Anke Silomon untersucht in ihrem Fachartikel das Verhältnis evangelischer Christen zur staatlichen Macht während des Nationalsozialismus und in der Deutschen Demokratischen Republik. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie protestantische Kirchen, religiöse Gemeinschaften und einzelne Gläubige auf diktatorische Herrschaft reagierten und welche theologischen Überzeugungen ihr Verhalten beeinflussten. Dabei unterscheidet die Autorin ausdrücklich zwischen den historischen Bedingungen beider Diktaturen. Sie betont, dass der Nationalsozialismus und die DDR aufgrund ihrer unterschiedlichen Ideologien, Herrschaftsmethoden und Formen staatlicher Verfolgung nicht gleichgesetzt werden dürfen. Während der nationalsozialistische Staat systematisch Menschen verfolgte und ermordete, waren die staatlichen Repressionen in der DDR in ihrer Intensität und ihren Folgen grundsätzlich anders. Dennoch lassen sich in beiden historischen Zusammenhängen Beispiele für christlich motivierte Opposition, Gewissensentscheidungen und Widerstand gegen staatliche Eingriffe in das religiöse und gesellschaftliche Leben finden.
Zu Beginn beschreibt Silomon die historische Entwicklung des Verhältnisses zwischen Kirche und Staat in Deutschland. Bereits seit dem 19. Jahrhundert wurde über die Trennung staatlicher und kirchlicher Macht diskutiert. Mit der Weimarer Reichsverfassung von 1919 wurde das bisherige Staatskirchensystem abgelöst und das Verhältnis zwischen Religionsgemeinschaften und Staat neu geregelt. Religionsfreiheit, die weltanschauliche Neutralität des Staates und die Selbstbestimmung der Religionsgemeinschaften bildeten wichtige Grundlagen dieser Ordnung. Die Kirchen blieben gesellschaftlich und öffentlich präsent, wurden jedoch rechtlich aus der unmittelbaren staatlichen Herrschaftsstruktur herausgelöst. Diese Regelungen wirkten über die Weimarer Republik hinaus und beeinflussten sowohl die Verfassungsordnung der Bundesrepublik Deutschland als auch die rechtlichen Bestimmungen der frühen DDR. Die tatsächliche Stellung der Kirchen hing allerdings wesentlich von den politischen Machtverhältnissen und dem Umgang der jeweiligen Regierung mit religiösen Gemeinschaften ab.
Anschließend erläutert die Autorin unterschiedliche theologische Vorstellungen innerhalb des Protestantismus, die für das Verhalten evangelischer Christen gegenüber staatlicher Obrigkeit von Bedeutung waren. Eine wichtige Rolle spielte die lutherische Zwei Reiche Lehre, nach der zwischen dem geistlichen Bereich des Glaubens und dem weltlichen Bereich staatlicher Herrschaft unterschieden wird. Viele lutherisch geprägte Christen leiteten daraus eine Zurückhaltung gegenüber politischen Fragen ab und betrachteten staatliche Angelegenheiten als einen eigenständigen Verantwortungsbereich. Demgegenüber vertraten Anhänger der dialektischen Theologie Karl Barths die Auffassung, dass die Herrschaft Jesu Christi für sämtliche Lebensbereiche gelte. Daraus folgte die Überzeugung, dass sich staatliches Handeln nicht von göttlichen Geboten und christlichen Maßstäben lösen dürfe. Diese unterschiedlichen theologischen Positionen beeinflussten wesentlich, ob evangelische Christen staatliche Herrschaft akzeptierten, sich politisch zurückhielten oder aktiven Widerstand leisteten.
Für die Zeit des Nationalsozialismus beschreibt Silomon zunächst den Versuch des Regimes, die evangelischen Kirchen ideologisch und organisatorisch gleichzuschalten. Die nationalsozialistisch orientierten Deutschen Christen unterstützten die Anpassung der Kirche an die politischen Vorstellungen des Regimes und übernahmen wichtige kirchliche Leitungsfunktionen. Eine Minderheit evangelischer Christen widersetzte sich dieser Entwicklung und gründete die Bekennende Kirche. Diese verabschiedete 1934 auf ihrer ersten Bekenntnissynode die Barmer Theologische Erklärung, die maßgeblich von Karl Barth geprägt war. In sechs theologischen Thesen wandte sich die Erklärung gegen den Anspruch des nationalsozialistischen Staates, die christliche Verkündigung und das kirchliche Bekenntnis zu bestimmen. Im Zentrum stand die Überzeugung, dass allein Jesus Christus die verbindliche Grundlage des christlichen Glaubens und der kirchlichen Verkündigung sei.
