In ihrem Fachartikel „Religionen in Konflikten – eine Herausforderung für die Friedenspolitik“ beschäftigen sich Andreas Hasenclever und Alexander De Juan mit der Frage, welche Rolle Religionen bei der Entstehung, Verschärfung und Verhinderung gewaltsamer Konflikte spielen. Ausgangspunkt ihrer Untersuchung ist die verbreitete Vorstellung, dass religiöse Unterschiede zwangsläufig zu Spannungen, Feindschaft und kriegerischen Auseinandersetzungen führen. Die Autoren widersprechen dieser vereinfachenden Annahme und zeigen anhand wissenschaftlicher Untersuchungen, dass die Zusammenhänge zwischen Religion und Gewalt wesentlich komplexer sind. Obwohl religiöse Bewegungen seit den achtziger Jahren weltweit an Bedeutung gewonnen haben, ist die Zahl bewaffneter Konflikte seit Mitte der neunziger Jahre zurückgegangen. Daraus schließen die Autoren, dass die zunehmende gesellschaftliche Bedeutung von Religion nicht automatisch zu mehr Gewalt führt.
Im ersten Teil des Artikels setzen sich die Autoren mit der These auseinander, dass unterschiedliche religiöse Überzeugungen eine wesentliche Ursache für Kriege darstellen. Sie beziehen sich dabei insbesondere auf die Vorstellungen Samuel Huntingtons, der Konflikte zwischen verschiedenen Kulturkreisen als prägend für die internationale Politik betrachtet. Empirische Untersuchungen zeigen jedoch, dass Staaten unterschiedlicher Religionszugehörigkeit nicht grundsätzlich häufiger gegeneinander Krieg führen als Staaten desselben Religionskreises. Auch bei Bürgerkriegen lässt sich kein eindeutiger Zusammenhang zwischen religiöser Vielfalt und dem Ausbruch bewaffneter Konflikte feststellen. Vielmehr entstehen Kriege überwiegend durch politische Machtkämpfe, wirtschaftliche Interessen, gesellschaftliche Ungleichheit und den Zerfall staatlicher Strukturen.
Besonders bedeutsam sind nach Ansicht der Autoren wirtschaftliche Krisen und die Schwächung staatlicher Institutionen. Wenn wirtschaftliche Ressourcen knapp werden, entstehen häufig Verteilungskonflikte zwischen konkurrierenden politischen Gruppen. Gleichzeitig verlieren staatliche Institutionen bei wirtschaftlichem Niedergang zunehmend die Fähigkeit, gesellschaftliche Spannungen zu kontrollieren. Dadurch können bewaffnete Oppositionsbewegungen entstehen, die versuchen, ihre politischen und wirtschaftlichen Interessen mit Gewalt durchzusetzen. Religion ist in solchen Situationen meist nicht die ursprüngliche Ursache des Konfliktes, kann aber dessen Verlauf erheblich beeinflussen.
Ein zentraler Gedanke des Artikels ist die politische Instrumentalisierung religiöser Traditionen. Die Autoren erklären, dass politische Führungspersonen und gesellschaftliche Eliten religiöse Überzeugungen gezielt einsetzen können, um Menschen für ihre Interessen zu gewinnen und Gewalt zu rechtfertigen. Religiöse Symbole, Glaubensvorstellungen und traditionelle Feindbilder werden genutzt, um die eigene Gemeinschaft zu mobilisieren und die Bereitschaft zur Teilnahme an gewaltsamen Auseinandersetzungen zu erhöhen. Religion kann dadurch bereits bestehende politische und wirtschaftliche Konflikte verschärfen. Die Autoren verdeutlichen diesen Zusammenhang mit dem Bild eines Brandbeschleunigers. Religiöse Unterschiede verursachen demnach häufig nicht den ursprünglichen Konflikt, können aber dazu beitragen, dass dieser schneller eskaliert und mit größerer Härte ausgetragen wird.
Als Beispiele nennen die Autoren den Bürgerkrieg in Bosnien, die religiös geprägten Konflikte in Nigeria und den Hindu Nationalismus in Indien. In diesen Fällen wurden religiöse Traditionen und Symbole von politischen Akteuren verwendet, um bestehende Machtansprüche zu legitimieren und gesellschaftliche Gruppen gegeneinander aufzubringen. Die Autoren betonen, dass religiöse Gemeinschaften besonders dann gefährdet sind, wenn ihre Mitglieder religiöse Aussagen unkritisch übernehmen und radikale Interpretationen nicht hinterfragen können.
