RU-digitalRU-digital-logo
1 Bild
Eulenfisch

Eulenfisch

Über die Ausweitung der Kampfzone

Veröffentlichung:1.1.2023

Der Fachartikel „Über die Ausweitung der Kampfzone“ von Michael Hochschild ist unter dem Untertitel „Wohin führt der aktuelle Antiutopismus? Pariser Zeitansagen Nr. 18“ abgedruckt. Der vorliegende Text umfasst 5 Seiten, S. 21 bis 25.

Der Artikel zeigt, dass Krieg und Frieden heute nicht mehr nur als Gegensatz von bewaffnetem Konflikt und friedlichem Zustand verstanden werden können. Hochschild beschreibt, dass sich gesellschaftliche, politische, wirtschaftliche und kulturelle Konflikte ausweiten und in viele Lebensbereiche eindringen. Theologisch berührt der Beitrag vor allem die Frage, wie biblische Friedensvorstellungen, menschliche Gewaltbereitschaft, der Verlust von Zukunftshoffnung und die Krise gemeinsamer Sinnorientierung in der Gegenwart zu deuten sind. Außerdem stellt der Text die Frage, wie Frieden in einer Zeit gedacht werden kann, in der Gegenwart, Selbstbehauptung und Abwehr wichtiger geworden sind als Hoffnung, Verantwortung und gemeinsame Zukunft.

restricted content

Nach Registrierung auf www.eulenfischplus.de erhält man kostenlosen Zugriff auf die Inhalte.

Products

Michael Hochschild setzt sich mit der Frage auseinander, wohin der gegenwärtige Antiutopismus führt. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass sich Konflikte in Europa und besonders im deutsch französischen Verhältnis nicht mehr mit den klassischen Begriffen von Krieg und Frieden erfassen lassen. Zwar herrscht kein offener militärischer Krieg zwischen Deutschland und Frankreich, doch politische, wirtschaftliche und strategische Spannungen zeigen, dass das Verhältnis keineswegs einfach friedlich ist. Damit wird deutlich, dass die traditionelle Unterscheidung zwischen Krieg und Frieden zu kurz greift.

Der Autor beschreibt, dass moderne Gesellschaften zunehmend von hybriden Konfliktformen geprägt sind. Dazu zählen Wirtschaftskriege, kulturelle Grabenkämpfe, Ressourcenkonflikte, Ausschreitungen in demokratischen Staaten und ideologische Polarisierungen. Krieg ist daher nicht mehr nur als bewaffnete Auseinandersetzung zwischen Staaten zu verstehen, sondern als ein vielgestaltiges Konfliktgeschehen, das tief in den Alltag und in gesellschaftliche Strukturen hineinreicht. Frieden ist unter diesen Bedingungen nicht einfach die Abwesenheit von Waffen, sondern eine fragile und unsichere Ordnung.

Hochschild erinnert daran, dass die Gegenüberstellung von Krieg und Frieden kulturell tief verankert ist. Gleichzeitig zeigt er, dass diese einfache Antithese schon früher problematisch war. Er verweist auf die Spannung zwischen biblischen Friedensaussagen und Bildern eines kämpferischen Gottes. Auch in säkularen Deutungen bleibt die Frage offen, ob Krieg tatsächlich überwunden werden kann oder ob er in anderer Form fortlebt. Mit Blick auf Proudhon macht der Autor deutlich, dass Krieg als Motor der Zivilisation verstanden wurde und dass gesellschaftliche Ungerechtigkeit, besonders in einer konsumorientierten Welt, neue Unfriedlichkeit hervorbringt.

Im Zentrum des Artikels steht die These, dass wir heute eine Ausweitung der Kampfzone erleben. Gemeint ist damit, dass Konflikt nicht mehr auf einzelne Felder begrenzt bleibt, sondern sich auf immer mehr Lebensbereiche ausdehnt. Diese Entwicklung ist nach Hochschild ein Zeichen dafür, dass eine neue Gegenwart entsteht. Er spricht von Vorzeichen einer kommenden Zeit, die unübersichtlich, multipolar und nicht mehr mit vertrauten historischen Kategorien zu fassen ist. Krieg und Frieden sind in dieser Lage nicht nur Erinnerungen an Vergangenes, sondern Elemente einer gegenwärtigen Umgestaltung der Welt.