Silomon weist jedoch darauf hin, dass die Bekennende Kirche nicht grundsätzlich als politische Widerstandsbewegung gegen den Nationalsozialismus verstanden werden darf. Ihr anfänglicher Widerstand richtete sich vor allem gegen die staatliche Vereinnahmung der Kirche und die Verfälschung des christlichen Glaubens durch die Deutschen Christen. Eine ausdrückliche Verurteilung der nationalsozialistischen Menschenrechtsverletzungen war in der Barmer Theologischen Erklärung nicht enthalten. Viele Mitglieder der Bekennenden Kirche hatten den politischen Machtwechsel von 1933 zunächst begrüßt und hofften auf eine Wiederherstellung staatlicher Ordnung. Erst im weiteren Verlauf entwickelten einzelne Vertreter der Bekennenden Kirche eine deutlichere politische Opposition gegen das nationalsozialistische Regime. Diese Entwicklung macht deutlich, dass kirchlicher Widerstand gegen staatliche Eingriffe nicht zwangsläufig mit einer grundsätzlichen Ablehnung der politischen Diktatur verbunden war.
Eine zentrale Persönlichkeit des theologischen Widerstands war Karl Barth. Er vertrat die Auffassung, dass Christen unter bestimmten Umständen nicht nur das Recht, sondern sogar die religiöse Pflicht hätten, einer ungerechten staatlichen Macht entgegenzutreten. Besonders angesichts der Judenverfolgung und der nationalsozialistischen Gewaltverbrechen forderte Barth ein entschiedeneres Handeln der Christen. Er hielt unter extremen Bedingungen auch gewaltsamen Widerstand gegen eine tyrannische Herrschaft für ethisch gerechtfertigt, wenn dadurch unschuldiges Leben geschützt werden konnte. Damit stellte er die Frage nach den Grenzen des Gehorsams gegenüber staatlicher Autorität und nach der Verantwortung des christlichen Gewissens.
Besonders ausführlich behandelt Silomon den evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer, dessen Denken wesentlich von der Theologie Karl Barths beeinflusst war. Bonhoeffer verstand den christlichen Glauben als Verpflichtung zu verantwortlichem Handeln gegenüber staatlichem Unrecht. Er beteiligte sich am politischen Widerstand gegen Hitler und stand mit Personen in Verbindung, die Attentate und einen politischen Umsturz vorbereiteten. Seine Beteiligung verdeutlicht, dass christliche Verantwortung unter bestimmten historischen Bedingungen über öffentliche Kritik hinausgehen und aktiven Widerstand gegen ein verbrecherisches Regime einschließen konnte. Bonhoeffer wurde kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs hingerichtet. Auch weitere Mitglieder der Bekennenden Kirche verloren aufgrund ihres Widerstands ihr Leben.
Neben Bonhoeffer stellt die Autorin unterschiedliche christlich geprägte Widerstandsgruppen vor. Dazu gehörte der Kreisauer Kreis, in dem Menschen verschiedener gesellschaftlicher Schichten und christlicher Konfessionen gemeinsam über eine politische und gesellschaftliche Neuordnung Deutschlands nach dem Nationalsozialismus nachdachten. Die Mitglieder verband die Ablehnung des nationalsozialistischen Herrschaftssystems und die Suche nach einer gerechteren Gesellschaftsordnung. Auch die Widerstandsgruppe Weiße Rose wird ausführlich behandelt. Ihre Mitglieder, darunter Hans und Sophie Scholl, Christoph Probst, Willi Graf und Alexander Schmorell, waren in unterschiedlicher Weise durch christliche Überzeugungen geprägt. Angesichts der Verfolgung und Ermordung von Juden sowie der Gewalt gegen politische Gegner entschieden sie sich, durch Flugblätter über die Verbrechen des Regimes aufzuklären und zum Widerstand aufzurufen. Mehrere Mitglieder wurden 1943 verhaftet und hingerichtet.
