Cristina Polanco geht von der alltäglichen Geräuschkulisse einer Schule aus. Rufen, Gespräche, Lachen, bewegte Stühle und zuschlagende Türen gehören zum Schulalltag. Die permanente Menge an Geräuschen und anderen Eindrücken kann jedoch zu Stress und Überforderung führen. Stille stellt für die Autorin einen wichtigen Gegenpol dar. Sie kann entspannen, die psychische Stabilität unterstützen und Menschen dabei helfen, wieder bei sich selbst anzukommen. Die Lärmbelastung besitzt zugleich eine Bedeutung für das Lernen, da Stress und Geräusche die Konzentration erschweren können. Vor diesem Hintergrund stellt Polanco die Frage, wie Ruhe und Stille trotz der gegebenen Bedingungen einen festen Platz in der Schule erhalten können.
Der Artikel beschreibt dazu praktische Erfahrungen an der Katholischen Schule Liebfrauen in Berlin. Eine erste Möglichkeit bilden kurze Atemübungen. Polanco geht davon aus, dass sich Nervosität und Stress auf die Atmung auswirken und dadurch auch Konzentration und Lernfähigkeit beeinträchtigt werden können. Vor Klassenarbeiten oder in späten Unterrichtsstunden werden deshalb kurze Phasen des bewussten Atmens eingesetzt. Die Lernenden nehmen eine entspannte Körperhaltung ein, schließen die Augen und konzentrieren sich auf das Einatmen und Ausatmen. Die Lehrkraft begleitet die Übung mit ruhigen Anweisungen und lässt bewusst Pausen entstehen.
Für eine solche Übung reichen nach den Erfahrungen der Autorin etwa fünf Minuten aus. Anschließend können kurze Dehnübungen durchgeführt werden. Polanco beobachtet, dass die Lernenden durch das bewusste Atmen zur Ruhe kommen und danach konzentrierter arbeiten. Besonders vor Klassenarbeiten habe sich gezeigt, dass weniger hektische Fragen gestellt werden und eine ruhigere Arbeitsatmosphäre entsteht. Die Übungen lassen sich auch in Vertretungsstunden einsetzen und benötigen nur wenig Vorbereitung. Darüber hinaus können Lernende erfahren, dass sie ihre eigene Atmung gezielt einsetzen können, um sich selbst zu beruhigen und ihre Emotionen zu regulieren. Die Autorin versteht Atemübungen deshalb auch als Möglichkeit, Lernenden ein alltagstaugliches Mittel zum Umgang mit Belastungen an die Hand zu geben.
Eine zweite Form ist der sogenannte Tankstopp. Dabei handelt es sich um eine wöchentlich angebotene spirituelle Auszeit von zehn Minuten während einer Pause. Lernende können freiwillig in die Kapelle kommen, statt ihre Pause auf dem Schulhof zu verbringen. Dort wird Raum für Stille geschaffen, gemeinsam gesungen und ein kurzer Impuls zu einem Thema wie Dankbarkeit oder Mut gegeben. Der Tankstopp soll eine kleine Ruheinsel innerhalb des hektischen Schulalltags darstellen. Er ermöglicht nach Polanco sowohl eine Begegnung mit sich selbst als auch eine bewusste Hinwendung zu Gott. Anschließend können die Lernenden mit neuer Kraft in den Unterricht zurückkehren.
Die auf Seite 16 abgebildeten Aussagen von Lernenden verdeutlichen, wie diese Angebote wahrgenommen werden. Die Jugendlichen berichten unter anderem davon, durch Atemübungen ruhiger und konzentrierter zu werden. Der Tankstopp wird als Möglichkeit beschrieben, im stressigen Schulalltag zur Ruhe zu kommen, neue Kraft zu gewinnen und Zeit für Gott zu haben. Damit zeigen die Rückmeldungen sowohl die persönliche als auch die spirituelle Bedeutung der Angebote.
Als dritte Möglichkeit stellt Polanco eine Yoga AG vor. Yoga wird dabei vor allem als Möglichkeit zur Stressreduktion und Körperwahrnehmung eingesetzt. Atemtechniken und körperliche Übungen werden miteinander verbunden. Die Konzentration richtet sich auf den eigenen Körper und die Atmung. Zusätzlich enthalten die Yogastunden Phasen der Entspannung in Stille oder mit meditativer Musik. Durch geschlossene Augen, wenig Sprache und reduzierte äußere Reize können die Lernenden nach einem langen Schultag zur Ruhe kommen und Stress abbauen.
Polanco betrachtet die Momente der Stille als verbindendes Element aller vorgestellten Angebote. Gerade für Lernende, die von früher Kindheit an mit Smartphones, Internet und einer großen Menge digitaler Reize aufgewachsen sind, seien bewusste Ruhephasen bedeutsam. Die Autorin stellt deshalb die Frage, wie viel echte Stille Jugendliche in ihrem Alltag überhaupt noch erleben. Zu digitalen Ablenkungen kommen die schulischen Leistungsanforderungen hinzu. Schule trägt nach Polanco eine besondere Verantwortung, weil sie ein zentraler Lebensort von Kindern und Jugendlichen ist.
Der Artikel kommt zu dem Ergebnis, dass Stille zu einer bewussten Schulkultur gehören sollte. Sie kann Lernenden Möglichkeiten eröffnen, sich zu sammeln, ihre Aufmerksamkeit zu bündeln und sich selbst bewusster wahrzunehmen. Im Kontext einer katholischen Schule erhält sie zusätzlich eine spirituelle Dimension. Stille kann Raum für religiöse Impulse und für die Beziehung zu Gott schaffen. Die vorgestellten Beispiele zeigen, dass dafür keine aufwendigen Konzepte notwendig sind. Bereits kurze und regelmäßig wiederkehrende Angebote können nach den Erfahrungen der Autorin einen Unterschied im Schulalltag bewirken.