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Zur Praxis einer Diakonie der Teilhabe:

Entdeckungen im Lukasevangelium zu Armut und Reichtum

Veröffentlichung:1.1.2025

Der Fachartikel wurde von Dr. Kristina Dronsch, Professorin für Diakoniewissenschaften an der Evangelischen Hochschule Hamburg, unter dem Titel „Zur Praxis einer Diakonie der Teilhabe: Entdeckungen im Lukasevangelium zu Armut und Reichtum“ verfasst. Er umfasst drei Seiten, S. 19 bis 21, und erschien in zeitsprung 2/2024.

Der Artikel untersucht das Verhältnis von Armut und Reichtum aus theologischer und sozialethischer Perspektive. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie das Lukasevangelium Reichtum beurteilt und welche Verantwortung daraus für das gemeinschaftliche Leben entsteht. Behandelt werden insbesondere die theologischen Probleme der sozialen Ungleichheit, der Beschämung armer Menschen, des Umgangs mit Besitz, der Verantwortung reicher Menschen, der christlichen Vorstellung eines guten Lebens und einer Diakonie der Teilhabe. Anhand des reichen Jünglings und des Gleichnisses vom reichen Mann und armen Lazarus zeigt die Autorin, dass Reichtum nicht grundsätzlich verurteilt wird. Problematisch wird er dort, wo er Menschen voneinander trennt, nur dem eigenen Wohl dient und die Not anderer ignoriert.

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Kristina Dronsch beginnt mit der Feststellung, dass Armut und Reichtum vielfältige Ursachen besitzen und nur in ihrem Verhältnis zueinander angemessen verstanden werden können. Während Armut intensiv erforscht und statistisch erfasst wird, ist über sehr reiche Menschen deutlich weniger bekannt. Die Autorin sieht darin selbst einen Ausdruck gesellschaftlicher Ungleichheit. Arme Menschen müssen häufig umfangreiche Auskünfte über ihre Lebensverhältnisse geben, während mit wachsendem Reichtum auch die geschützte Privatsphäre zunimmt. Deshalb fordert Dronsch, Armut nicht isoliert, sondern immer in ihrer Beziehung zum Reichtum zu betrachten.

Armut und Reichtum sind nach Dronsch außerdem keine neutralen Begriffe. Sie bezeichnet sie in Anlehnung an Bernard Williams als sogenannte „thick concepts“. Damit sind Begriffe gemeint, die eine Wirklichkeit nicht nur beschreiben, sondern zugleich bewerten. Reichtum wird mit etwas Gutem oder gesellschaftlich Erstrebenswertem verbunden, während Armut auf einen als negativ angesehenen Mangel verweist. Aus diesem Grund verbindet die Autorin Armut mit Scham und Beschämung. Armut kann für Betroffene besonders dann beschämend werden, wenn sie sichtbar wird. In Anlehnung an Erving Goffman beschreibt Dronsch die Gefahr einer möglichen Diskreditierung. Ein Mensch kann also befürchten, abgewertet zu werden, sobald seine Armut bekannt wird. Viele Erfahrungen von Beschämung, Beleidigung und Erniedrigung bleiben deshalb gesellschaftlich und auch schulisch zunächst unsichtbar. Für den Religionsunterricht ist diese Einsicht besonders relevant, weil auch Lernende von solchen Erfahrungen betroffen sein können oder mit ihnen in Berührung kommen.

Anschließend richtet Dronsch den Blick auf die Bibel. Die Schriften des Alten und Neuen Testaments beschreibt sie als sensibel für Scham sowie für die Zusammenhänge von Armut und Reichtum. Eine besondere Bedeutung misst sie dem Lukasevangelium bei. Dort geht es ihrer Interpretation zufolge nicht lediglich darum, Besitz aufzugeben. Vielmehr fordert das Evangelium ein Umdenken darüber, wie Menschen miteinander leben und wie sie mit dem Guten umgehen, das ihnen zur Verfügung steht.