Ein weiteres Beispiel bildet der Freiburger Widerstandskreis, dessen Mitglieder überwiegend der Bekennenden Kirche nahestanden. Die Gruppe beschäftigte sich mit politischen und gesellschaftlichen Fragen und unterhielt Verbindungen zu anderen Widerstandskreisen. Silomon verdeutlicht damit, dass protestantischer Widerstand nicht auf einzelne bekannte Persönlichkeiten beschränkt war, sondern unterschiedliche gesellschaftliche und kirchliche Netzwerke umfasste. Diese Gruppen verfolgten teilweise verschiedene politische Ziele, waren jedoch durch die Ablehnung nationalsozialistischer Herrschaft und die Suche nach einer verantwortbaren gesellschaftlichen Ordnung miteinander verbunden.
Besondere Aufmerksamkeit widmet die Autorin einzelnen evangelischen Christen, die aus persönlichen Glaubensüberzeugungen und Gewissensentscheidungen Widerstand leisteten. Der Staatswissenschaftler Hermann Stöhr verweigerte aus Gewissensgründen den Kriegsdienst und wurde deshalb zum Tode verurteilt und hingerichtet. Der Jurist Hermann Reinmuth setzte sich für politisch Verfolgte und deren Angehörige ein und starb nach seiner Inhaftierung im Konzentrationslager Sachsenhausen. Der evangelische Theologe Werner Sylten widersetzte sich der nationalsozialistischen Einflussnahme auf seine soziale und kirchliche Arbeit. Aufgrund seiner jüdischen Herkunft und seines Engagements geriet er zunehmend unter Druck, wurde inhaftiert und schließlich im Rahmen der nationalsozialistischen Krankenmorde ermordet. Diese Lebensgeschichten zeigen, dass christlicher Widerstand sehr unterschiedliche Formen annehmen konnte, darunter Kriegsdienstverweigerung, rechtlicher Beistand, soziale Hilfe und die bewusste Ablehnung menschenverachtender staatlicher Anordnungen.
Besonders ausführlich beschreibt Silomon das Leben und Handeln des evangelischen Juristen Lothar Kreyssig. Dieser entwickelte sich von einer zunächst teilweise nationalkonservativen Haltung zu einem entschiedenen Gegner nationalsozialistischer Rechtsverletzungen. Als Vormundschaftsrichter wurde er auf die systematische Ermordung von Menschen mit geistigen und psychischen Erkrankungen aufmerksam. Aus christlicher Überzeugung und aufgrund seines Rechtsverständnisses lehnte er den staatlichen Anspruch ab, über den Wert und die Lebensberechtigung von Menschen entscheiden zu dürfen. Er protestierte gegen die nationalsozialistischen Krankenmorde, wandte sich an staatliche Stellen und versuchte, die ihm anvertrauten Menschen durch rechtliche Maßnahmen vor ihrer Ermordung zu schützen.
Kreyssig vertrat die Überzeugung, dass staatliche Macht nicht allein durch den Willen eines politischen Führers rechtmäßig werde. Vielmehr müsse staatliches Handeln an grundlegenden ethischen und rechtlichen Maßstäben gemessen werden. Seine Weigerung, die nationalsozialistischen Tötungsmaßnahmen anzuerkennen, führte schließlich zu seiner Zwangspensionierung. Zugleich engagierte er sich für politisch Verfolgte, jüdische Menschen und gesellschaftlich Benachteiligte. Sein Handeln verdeutlicht exemplarisch das Spannungsverhältnis zwischen staatlicher Gesetzgebung, persönlichem Gewissen und christlicher Verantwortung für die Würde und das Leben jedes Menschen.
