Der Alttestamentler Klaus Bieberstein untersucht in seinem Fachartikel die Entwicklung des Gottesdenkens innerhalb der alttestamentlichen Literatur und zeigt, dass religiöse Vorstellungen im Laufe der Geschichte erheblichen Veränderungen unterworfen waren. Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist die Beobachtung, dass Religionen häufig den Anspruch erheben, zeitlose und unveränderliche Wahrheiten zu vermitteln. Eine historische Betrachtung der biblischen Texte in der Reihenfolge ihrer Entstehung macht jedoch deutlich, dass sich das Verständnis Gottes über mehrere Jahrhunderte hinweg grundlegend gewandelt hat. Besonders politische Krisen, gesellschaftliche Umbrüche und Erfahrungen von Fremdherrschaft führten nach Bieberstein zu neuen theologischen Deutungen. Der Autor vertritt deshalb die These, dass Krisenzeiten für die Entwicklung des biblischen Gottesglaubens besonders produktiv waren, weil sie bestehende religiöse Vorstellungen infrage stellten und neue Antworten auf grundlegende Fragen nach Gott, Geschichte und menschlicher Existenz erforderlich machten.
Zu Beginn beschreibt Bieberstein die religiösen Verhältnisse im Gebiet der südlichen und nördlichen Levante während der späten Bronzezeit. Die Region war damals durch unterschiedliche politische Herrschaftsbereiche geprägt. Während die nördliche Levante unter hethitischem Einfluss stand, wurde die südliche Levante von Ägypten beherrscht. Archäologische Funde aus der Hafenstadt Ugarit ermöglichen einen Einblick in die damalige Götterwelt. An der Spitze des dortigen Pantheons standen der Gott El und die Göttin Aschera. Daneben wurden weitere Gottheiten wie Baal und Anat verehrt. Auch für die südliche Levante lassen Ortsnamen und Personennamen darauf schließen, dass dort vergleichbare religiöse Vorstellungen verbreitet waren. Die religiöse Welt dieser Zeit war somit durch die Verehrung mehrerer Göttinnen und Götter geprägt.
Im weiteren Verlauf erläutert der Autor die Entstehung Israels als eigenständige gesellschaftliche Gemeinschaft. Im 13. Jahrhundert vor Christus verließen zunehmend Menschen die Städte der südlichen Levante, um sich der wirtschaftlichen Ausbeutung und den Abgabenforderungen der dortigen Herrschaftsträger zu entziehen. Sie siedelten sich im Bergland an und entwickelten eine weitgehend egalitäre Gesellschaft aus Kleinbauern und Viehhaltern. Diese Gemeinschaft bezeichnete sich als Israel, wobei der Name nach Biebersteins Darstellung auf den Gott El verweist, der ursprünglich als Schutzgott dieser Menschen verehrt wurde. Der spätere Gott Israels, JHWH, war demnach nicht von Anfang an mit dieser Gemeinschaft verbunden.
Bieberstein geht davon aus, dass die Verehrung JHWHs ursprünglich aus dem Gebiet Midian auf der Arabischen Halbinsel stammte. Als möglicher Ort der Begegnung zwischen den Verehrern Els und den Verehrern JHWHs wird das Bergbaugebiet Timna genannt. Dort könnten unterschiedliche religiöse Traditionen miteinander in Kontakt gekommen sein. Der Autor vermutet, dass beide Gottheiten im Verlauf dieser Begegnungen miteinander identifiziert wurden. Die israelitische Verehrung Els und die midianitische Verehrung JHWHs könnten dadurch zu einer gemeinsamen religiösen Tradition verschmolzen sein. In diesem Zusammenhang könnte JHWH auch die ursprünglich mit El verbundene Göttin Aschera als göttliche Partnerin übernommen haben.
Für diese frühe religiöse Vorstellungswelt verweist Bieberstein auf archäologische Funde aus Kuntillet Agrud und Chirbet el Qom. Dort entdeckte Inschriften aus dem 8. Jahrhundert vor Christus nennen JHWH gemeinsam mit Aschera beziehungsweise beziehen sich auf deren schützende Wirkung. Auch zahlreiche weibliche Tonfiguren aus Juda werden vom Autor als mögliche Darstellungen Ascheras gedeutet. Diese Befunde zeigen nach seiner Interpretation, dass die frühe Religion Israels und Judas keineswegs von Anfang an durch einen ausschließlichen Glauben an einen einzigen Gott bestimmt war. Vielmehr gehörte sie zunächst zu einer religiösen Umwelt, in der mehrere Gottheiten verehrt wurden. Der spätere Monotheismus erscheint damit als Ergebnis einer längeren geschichtlichen Entwicklung und nicht als ursprüngliche, unveränderte Glaubensform Israels.