Ein Schlüsselbegriff des Textes ist der Antiutopismus. Am Beispiel des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine zeigt Hochschild, dass das Putin Regime keine positive Zukunftsvision mehr anbietet. Es lebt nicht aus einem entwerfenden Zukunftsbild, sondern aus dem Kampf gegen Feinde. Seine Existenz wird dadurch bestimmt, wogegen es ist. Genau darin sieht der Autor das Wesen des Antiutopismus. Anders als eine Utopie bietet er kein verheißungsvolles Ziel, anders als eine Dystopie warnt er nicht vor einem kommenden Unheil. Er kennt nur das bloße Weitermachen, das Durchhalten und das Überleben im Augenblick.

Dieser Antiutopismus ist für Hochschild nicht auf Russland beschränkt. Er zeigt sich auch in westlichen Demokratien. Als Beispiel nennt er den Sprachgebrauch während der Corona Pandemie, als politische Verantwortungsträger vom Krieg gegen das Virus sprachen. Ebenso verweist er auf die Ausschreitungen in Frankreich im Sommer 2023 und auf die Reaktionen von Polizei und Politik. In solchen Situationen dominiert nicht langfristige Gestaltung, sondern die Konzentration auf unmittelbare Abwehr, Stabilisierung und Selbstbehauptung. Strategische Zukunftsentwürfe treten in den Hintergrund.

Darin erkennt der Autor ein grundlegendes Merkmal der Gegenwart. Vergangenheit und Zukunft verlieren ihre ordnende Kraft. Alles richtet sich auf das Hier und Jetzt. Die Gegenwart erhält eine übersteigerte Aufmerksamkeit und wird zum alleinigen Bezugsrahmen. Diese Lage beschreibt Hochschild als Wirklichkeit des Selbstbezugs. Nicht mehr gemeinsame Ordnungen, große Ziele oder tragfähige Zukunftsbilder bestimmen das Handeln, sondern die Sicherung des eigenen Daseins. Der Bezug auf andere wird schwächer oder konfliktförmig. Daraus entsteht eine Form von gesellschaftlichem Solipsismus, in dem Fremdbezug rasch als Bedrohung erlebt wird.

Besonders kritisch sieht Hochschild, dass diese Selbstbezogenheit auch demokratische Begriffe aushöhlt. Wenn etwa Konsumgüter und Massenverfügbarkeit vorschnell als Demokratisierung gedeutet werden, wird Demokratie auf Verfügbarkeit, Normalität und Marktteilhabe reduziert. Dadurch geraten soziale Gerechtigkeit, politische Verantwortung und die eigentliche Arbeit an demokratischen Strukturen aus dem Blick. Der Autor warnt davor, dass Demokratie auf diese Weise still und schleichend abgebaut werden kann, ohne dass ein offener Krieg nötig wäre.

Insgesamt deutet Hochschild den Antiutopismus als Symptom einer neuen geschichtlichen Lage. Die Ausweitung der Kampfzone zeigt, dass Konflikte heute allgegenwärtig geworden sind und dass Gesellschaften ihre gemeinsame Zukunft immer schwerer entwerfen können. Frieden wird dadurch nicht unmöglich, aber er kann nicht mehr mit alten Begriffen gedacht werden. Er verlangt eine neue Aufmerksamkeit für die Formen der Gegenwart, für ihre Selbstbezüglichkeit, ihre Konfliktdynamik und ihre Gefährdung demokratischer Ordnung.

Hessen

Hessen

Sekundarstufe I | Jahrgangsstufe 10

10.1 Verantwortung für das Leben. Menschenwürde und Gottesebenbildlichkeit.

Rheinland-Pfalz

Rheinland-Pfalz

Sekundarstufe II | 13 Der Mensch und seine Zukunft - Die Zukunft der Menschheit

13 / 2. Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit – eine Herausforderung an die Christen.

Bild, Text

urheberrechtlich geschützt

14.3.2026

Eulenfisch

Menschen & Welt

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell, während andere uns helfen, diese Website und Ihre Erfahrung zu verbessern Datenschutz.