Im zweiten großen Themenbereich untersucht Silomon die Stellung evangelischer Christen und Kirchen in der DDR. Am Beispiel Lothar Kreyssigs zeigt sie zunächst, dass einzelne Christen nach dem Ende des Nationalsozialismus erneut mit einem Staat in Konflikt geraten konnten, der ihre religiöse Unabhängigkeit und gesellschaftliche Tätigkeit einschränken wollte. Kreyssig übernahm nach 1945 kirchliche Leitungsaufgaben und geriet zunehmend in Auseinandersetzungen mit der sowjetischen Militärverwaltung und später mit den staatlichen Behörden der DDR. Die Autorin betont jedoch, dass die Verfolgung christlicher Menschen in der DDR nicht mit der systematischen Vernichtungspolitik des Nationalsozialismus gleichgesetzt werden darf. Zwar kam es insbesondere in den frühen Jahren der DDR zu Verhaftungen, politischen Prozessen und erheblichen persönlichen Benachteiligungen. Die Lebensbedingungen evangelischer Christen unterschieden sich jedoch grundsätzlich von den Verhältnissen während der nationalsozialistischen Herrschaft.
Die evangelische Kirche nahm in der DDR eine besondere gesellschaftliche Stellung ein, weil sie als große Organisation eine gewisse Unabhängigkeit vom sozialistischen Staat bewahren konnte. Die politische Führung der SED betrachtete Religion zunächst als überholtes gesellschaftliches Phänomen, das mit der Entwicklung des Sozialismus an Bedeutung verlieren werde. Dennoch blieb die Kirche ein wichtiger Ort religiöser Gemeinschaft, gesellschaftlicher Orientierung und sozialer Unterstützung. Ihre Aufgabe beschränkte sich nicht auf Gottesdienst und Verkündigung. Sie übernahm zunehmend Verantwortung für Menschen, die durch staatliche Maßnahmen benachteiligt wurden oder keine Möglichkeit hatten, ihre Anliegen öffentlich zu vertreten. Damit entwickelte sich die Kirche zu einem wichtigen gesellschaftlichen Schutzraum.
Silomon beschreibt außerdem die organisatorische Entwicklung der evangelischen Kirchen während der deutschen Teilung. Zunächst blieben die ostdeutschen Landeskirchen Teil der gesamtdeutschen Evangelischen Kirche in Deutschland. Die gemeinsamen kirchlichen Strukturen standen jedoch zunehmend im Widerspruch zu den politischen Interessen der DDR Führung. Unter wachsendem staatlichem Druck gründeten die ostdeutschen Kirchen 1969 den Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR. Dieser wurde 1972 staatlich anerkannt und konnte als eigenständiger kirchlicher Gesprächspartner gegenüber der politischen Führung auftreten. Ein wichtiges Ereignis war das Gespräch zwischen Vertretern von Staat und Kirche am 6. März 1978. Obwohl die dabei erzielten Vereinbarungen nur begrenzte praktische Bedeutung hatten, besaß das Treffen einen hohen symbolischen Wert.
In diesem Zusammenhang erläutert Silomon die Bedeutung der Bezeichnung Kirche im Sozialismus. Die evangelischen Kirchen verstanden darunter vor allem ihre tatsächliche Existenz und ihren religiösen Auftrag innerhalb einer sozialistischen Gesellschaft. Die staatliche Führung versuchte dagegen, diese Formulierung als Ausdruck politischer Zustimmung zum sozialistischen System zu interpretieren. Daraus entstanden Spannungen zwischen kirchlicher Selbstbestimmung und staatlichen Erwartungen. Die Kirchen mussten immer wieder entscheiden, inwieweit sie mit staatlichen Stellen zusammenarbeiten konnten, ohne ihre religiöse Unabhängigkeit und ihre Verantwortung gegenüber den Gläubigen aufzugeben.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die gesellschaftliche und politische Opposition unter dem Dach der evangelischen Kirche. Kirchliche Vertreter äußerten sich zu staatlichen Eingriffen in das religiöse Leben, zur Benachteiligung christlicher Jugendlicher, zur Jugendweihe, zum Wehrkundeunterricht und zur zunehmenden Militarisierung der Gesellschaft. Besonders wichtig wurde die kirchlich geprägte Friedensbewegung, deren Symbol Schwerter zu Pflugscharen auf einer biblischen Friedensvorstellung beruhte. Zahlreiche evangelische Christen engagierten sich außerdem in Umweltgruppen, Menschenrechtsinitiativen, Frauengruppen und entwicklungspolitischen Bewegungen. Die kirchlichen Räume ermöglichten Begegnungen und Diskussionen, die außerhalb der Kirche nur eingeschränkt stattfinden konnten.
