichung vergleicht der Autor zwei gesellschaftliche Krisen. Während der Corona Pandemie stand häufig das Vermeiden von Kontakt und Interaktion im Vordergrund. Moralisches Verhalten bestand vor allem darin, Abstand zu halten und Begegnungen zu vermeiden. Dadurch entstand die Gefahr, dass menschliche Begegnung und reale Gemeinschaft geschwächt werden.
Anders zeigte sich menschliche Moralität nach der Flutkatastrophe in Deutschland. Dort halfen viele Menschen spontan anderen, ohne sie vorher zu kennen. Freiwillige unterstützten Betroffene mit körperlicher Arbeit und praktischer Hilfe. In dieser Situation wurde deutlich sichtbar, was Mitmenschlichkeit bedeutet. Menschen handeln füreinander, weil der andere in Not ist, nicht weil Regeln sie dazu verpflichten.
Der Autor sieht darin ein Beispiel für den Kern menschlicher und christlicher Ethik. Menschlichkeit zeigt sich dort, wo Menschen füreinander da sind. Diese Haltung entspricht auch der biblischen Vorstellung, dass die Liebe zum Nächsten das Gesetz erfüllt. Wer den anderen wirklich liebt, wird ihm von selbst kein Unrecht tun. Deshalb steht am Anfang der Moral nicht das Verbot, sondern die Liebe.