Eine entscheidende Veränderung des israelitischen Gottesdenkens verbindet Bieberstein mit dem Aufstieg des assyrischen Großreiches im 8. Jahrhundert vor Christus. Die assyrische Expansion führte zu einer zunehmenden politischen Bedrohung der kleineren Staaten im Vorderen Orient. Im Jahr 720 vor Christus wurde das Nordreich Israel durch den assyrischen König Sargon II. erobert. Auch das Südreich Juda geriet unter erheblichen politischen Druck. Die assyrischen Herrscher sicherten ihre Macht nicht ausschließlich durch militärische Gewalt, sondern auch durch politische Verträge, die unterworfene Könige zu bedingungsloser Loyalität verpflichteten.
Besondere Bedeutung misst der Autor den assyrischen Vasallenverträgen bei. Diese Verträge enthielten die Verpflichtung, den assyrischen Großkönig allein zu lieben und ihm ausschließlich zu dienen. Die entsprechenden Formulierungen waren Ausdruck eines politischen Herrschaftsanspruchs, der keine konkurrierenden Loyalitäten zulassen wollte. Bieberstein verweist insbesondere auf einen Vertrag des assyrischen Königs Asarhaddon aus dem Jahr 672 vor Christus. Er geht davon aus, dass auch der judäische König Manasse vergleichbaren Verpflichtungen unterworfen wurde. Die politische Situation Judas war damit durch eine erhebliche Einschränkung seiner Selbstständigkeit geprägt.
Nach Biebersteins Interpretation reagierten gebildete Kreise in Jerusalem auf diese Unterdrückung durch die Entwicklung einer religiösen Gegenposition. Da ein militärischer Aufstand gegen Assyrien kaum Aussicht auf Erfolg hatte, wurde die Auseinandersetzung auf die Ebene theologischer und literarischer Deutung verlagert. Der Autor versteht bestimmte biblische Texte deshalb als Formen geistigen Widerstands gegen die assyrische Herrschaft. Ein Beispiel dafür ist die Erzählung von der Geburt und Rettung des Mose im zweiten Kapitel des Buches Exodus. Bieberstein stellt eine Verbindung zwischen dieser Erzählung und der assyrischen Sargonlegende her. In beiden Geschichten wird ein Kind in einem Körbchen ausgesetzt, gerettet und später zu einer bedeutenden Persönlichkeit. Die biblische Erzählung wird in dieser Deutung zu einer bewussten literarischen Antwort auf die assyrische Herrschaftspropaganda.
Noch deutlicher erkennt Bieberstein eine solche Gegenposition im Buch Deuteronomium. Dessen Aufbau und zentrale Formulierungen weisen nach seiner Darstellung Parallelen zu assyrischen Vasallenverträgen auf. Während die assyrischen Herrscher von ihren Untertanen ausschließliche Liebe und Loyalität verlangten, überträgt das Deuteronomium diese Forderung auf JHWH. Israel soll allein seinen Gott lieben und ihm dienen, weil dieser Gott das Volk aus der ägyptischen Sklaverei befreit habe. Damit wird die politische Verpflichtung gegenüber dem assyrischen Großkönig durch eine religiöse Verpflichtung gegenüber JHWH herausgefordert. Der Bund zwischen Gott und Israel erscheint in dieser Interpretation als theologischer Gegenentwurf zu imperialer Unterdrückung.
Aus dieser Entwicklung erklärt der Autor die Entstehung der Monolatrie, also der ausschließlichen Verehrung eines Gottes, ohne die Existenz anderer Gottheiten grundsätzlich zu bestreiten. Die Forderung, allein JHWH zu dienen, bedeutete zunächst nicht, dass andere Götter als nicht existent betrachtet wurden. Vielmehr ging es darum, die religiöse Loyalität Israels eindeutig auf JHWH auszurichten. Bieberstein interpretiert diesen Schritt als eine kreative theologische Reaktion auf die assyrische Krise. Die Vorstellung eines Bundes zwischen Gott und seinem Volk, die besondere Bedeutung des Mose und die ausschließliche Verehrung JHWHs erhalten dadurch einen konkreten historischen Entstehungszusammenhang.
