Der Artikel untersucht ein Elfenbein Diptychon aus dem späten 10. Jahrhundert, das heute in den Staatlichen Museen zu Berlin aufbewahrt wird. Das Kunstwerk besteht aus zwei Relief Tafeln. Auf der linken Seite ist Mose dargestellt, der auf dem Berg Sinai die Gesetzestafeln von Gott empfängt. Auf der rechten Seite ist die Begegnung des Apostels Thomas mit dem auferstandenen Jesus Christus zu sehen. Der Autor beschreibt zunächst ausführlich die Gestaltung der beiden Reliefs und ihre ikonografischen Details.
Die Mose Darstellung zeigt den Propheten auf einem stilisierten Berg. Mit ausgestreckten Armen nimmt er die Gesetzestafeln aus der Hand Gottes entgegen. Die Szene wird von architektonischen Elementen eingerahmt, die möglicherweise auf den Tempel in Jerusalem hinweisen. Auf den Tafeln sind nicht die Gebote selbst dargestellt, sondern Hinweise auf Mose als Empfänger der göttlichen Offenbarung. Diese Darstellung verweist auf die biblische Geschichte aus dem Buch Exodus, in der Mose das Gesetz Gottes erhält und damit eine grundlegende Ordnung für das Volk Israel begründet.
Die rechte Relief Tafel zeigt Jesus Christus und den Apostel Thomas. Christus steht erhöht auf einem Gebäude und öffnet sein Gewand, damit Thomas die Wunde in seiner Seite berühren kann. Thomas streckt seinen Finger in diese Wunde und überprüft damit die Realität der Auferstehung. Diese Szene bezieht sich auf die Erzählung im Johannesevangelium, in der Thomas zunächst zweifelt und erst durch die Begegnung mit dem auferstandenen Christus zum Glauben gelangt. Die Inschriften auf dem Relief zitieren Worte Jesu aus dem Evangelium, in denen Thomas aufgefordert wird, seinen Finger in die Wunde zu legen und nicht ungläubig zu sein.
Der Autor hebt hervor, dass die Verbindung von Mose und Thomas in der mittelalterlichen Kunst ungewöhnlich ist. In der christlichen Kunst wird häufig mit typologischen Beziehungen gearbeitet. Dabei wird ein Ereignis aus dem Alten Testament als Vorbild für ein Ereignis aus dem Neuen Testament verstanden. In diesem Fall wird Mose als Diener Gottes verstanden, während Christus als Sohn Gottes erscheint. Mose steht damit nicht im Gegensatz zu Christus, sondern in einem Verhältnis der Erfüllung. Das Alte Testament bereitet das Neue Testament vor und findet in Christus seine Vollendung.
Eine besondere Bedeutung erhält jedoch die Verbindung zwischen Mose und Thomas. Beide Figuren strecken sich nach dem Göttlichen aus und begegnen Gott auf unterschiedliche Weise. Mose empfängt Gottes Offenbarung in Form von Schrift und Gesetz. Thomas begegnet Gott in der Person Jesu Christi. Dadurch entsteht eine theologische Aussage über zwei Formen der Offenbarung Gottes. Im Alten Testament offenbart sich Gott vor allem durch sein Wort und die Schrift. Im Neuen Testament offenbart sich Gott in der menschlichen Gestalt Jesu.
Ein weiteres Deutungselement sieht der Autor in der Darstellung des Hörens und Glaubens. In der Szene mit Thomas wird ein besonderes Detail sichtbar. Jesus legt sein Ohr frei. Dieses Bild kann symbolisch verstanden werden. Glauben entsteht nicht nur durch Sehen oder Beweise, sondern durch das Hören auf Gottes Wort. Dadurch wird zugleich Mose aufgewertet, der Gott nicht sehen kann, sondern Gottes Stimme hört.
Der Autor interpretiert beide Figuren außerdem als Pilger. Mose befindet sich auf dem Weg zum Gottesberg und kehrt mit den Gesetzestafeln zurück. Thomas befindet sich ebenfalls auf einem Weg des Suchens und Zweifelns, bis er dem auferstandenen Christus begegnet. Beide Figuren haben eine Wegstrecke hinter sich und werden durch ihre Begegnung mit Gott grundlegend verändert. Pilgern wird so zu einem Bild für die Suche des Menschen nach Wahrheit und Glauben.
Schließlich wird die Darstellung Gottes selbst thematisiert. Beide Tafeln zeigen Symbole, die darauf hinweisen, dass es sich um denselben Gott handelt, der sich im Alten und im Neuen Testament offenbart. Die Gesetzestafeln stehen für die Offenbarung Gottes in der Schrift. Die Person Jesu Christi steht für die Offenbarung Gottes im Menschen. Der unsichtbare Gott wird im Alten Testament durch die Schrift vermittelt und im Neuen Testament durch den menschgewordenen Sohn sichtbar.
Das Diptychon wird deshalb als ein bedeutendes Beispiel mittelalterlicher Theologie verstanden, die in einem Kunstwerk dargestellt ist. Die Reliefs verbinden biblische Texte, theologische Deutung und künstlerische Gestaltung miteinander. Auch wenn manche Details offen für unterschiedliche Interpretationen bleiben, zeigt das Kunstwerk die komplexe Verbindung von Kunst, Bibel und Theologie im Mittelalter.