Im Interview beschreibt Christian Lehnert, dass Literatur und Theologie für ihn letztlich nicht voneinander zu trennen sind. Beide beschäftigen sich mit den Grenzen der Sprache und mit den letzten Fragen des Lebens. Theologie müsse sprachliche Gewohnheiten und feste Begriffe immer wieder aufbrechen, weil ihr Ursprung vor aller Sprache liege. Literatur wiederum könne durch einen theologischen Horizont auf die tiefsten und unentscheidbaren Fragen des Menschseins gelenkt werden. Lehnert betont, dass er lange versucht habe, beide Bereiche zu trennen, weil er sich weder auf die Rolle eines christlichen Dichters festlegen lassen noch in kirchlichen Zusammenhängen auf erbauliche Texte reduziert werden wollte. Dennoch habe er erkannt, dass poetische und religiöse Impulse aus derselben Bewegung entstehen, nämlich aus der Suche nach dem Fremden, nach dem, was sich dem Menschen entzieht und ihn übersteigt.
Eine zentrale Rolle spielt für Lehnert der Gedanke der Kenosis. Gemeint ist die Vorstellung, dass Gott sich entäußert und in Erscheinungen zugleich zeigt und verbirgt. Gerade dieser Gedanke ist für ihn wichtig, weil das Wort Gott immer auch eine Gefahr enthält. Menschen verfügen nur über Bilder, Worte und Vorstellungen von Gott, doch diese zeigen nie das Ganze. Sie können Gott nicht festhalten, sondern verdecken immer auch etwas. Deshalb gehört zur Theologie das Wissen, dass jede Aussage über Gott vorläufig bleibt. Auch in der Literatur sieht Lehnert diese Spannung. Was gesagt werden soll, verschwindet im Moment des Aussprechens schon wieder. Sprache ist also notwendig und unzureichend zugleich. Darin berühren sich Dichtung und Theologie.
Auch die Gestalt Jesu Christi versteht Lehnert unter diesem Vorzeichen. Zwar offenbart sich Gott in Jesus in konkreter und geschichtlicher Form, doch auch hier bleibt Gott verborgen. Die Erfahrung des verlassenen Christus am Kreuz zeigt, dass Gottes Gegenwart nur paradox gedacht werden kann. Diese Widersprüchlichkeit gehört für Lehnert zum Kern christlicher Theologie. Christliche Sprache besteht deshalb nicht aus eindeutigen Definitionen, sondern aus Bildern, Spannungen und offenen Deutungen. Biblische Texte müssen immer wieder neu gelesen werden, weil sie sich nicht in einer einzigen Aussage erschöpfen.
Von hier aus spricht Lehnert über die schöpferische Kraft der Sprache. Menschen müssen selbst schöpferisch sein, um Gott als Schöpfer erkennen zu können. Jeder Text trägt den Horizont des Schweigens in sich, also das Unsagbare, das jeder Sprache vorausliegt. Poesie verweist deshalb immer auch auf etwas, das sich nicht vollständig ausdrücken lässt. In dieser Offenheit berührt sie die religiöse Dimension. Literatur fragt für Lehnert in jeder Zeile danach, wie überhaupt etwas sagbar wird und warum etwas ist.
Im weiteren Verlauf des Gesprächs wird das Motiv der Gottesfurcht wichtig. Lehnert hält Gottesfurcht für eine vergessene, aber zentrale Kategorie. Sie bezeichnet für ihn die Erschütterung des Menschen angesichts des göttlichen Geheimnisses. Wenn Menschen Gott begegnen, brechen ihre gewohnten Ordnungen zusammen. Erst danach beginnt der Versuch, das Erlebte zu deuten und sprachlich zu fassen. Paulus ist für Lehnert ein Beispiel dafür, wie eine religiöse Erfahrung zunächst als Zusammenbruch erlebt wird und erst später in Worte, Gedanken und Riten übersetzt werden kann. Religion beginnt demnach nicht mit Sicherheit, sondern mit Erschütterung.
Auch das Thema Blasphemie wird angesprochen. Lehnert vertritt die Auffassung, dass große Religionen Blasphemie nicht fürchten müssen, weil in ihnen selbst bereits ein Moment der Kritik an verfestigten religiösen Formen enthalten ist. Blasphemie kann sogar dazu beitragen, erstarrte Bilder aufzubrechen und auf tiefere Ursprünge zurückzuführen. Zugleich unterscheidet Lehnert zwischen einer ernsthaften provozierenden Kunst und einer bloß ideologisch eingesetzten Kunst. Letztere verliert für ihn an ästhetischer Kraft.
Im Blick auf gegenwärtige Religiosität sucht Lehnert nach einer Sprache, die den Erfahrungen der Gegenwart standhält, ohne den Reichtum der christlichen Tradition preiszugeben. Dabei interessieren ihn besonders frühe christliche Texte, weil sie für ihn ein großes Erneuerungspotential besitzen. Skeptisch steht er dem Begriff des Postsäkularen gegenüber. Statt große Entwicklungserzählungen zu übernehmen, richtet er seinen Blick auf Brüche, Risse und Unsicherheiten. Dort, wo gewohnte Weltbilder nicht mehr tragen, kann sich für ihn etwas Neues zeigen.
Biographisch prägend war für Lehnert der Zusammenbruch der DDR. Diese Erfahrung beschreibt er nicht nur als politischen Wandel, sondern als tiefen kulturellen Bruch. Sprache, Gewohnheiten, Bilder und Deutungsmuster verloren plötzlich ihre Verlässlichkeit. Diese Erfahrung von Unsicherheit und Bedeutungsverlust habe auch seine frühe Lyrik geprägt. Seine Gedichte arbeiteten lange mit Brüchen, Leerstellen und Mehrdeutigkeiten. Erst allmählich habe er wieder Vertrauen in die Sprache gewonnen.
Zum Schluss spricht Lehnert über sein Buch zur Offenbarung des Johannes. Ihn reizt an diesem biblischen Buch, dass es an der Grenze zwischen Diesseits und Jenseits steht und in einer hoch verdichteten Bildsprache arbeitet. In seinem Buch verbindet er erzählende und essayistische Formen, um sowohl existenzielle Fragen nach Heimat, Leiden und Zerstörung als auch eine phänomenologische Deutung der Johannesapokalypse zu entfalten. Für Lehnert hat ein biblisches Buch nicht nur eine einzige Botschaft. Sein Sinn liegt vielmehr darin, dass der Lesende sich im Lesen verändert und die Welt anders wahrnimmt. Gerade die Offenbarung des Johannes zeigt, dass biblische Texte nicht auf einfache Informationen reduziert werden dürfen.
Abschließend betont Lehnert die politische Dimension der Johannesapokalypse. Das Buch ist für ihn stark von der Erfahrung imperialer Herrschaft und politischer Macht geprägt. Es fragt danach, wie sich menschliche Geschichte und göttliche Herrschaft zueinander verhalten. Zugleich sucht es nach einem Sinn, der nicht einfach in den politischen Verhältnissen aufgeht. Dieser Sinn ist universal und überschreitet die Welt. Damit verbindet das Gespräch poetische, theologische und politische Perspektiven zu einer offenen Reflexion über Sprache, Glauben und Wirklichkeit.