Eine weitere grundlegende Veränderung des Gottesdenkens verbindet der Autor mit der babylonischen Herrschaft und dem Exil. Nach dem Niedergang des assyrischen Reiches gewann Babylonien unter Nebukadnezzar II. zunehmend an Macht. Jerusalem wurde im Jahr 597 vor Christus erstmals erobert, und Teile der judäischen Oberschicht wurden nach Babylonien deportiert. Ein erneuter Aufstand führte im Jahr 587 vor Christus zur Zerstörung Jerusalems und des Tempels sowie zu weiteren Deportationen. Diese Ereignisse stellten den Glauben Israels vor eine existenzielle Herausforderung. Wenn JHWH der Gott Israels war, wie konnte er dann die Zerstörung seiner Stadt und seines Heiligtums zulassen? Bedeutete die militärische Niederlage zugleich eine Niederlage Gottes gegenüber den Gottheiten der siegreichen Großmacht?
Bieberstein erläutert diese Problematik anhand des Propheten Ezechiel. Dieser hatte bereits vor der endgültigen Zerstörung Jerusalems vor den Folgen eines weiteren Aufstandes gewarnt. In seiner ersten Tempelvision beschreibt Ezechiel, wie die Herrlichkeit JHWHs den Tempel verlässt und Jerusalem dem drohenden Untergang preisgegeben wird. Nach der tatsächlichen Zerstörung der Stadt verändert sich jedoch die prophetische Botschaft. Ezechiel verkündet nicht länger ausschließlich Unheil, sondern entwickelt eine neue Hoffnungsperspektive. In einer späteren Vision beschreibt er einen erneuerten Tempel und die Rückkehr der göttlichen Herrlichkeit. Die Katastrophe wird damit zum Ausgangspunkt einer theologischen Neuorientierung. Der Glaube an JHWH wird nicht aufgegeben, sondern unter veränderten geschichtlichen Bedingungen neu interpretiert.
Eine besonders weitreichende Transformation des Gottesdenkens vollzieht sich nach Bieberstein im Zusammenhang mit dem Aufstieg des persischen Königs Kyros II. und der Eroberung Babylons im Jahr 539 vor Christus. Der Autor beschreibt zunächst die religiösen Vorstellungen Babyloniens, in denen der Gott Marduk eine herausragende Stellung einnahm. Mit dem politischen Aufstieg Babylons war auch die religiöse Bedeutung Marduks gewachsen. In babylonischen Schöpfungserzählungen und liturgischen Texten wurde Marduk zunehmend als höchste Gottheit dargestellt, in der sich die Eigenschaften und Namen anderer Gottheiten vereinigten. Dadurch entwickelte sich eine Gottesvorstellung, die sich dem Monotheismus annäherte.
Für die judäischen Deportierten stellte diese Entwicklung eine erhebliche theologische Herausforderung dar. Wenn Marduk als höchste Gottheit verstanden wurde, stellte sich die Frage, ob JHWH lediglich eine Erscheinungsform dieses babylonischen Gottes sei. Bieberstein zeigt, dass die biblische Antwort auf diese Herausforderung insbesondere in den Kapiteln 40 bis 55 des Jesajabuches zu finden ist. Diese Texte werden in der alttestamentlichen Forschung einem anonymen Propheten zugeschrieben, der als Deuterojesaja bezeichnet wird.
Deuterojesaja entwickelt nach Biebersteins Darstellung eine revolutionäre theologische Position. Er erklärt nicht Marduk, sondern JHWH zum eigentlichen Urheber des politischen Aufstiegs des persischen Königs Kyros. Der persische Herrscher wird sogar als von JHWH berufener Messias bezeichnet. Damit wird die babylonische Vorstellung einer göttlichen Legitimation politischer Herrschaft aufgenommen und zugleich grundlegend umgedeutet. JHWH erscheint nun nicht mehr lediglich als der besondere Gott Israels, sondern als der einzige Gott überhaupt, der über alle Völker und ihre Geschichte verfügt.
In dieser Entwicklung erkennt Bieberstein den entscheidenden Übergang von der Monolatrie zum Monotheismus. Während zuvor die ausschließliche Verehrung JHWHs gefordert wurde, wird nun die Existenz anderer Gottheiten grundsätzlich bestritten. JHWH ist nicht mehr einer unter mehreren Göttern, sondern der einzige Gott der gesamten Wirklichkeit. Der Autor verbindet diesen theologischen Umbruch mit der politischen Krise und dem Herrschaftswechsel des Jahres 539 vor Christus. Die Erfahrung der Fremdherrschaft führt somit nicht zur Aufgabe des Glaubens, sondern zur Entwicklung einer umfassenderen Gottesvorstellung.