Im weiteren Verlauf untersuchen Hasenclever und De Juan, wie religiöse Gemeinschaften vor einer solchen politischen Vereinnahmung geschützt werden können. Dabei richten sie ihren Blick auf religiöse Friedensbewegungen, die sich erfolgreich gegen Gewalt und Unterdrückung eingesetzt haben. Als Beispiele nennen sie die katholische Kirche auf den Philippinen, die in den achtziger Jahren eine wichtige Rolle beim friedlichen Widerstand gegen die Herrschaft von Ferdinand Marcos spielte, sowie christliche Kirchen in Südafrika, die unter der Führung von Desmond Tutu gegen die Apartheid kämpften. Auch das Engagement des schiitischen Geistlichen Ali al Sistani im Irak wird als Beispiel für den friedensfördernden Einfluss religiöser Autoritäten angeführt.
Aus der Untersuchung solcher Friedensbewegungen entwickeln die Autoren vier zentrale Merkmale religiöser Gemeinschaften, die gegenüber politischer Instrumentalisierung besonders widerstandsfähig sind. Diese Merkmale sind religiöse Aufklärung, strukturelle Toleranz, institutionelle Unabhängigkeit und eine vielfältige innerreligiöse Öffentlichkeit.
Unter religiöser Aufklärung verstehen die Autoren die Fähigkeit, religiöse Traditionen differenziert und kritisch zu interpretieren. Religiöse Schriften und Überlieferungen sind komplex und können unterschiedliche Aussagen enthalten. Deshalb dürfen einzelne Textstellen nicht aus ihrem Zusammenhang gelöst und als unumstößliche Rechtfertigung für bestimmte politische oder gesellschaftliche Ziele verwendet werden. Besonders problematisch sind religiöse Interpretationen, die einen absoluten Wahrheitsanspruch erheben und andere Deutungen grundsätzlich ausschließen. Solche Auslegungen können zur Rechtfertigung von Gewalt und zur Abwertung Andersgläubiger beitragen.
Die Autoren verdeutlichen diese Gefahr anhand der Taliban in Afghanistan und hinduistischer nationalistischer Bewegungen in Indien. In beiden Fällen werden religiöse Traditionen nach ihrer Darstellung selektiv interpretiert, um radikale politische Vorstellungen und die Ausgrenzung anderer Gruppen zu legitimieren. Eine umfassende religiöse Bildung kann solchen Entwicklungen entgegenwirken. Menschen, die ihre eigene Religion und deren unterschiedliche Auslegungstraditionen kennen, sind eher in der Lage, vereinfachende und gewaltfördernde Interpretationen kritisch zu hinterfragen. Für den Religionsunterricht ist dieser Gedanke besonders bedeutsam, weil Lernende dadurch befähigt werden können, religiöse Aussagen in ihrem historischen und gesellschaftlichen Zusammenhang zu verstehen und fundamentalistische Deutungen zu erkennen.
Das zweite Merkmal ist die strukturelle Toleranz. Damit meinen die Autoren nicht nur eine persönliche Haltung der Offenheit gegenüber anderen Überzeugungen, sondern die dauerhafte Verankerung toleranter religiöser Vorstellungen innerhalb einer Glaubensgemeinschaft. Religiöse Überzeugungen müssen ausgelegt werden und erhalten ihre gesellschaftliche Bedeutung durch die jeweilige Interpretation. Deshalb ist es entscheidend, welche Deutungen in religiösen Institutionen vermittelt und gefestigt werden. Dazu gehören beispielsweise die Ausbildung religiöser Führungspersonen, die Gestaltung religiöser Rituale, verbindliche Verhaltensregeln und die Organisation religiöser Gemeinschaften.
Werden radikale und ausgrenzende Vorstellungen dauerhaft in religiösen Einrichtungen verankert, können sie gesellschaftliche Spannungen verstärken. Die Autoren beschreiben dies am Beispiel Nigerias, wo religiöse Führungspersonen politische und wirtschaftliche Machtkämpfe teilweise durch radikale Glaubensauslegungen unterstützten. Umgekehrt können gemäßigte und friedensorientierte religiöse Traditionen eine gewaltbegrenzende Wirkung entfalten, wenn sie innerhalb einer Gemeinschaft dauerhaft gefördert werden. Als Beispiel nennen die Autoren schiitische Gelehrte im Irak, die eine zurückhaltende Haltung gegenüber politischem Aktivismus vertraten und diese über mehrere Generationen durch religiöse Ausbildung und institutionelle Strukturen weitergaben.
Das dritte Merkmal ist das Autonomiepotenzial religiöser Gemeinschaften. Die Autoren argumentieren, dass Glaubensgemeinschaften besonders leicht politisch instrumentalisiert werden können, wenn sie finanziell, organisatorisch oder rechtlich stark von staatlichen Stellen und politischen Machthabern abhängig sind. Religiöse Institutionen benötigen Gebäude, finanzielle Mittel, Personal und rechtliche Rahmenbedingungen, um ihre Aufgaben erfüllen zu können. Wenn politische Führungspersonen über diese Ressourcen bestimmen, können sie religiöse Gemeinschaften unter Druck setzen und deren Unterstützung für ihre politischen Ziele einfordern.