Die Autorin zeigt, dass sich innerhalb dieser Gruppen unterschiedliche politische Zielvorstellungen entwickelten. Manche oppositionellen Christen wollten die DDR nicht grundsätzlich abschaffen, sondern durch demokratische Reformen verändern. Sie forderten freie Wahlen, Bürgerrechte, Reisefreiheit und eine Entmilitarisierung der Gesellschaft. Andere Menschen wollten vor allem die DDR verlassen. Zwischen diesen Gruppen bestanden unterschiedliche Interessen und politische Vorstellungen. Auch die Haltung der kirchlichen Leitung war nicht einheitlich. Während einzelne Kirchenvertreter eine stärkere Anpassung an die staatlichen Verhältnisse befürworteten, unterstützten andere die oppositionellen Gruppen oder verteidigten deren Recht auf gesellschaftliches Engagement. Die Bereitschaft kirchlicher Amtsträger, staatlichem Druck entgegenzutreten, beeinflusste wesentlich, welche Handlungsmöglichkeiten oppositionelle Gruppen besaßen.
Abschließend stellt Silomon fest, dass evangelische Christen sowohl im Nationalsozialismus als auch in der DDR unter schwierigen politischen Bedingungen ihr Verhältnis zu staatlicher Macht bestimmen mussten. Manche passten sich an, andere zogen sich aus politischen Auseinandersetzungen zurück, und wieder andere entwickelten aus ihrem Glauben heraus Formen des Widerstands. Dabei spielten unterschiedliche theologische Traditionen und persönliche Gewissensentscheidungen eine wichtige Rolle. Die Autorin betont, dass sich die konkreten historischen Bedingungen beider Diktaturen erheblich unterschieden und deshalb keine unmittelbare Gleichsetzung des Widerstands möglich ist.
Als grundlegende Gemeinsamkeit erkennt Silomon jedoch die Herausforderung, christliche Überzeugungen unter den Bedingungen staatlicher Bevormundung zu bewahren und öffentlich zu vertreten. Christliche Werte wie Gerechtigkeit, Nächstenliebe, Friedfertigkeit und die Verantwortung für gefährdete Menschen konnten zu einer kritischen Haltung gegenüber staatlicher Macht führen. Nach der deutschen Wiedervereinigung mussten viele ostdeutsche Christen allerdings feststellen, dass ihre in der DDR gewonnenen Erfahrungen und gesellschaftlichen Handlungsmöglichkeiten in der pluralistischen Bundesrepublik nicht dieselbe Bedeutung besaßen. Die Autorin schließt mit der Beobachtung, dass christliche Stellungnahmen zu politischen und gesellschaftlichen Fragen auch in einer demokratischen Gesellschaft Gefahr laufen, wenig Beachtung zu finden.
Für den Religionsunterricht bietet der Fachartikel zahlreiche Möglichkeiten, die Beziehung zwischen christlichem Glauben, Gewissensfreiheit und politischer Verantwortung zu untersuchen. Lernende können anhand historischer Beispiele erkennen, dass christliche Überzeugungen nicht automatisch zu Widerstand führen, sondern auch mit Anpassung oder politischer Zurückhaltung verbunden sein können. Besonders die Lebensgeschichten von Dietrich Bonhoeffer, Hermann Stöhr, Werner Sylten und Lothar Kreyssig ermöglichen eine Auseinandersetzung mit der Frage, wann Gehorsam gegenüber staatlichen Anordnungen endet und persönliche Verantwortung beginnt. Darüber hinaus können Lernende die Bedeutung der Barmer Theologischen Erklärung, die Rolle der evangelischen Kirche in der DDR und die theologischen Grundlagen christlicher Friedensarbeit untersuchen. Der Text eignet sich insbesondere zur Reflexion über Zivilcourage, Menschenwürde, Gewissensentscheidungen und die Verantwortung von Christen gegenüber politischem Unrecht.