Dronsch wendet sich deshalb gegen eine Interpretation des Lukasevangeliums als reine Verzichtsethik. Sie beschreibt die entscheidende Bewegung als Übergang vom „ego sum“ zum „ego cum“. Im Mittelpunkt steht also nicht das isolierte Ich, sondern das Ich in Gemeinschaft mit anderen. Reichtum soll dementsprechend als etwas verstanden werden, das mit anderen geteilt werden kann. Dabei reicht es nicht aus, Armen lediglich einen kleinen Teil des eigenen Überflusses abzugeben und die bestehenden Verhältnisse ansonsten unverändert zu lassen. Eine solche Form der Solidarität bezeichnet Dronsch als „billige Solidarität“. Wirkliche Teilhabe bedeutet für sie, Menschen in eine Position zu bringen, in der sie selbst geben und nehmen können. Die Armen sollen damit nicht lediglich Empfänger von Hilfe bleiben, sondern als gleichberechtigte Mitglieder der Gemeinschaft handeln können.

Reichtum wird im Lukasevangelium nach dieser Interpretation insbesondere dann problematisch, wenn er das Denken eines Menschen beherrscht oder auf Kosten anderer erworben wurde. Dronsch erläutert dies anhand der Erzählung vom reichen Jüngling in Lukas 18. Der materielle Reichtum bestimmt dessen Begehren so stark, dass er sich nicht von ihm lösen kann. Die Erzählung macht für die Autorin zugleich deutlich, dass wirtschaftliches Handeln nicht einfach alternativlos ist. Menschen können sich entscheiden, ob sie ihr Handeln ausschließlich auf sich selbst oder auf das gemeinschaftliche Leben ausrichten.

Besonders ausführlich beschäftigt sich der Artikel mit dem Gleichnis vom reichen Mann und dem armen Lazarus aus Lukas 16. Der reiche Mann lebt im Überfluss, während Lazarus unmittelbar vor seiner Tür Not leidet. Der Reiche nimmt dessen Situation nicht zum Anlass, sein Leben zu verändern. Nach dem Tod wird Lazarus getröstet, während der Reiche im Hades leidet. Entscheidend ist für Dronsch nicht, dass der Mann allein wegen seines Reichtums verurteilt wird. Problematisch ist vielmehr, dass er die Not des Lazarus kennt oder zumindest erkennen könnte und dennoch ignoriert. Die Schriften des Mose und der Propheten hätten ihm bereits das notwendige Wissen für eine andere Lebensführung gegeben.

Dronsch versteht das Gleichnis deshalb als eine Erzählung gesellschaftlicher Transformation. Ein gutes Leben kann nach dieser Interpretation nicht ausschließlich am eigenen Wohlergehen ausgerichtet werden. Wer viel von dem besitzt, was gut und teilbar ist, trägt Verantwortung für die Gemeinschaft. Der Mitmensch wird damit zum notwendigen Bezugspunkt der eigenen Lebensführung. Das „ego cum“ bezeichnet eine Vorstellung des guten Lebens, in der der Mensch sich selbst nicht unabhängig von anderen versteht.

Am Ende überträgt die Autorin diese Beobachtungen auf gegenwärtige gesellschaftliche Debatten. Das Lukasevangelium lädt ihrer Auffassung nach zu einer gemeinschaftlichen und politischen Kritik des Reichtums ein. Diese Kritik lehnt Reichtum nicht grundsätzlich ab und fordert auch nicht einfach ein bestimmtes moralisches Verhalten von reichen Menschen. Sie fragt vielmehr danach, welche Formen von Reichtum mit bestimmten Vorstellungen eines guten gemeinschaftlichen Lebens vereinbar sind und welche nicht. Daraus ergibt sich die Aufgabe, gesellschaftlich darüber zu diskutieren, wie Armut, Reichtum, Teilhabe und gutes Zusammenleben gestaltet werden sollen. Kirche, Diakonie und Gesellschaft sollen diese Fragen nicht ausklammern. Theologie soll sich vielmehr mit eigenen begründeten Positionen an aktuellen Diskussionen über Armut und Reichtum beteiligen.

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