Die Autoren zeigen anhand verschiedener Beispiele, dass religiöse Unabhängigkeit eine wichtige Voraussetzung für eine kritische Haltung gegenüber staatlicher Gewalt sein kann. So konnten sich südafrikanische Kirchen unter anderem aufgrund eigener theologischer Ausbildungsstätten gegen das Apartheidregime stellen. Auch die katholische Kirche in Chile konnte durch den Zugang zu unabhängigen finanziellen Ressourcen eine kritischere Position gegenüber der Diktatur Augusto Pinochets einnehmen. Entscheidend ist dabei nicht allein die gegenwärtige Unabhängigkeit einer Glaubensgemeinschaft, sondern auch ihre Fähigkeit, sich bei Bedarf aus politischen und wirtschaftlichen Abhängigkeiten zu lösen.
Das vierte Merkmal ist die innerreligiöse Öffentlichkeit. Damit beschreiben die Autoren die Möglichkeit eines offenen Austausches zwischen unterschiedlichen religiösen Strömungen, Führungspersonen und Gemeinschaften. Besonders problematisch sind religiöse Strukturen, in denen einzelne Autoritäten ihre Glaubensauslegung ohne Widerspruch verbreiten können. Wenn Gläubige keinen Zugang zu alternativen Interpretationen haben, können radikale Prediger einen starken Einfluss gewinnen und ihre eigenen Vorstellungen als einzig gültige religiöse Wahrheit darstellen.
Eine vielfältige innerreligiöse Öffentlichkeit kann dieser Entwicklung entgegenwirken. Wenn religiöse Autoritäten miteinander diskutieren, sich zusammenschließen und gemeinsame Positionen entwickeln, können sie radikale Deutungen öffentlich kritisieren und deren Einfluss begrenzen. Die Autoren verweisen hierzu auf das Zusammenwirken schiitischer Gelehrter im Irak und buddhistischer Führungspersonen in Sri Lanka. Auch internationale Verbindungen zwischen Religionsgemeinschaften können zur Friedensförderung beitragen. Als Beispiel nennen sie die Unterstützung südafrikanischer Kirchen durch internationale ökumenische Organisationen während des Widerstands gegen die Apartheid. Durch den Austausch mit anderen Glaubensgemeinschaften konnten religiöse Überlieferungen kritisch überprüft und friedensorientierte Positionen gestärkt werden.
In ihren Schlussbemerkungen fassen die Autoren zusammen, dass Religionen sowohl konfliktverschärfend als auch friedensfördernd wirken können. Entscheidend ist nicht allein der Inhalt religiöser Überlieferungen, sondern vor allem, wie diese ausgelegt, vermittelt und gesellschaftlich umgesetzt werden. Religiöse Gemeinschaften sind besonders widerstandsfähig gegenüber politischer Instrumentalisierung, wenn ihre Mitglieder über eine umfassende religiöse Bildung verfügen, tolerante Glaubensauslegungen institutionell verankert sind, die Gemeinschaften unabhängig handeln können und unterschiedliche religiöse Stimmen öffentlich miteinander diskutieren.
Die Autoren weisen allerdings darauf hin, dass diese vier Merkmale noch nicht vollständig erforscht sind und einzeln betrachtet nicht automatisch Frieden garantieren. Entscheidend ist ihr Zusammenwirken. Daraus leiten sie friedenspolitische Handlungsmöglichkeiten ab. Staaten und internationale Akteure sollten religiöse Bildung fördern, gemäßigte religiöse Strömungen unterstützen, die Unabhängigkeit von Glaubensgemeinschaften stärken und den Austausch zwischen religiösen Organisationen ermöglichen. Eine solche Politik könnte verhindern, dass religiöse Traditionen von gewaltbereiten politischen Akteuren missbraucht werden.
Für den Religionsunterricht bietet der Fachartikel wichtige Anknüpfungspunkte. Lernende können erkennen, dass Religion nicht grundsätzlich mit Gewalt gleichgesetzt werden darf und dass religiöse Unterschiede allein keine ausreichende Erklärung für kriegerische Konflikte darstellen. Gleichzeitig können sie sich mit der Frage auseinandersetzen, wie religiöse Wahrheitsansprüche entstehen, weshalb heilige Schriften unterschiedlich interpretiert werden und unter welchen Bedingungen religiöse Überzeugungen zur Rechtfertigung von Gewalt verwendet werden. Besonders wichtig ist die Erkenntnis, dass religiöse Bildung, Toleranz, kritische Urteilsfähigkeit und die Anerkennung unterschiedlicher Glaubensauslegungen zur Friedensförderung beitragen können. Der Artikel verdeutlicht damit die gesellschaftliche Verantwortung von Religionen und die Bedeutung eines reflektierten Umgangs mit religiösen Traditionen.