Im Anschluss erläutert Bieberstein, dass diese monotheistische Neuorientierung weitere theologische Fragen aufwarf. Wenn es tatsächlich nur einen einzigen Gott gibt, stellt sich die Frage, weshalb unterschiedliche Völker diesen Gott unter verschiedenen Namen verehren. Eine Antwort darauf erkennt der Autor in der sogenannten Priesterschrift, die nach seiner Darstellung in der frühen persischen Zeit entstanden ist. Sie unterscheidet verschiedene Formen der Gottesbezeichnung innerhalb der biblischen Überlieferung. In der Urgeschichte erscheint Gott unter der allgemeinen Bezeichnung Elohim. In den Erzählungen über die Erzeltern wird er als El Schaddai bezeichnet. Erst im Zusammenhang mit Mose offenbart Gott seinen besonderen Namen JHWH.
Diese unterschiedliche Verwendung göttlicher Namen ermöglicht nach Bieberstein eine theologische Deutung, die den universalen Charakter Gottes mit der besonderen religiösen Tradition Israels verbindet. Der eine Gott ist der Schöpfer und Gott der gesamten Menschheit, wird aber von Israel unter dem Namen JHWH angerufen. Zugleich bleibt die Möglichkeit offen, dass andere Völker denselben Gott unter anderen Namen kennen. Damit entwickelt sich der Monotheismus über eine ausschließlich auf Israel bezogene Gottesvorstellung hinaus und eröffnet eine Perspektive auf die religiöse Vielfalt der Menschheit.
Eine weitere entscheidende Transformation beschreibt der Autor im Zusammenhang mit der hellenistischen Epoche. Die Eroberungen Alexanders des Großen seit dem Jahr 333 vor Christus und die anschließenden politischen Auseinandersetzungen führten zu erheblichen gesellschaftlichen Verunsicherungen. Die bestehenden politischen und kulturellen Ordnungen wurden erschüttert, wodurch erneut grundlegende Fragen nach dem Handeln Gottes und der Zukunft der Menschen entstanden. In dieser Situation gewannen die unterschiedlichen prophetischen Überlieferungen Israels neue Bedeutung.
Bieberstein zeigt, dass die biblischen Propheten sowohl Unheilsbotschaften als auch Heilsverheißungen überlieferten. Während ältere prophetische Texte häufig das Gericht Gottes über Israel ankündigten, eröffneten spätere Texte Perspektiven auf Rettung, Wiederherstellung und zukünftiges Heil. Die redaktionelle Zusammenführung dieser unterschiedlichen Überlieferungen führte nach der Darstellung des Autors zu einer neuen theologischen Sicht auf das Verhältnis von Gericht und Heil. Die Frage, wer am zukünftigen Heil Gottes teilhaben könne, wurde zunehmend differenzierter beantwortet.
Zunächst wurde die Grenze zwischen Heil und Unheil vor allem zwischen Israel und den anderen Völkern gezogen. In einer weiteren Entwicklung setzte sich jedoch die Einsicht durch, dass auch innerhalb Israels zwischen gerechten und ungerechten Menschen unterschieden werden müsse. Schließlich wurde dieser Gedanke auf alle Völker übertragen. Entscheidend für die Teilhabe am Heil Gottes war nun nicht mehr allein die Zugehörigkeit zum Volk Israel, sondern das Verhalten des einzelnen Menschen. Damit entstand eine universale Perspektive, in der Gottes Gerechtigkeit und sein Heil grundsätzlich allen Menschen offenstehen.
Diese Entwicklung verdeutlicht Bieberstein anhand später biblischer Texte, insbesondere aus den Büchern Jesaja und Amos. In Jesaja 19,25 werden Ägypten, Assur und Israel gemeinsam als von Gott gesegnete Völker bezeichnet. Im Buch Amos wird darauf verwiesen, dass Gott nicht ausschließlich Israel aus Ägypten geführt habe, sondern auch andere Völker in ihrer Geschichte begleitet habe. Die besondere Geschichte Israels wird damit in einen größeren Zusammenhang göttlichen Handelns eingeordnet. Der Gott Israels erscheint als Gott aller Menschen und Völker.
