Der Artikel beginnt mit einem persönlichen Beispiel eines Pilgers aus der Schweiz, dessen Tochter an Multipler Sklerose erkrankt ist. Die Diagnose löst in ihm Trauer, Ohnmacht und innere Erstarrung aus. Auf den Rat hin, den Jakobsweg zu gehen, macht er sich auf den Camino Francés. Während des Gehens erlebt er, dass sich seine inneren Blockaden lösen, neue Kraft entsteht und er seine Sorgen in Gebet und symbolischen Gesten wie dem Entzünden von Kerzen für seine Tochter ausdrücken kann. Dieses Beispiel führt in die Grundfrage des Beitrags ein, welche Motive Menschen in der Spätmoderne zum Pilgern bewegen.
Der Autor beschreibt Pilgern als ein weiterhin stark wachsendes Phänomen. Die hohen Pilgerzahlen nach Santiago de Compostela und die Entwicklung auf anderen Pilgerwegen zeigen, dass das Pilgern in der Gegenwart nichts von seiner Anziehungskraft verloren hat. Menschen verbinden damit Aufbruch, Abstand vom Alltag, Entschleunigung, körperliche Erfahrung, Naturverbundenheit, Gemeinschaft, Begegnung mit fremden Menschen sowie das Erreichen eines Zieles. Pilgerwege und Wallfahrtsorte erscheinen dadurch als Ausdrucksformen gegenwärtiger Religiosität und Spiritualität.
Anschließend unterscheidet der Artikel zwischen Wallfahren und Pilgern. Im alltäglichen Sprachgebrauch werden beide Begriffe oft gleichgesetzt, in der Fachliteratur jedoch voneinander abgegrenzt. Wallfahren meint vor allem religiöse Reisen zu einem bestimmten heiligen Ort. Diese Reisen können mit verschiedenen Verkehrsmitteln erfolgen, sind meist kirchlich organisiert, stärker gemeinschaftlich geprägt und auf das Erreichen des Zielortes ausgerichtet. Pilgern betont demgegenüber den Weg selbst als körperlichen und geistlichen Prozess. Der Aufbruch geschieht häufig aus eigener Kraft, allein oder in kleinen Gruppen, und ist stärker von individuellen Motiven getragen. Beide Formen ordnet die Tourismusforschung dem spirituellen Tourismus zu.
Im historischen Teil zeigt der Autor, dass das Unterwegssein von Anfang an zum Christentum gehört. Jesus tritt als Wanderprediger auf, verkündet das Reich Gottes, ruft Menschen in die Nachfolge und begegnet seinen Jüngerinnen und Jüngern auch nach Ostern unterwegs. Auch Paulus und die frühe Kirche sind durch Bewegung, Reise und missionarisches Unterwegssein geprägt. Eine eigentliche christliche Pilgerbewegung entwickelt sich jedoch erst später. In der Spätantike fördern Reisen ins Heilige Land und zu den Gräbern der Apostel und Märtyrer die Wallfahrtstradition. Im Mittelalter erlebt diese eine Blüte, weil Menschen in Krisen, Krankheiten, Kriegen und Nöten Trost, Heil und Orientierung suchen. Zugleich nennt der Autor Fehlentwicklungen wie magische Praktiken, Reliquienhandel und Ablasswesen, die zur Kirchenkrise und mit zur Reformation beigetragen haben.
Für die Gegenwart betont der Artikel, dass das Pilgern eine neue Blüte erlebt und sich zugleich von festen kirchlichen Bindungen weitgehend gelöst hat. Viele Pilgernde sind heute eher Sinnsuchende als kirchlich fest gebundene Gläubige. Digitale Medien haben dazu beigetragen, das Pilgern weltweit sichtbar und attraktiv zu machen. Damit wird das Pilgern zu einer Form spätmoderner Spiritualität und populärer Religion.
Besonders wichtig ist dem Autor die kirchliche Deutung des Pilgerns. Das Zweite Vatikanische Konzil versteht die Kirche als pilgerndes Gottesvolk. Diese Metapher beschreibt die Kirche als unterwegs, unvollendet, gemeinschaftlich und auf ein Ziel hin orientiert. Papst Franziskus greift dieses Motiv auf und verbindet es mit synodalen Prozessen und dem Heiligen Jahr 2025 unter dem Leitwort „Pilger der Hoffnung“. Darin sieht der Autor einen Kulturwandel, der die Kirche auf allen Ebenen prägen soll. Das Bild des pilgernden Gottesvolkes erinnert die Kirche an ihre vorläufige Gestalt, an ihren diakonischen und missionarischen Auftrag sowie an ihre Ausrichtung auf die endgültige Vollendung bei Gott.
Im letzten Teil stellt der Autor eine soziologische Typologie von Pilgermotiven vor, die auf einer Feldstudie von Christian Kurrat beruht. Ausgangspunkt ist immer eine konkrete biographische Situation, die den Impuls zum Pilgern gibt. Genannt werden sieben Grundformen. Dazu gehören die biographische Bilanzierung, bei der Menschen aus Dankbarkeit auf ihr Leben zurückblicken, die biographische Krise, in der Pilgern bei Leid, Verlust oder Erschöpfung als Bewältigungsweg gesucht wird, und die biographische Auszeit, bei der eine zeitlich begrenzte Unterbrechung des Alltags im Mittelpunkt steht. Weitere Formen sind der biographische Übergang an Lebensschwellen, der biographische Neustart nach bewussten Trennungen oder Veränderungen, die biographische Stellvertretung für andere Menschen und die biographische Berufung, bei der erfahrene Pilgernde andere motivieren und begleiten. Der Autor macht deutlich, dass diese Motive oft ineinander übergehen und sich beim wiederholten Pilgern verändern können.
Insgesamt versteht der Artikel Pilgern als ein vielschichtiges Phänomen zwischen Religion, Spiritualität, Biographie und kirchlichem Selbstverständnis. Pilgern ist in dieser Sicht nicht nur eine äußere Bewegung, sondern ein Weg der Sinnsuche, der Unterbrechung, der Neuorientierung und der Hoffnung. Gerade deshalb besitzt es in der Spätmoderne eine besondere Anziehungskraft.