Für Bieberstein stellt diese Entwicklung einen weiteren grundlegenden Schritt in der Geschichte des biblischen Gottesdenkens dar. Aus der Vorstellung eines Gottes, der in besonderer Weise mit Israel verbunden ist, entsteht die Überzeugung, dass Gottes Handeln und sein zukünftiges Heil nicht an ethnische oder nationale Grenzen gebunden sind. Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gemeinschaft verliert damit ihre ausschließliche Bedeutung für die Frage nach Heil und Gericht. An ihre Stelle tritt die Vorstellung einer universalen göttlichen Gerechtigkeit, die das Verhalten aller Menschen berücksichtigt.
Im abschließenden Teil seines Artikels zieht Bieberstein grundlegende Konsequenzen aus dieser historischen Betrachtung. Die Entwicklung des biblischen Gottesdenkens zeigt nach seiner Auffassung, dass religiöse Vorstellungen nicht unabhängig von geschichtlichen Erfahrungen entstanden sind. Vielmehr wurden sie immer wieder durch politische Krisen, gesellschaftliche Veränderungen und neue kulturelle Begegnungen herausgefordert. Der Übergang vom Polytheismus zur Monolatrie, die Entstehung des Monotheismus und die Entwicklung eines universalen Heilsverständnisses erscheinen als Ergebnisse solcher theologischen Transformationsprozesse.
Der Autor setzt sich dabei auch mit dem Anspruch religiöser Traditionen auseinander, zeitlose und unveränderliche Wahrheiten zu vermitteln. Er betont, dass die historische Veränderbarkeit religiöser Vorstellungen nicht zwangsläufig bedeutet, dass Religion auf Täuschung oder bewusster Irreführung beruht. Vielmehr erfüllen religiöse Symbolsysteme die Aufgabe, grundlegende Überzeugungen und Werte einer Gemeinschaft als verbindlich und unbedingt bedeutsam zum Ausdruck zu bringen. Dass sich diese Vorstellungen im Laufe der Geschichte verändern, gehört nach Bieberstein zur Entwicklung religiösen Denkens.
Unter Bezugnahme auf den Philosophen Ernst Cassirer hebt Bieberstein hervor, dass ein reflektierter religiöser Glaube dazu fähig sein muss, seine eigene geschichtliche Bedingtheit zu erkennen. Religiöse Reife zeigt sich demnach nicht darin, historische Veränderungen zu leugnen, sondern darin, die Entstehung und Entwicklung eigener Glaubensvorstellungen kritisch zu verstehen. Die historische Erforschung biblischer Texte kann deshalb zu einer vertieften religiösen Selbstreflexion beitragen.
Die zentrale Aussage des Fachartikels besteht darin, dass Krisen nicht ausschließlich als Bedrohung religiöser Traditionen verstanden werden müssen. Sie können vielmehr produktive Prozesse auslösen, in denen bestehende Gottesbilder hinterfragt, erweitert und neu formuliert werden. Die Geschichte des alttestamentlichen Gottesdenkens erscheint damit als eine fortlaufende Auseinandersetzung zwischen religiöser Überlieferung und geschichtlicher Erfahrung. Gerade die großen politischen und gesellschaftlichen Krisen Israels führten nach Bieberstein zu theologischen Entwicklungen, die für das spätere Judentum und Christentum von grundlegender Bedeutung wurden.
Für den Religionsunterricht bietet der Artikel eine anspruchsvolle Grundlage, um Lernenden die historische Entwicklung biblischer Gottesvorstellungen verständlich zu machen und ein differenziertes Verständnis der Entstehung des Monotheismus zu fördern. Besonders bedeutsam ist dabei die Einsicht, dass die Bibel unterschiedliche Gottesbilder enthält, die in verschiedenen geschichtlichen Situationen entstanden sind. Die Lernenden können anhand der dargestellten Entwicklungen erkennen, dass religiöse Überzeugungen nicht losgelöst von gesellschaftlichen und politischen Erfahrungen betrachtet werden können. Zugleich eröffnet der Artikel die Möglichkeit, über das Verhältnis von Glauben und historischer Forschung, von religiöser Wahrheit und geschichtlicher Veränderung sowie über die Bedeutung von Krisen für die Entwicklung religiöser Vorstellungen nachzudenken. Damit unterstützt der Beitrag eine reflektierte Auseinandersetzung mit biblischen Texten und fördert die Fähigkeit, religiöse Traditionen sowohl in ihrer historischen Entstehung als auch in ihrer gegenwärtigen Bedeutung zu verstehen.