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Eulenfisch

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Das Alter ist eine sehr merkwürdige Angelegenheit

Veröffentlichung:1.1.2025

Der Beitrag „Das Alter ist eine sehr merkwürdige Angelegenheit“ ist nach dem vorliegenden Auszug im Heft Eulenfisch enthalten und nicht in ru heute. Das Gespräch umfasst 2 Seiten. Im Interview spricht Barbara Honigmann über Alter, Zeit, Familie, Judentum, Literatur und die jüngere Generation. Theologisch behandelt der Text vor allem Fragen nach Gott, nach dem Verhältnis von Heiligem und Alltäglichem, nach der Deutung biblischer Texte, nach Lebensmut in Krisen und nach der Bedeutung von Glauben, Erinnerung und Transzendenz.

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Im Gespräch mit Clemens Hermann Wagner spricht Barbara Honigmann über zentrale Erfahrungen ihres Lebens und über die Frage, wie Anfänge das eigene Dasein prägen. Ausgehend von einem Gedanken Hannah Arendts beschreibt sie, dass jeder Mensch in die Welt hineingeworfen wird und seinen Weg erst finden muss. Für ihr eigenes Leben benennt sie drei entscheidende Anfänge: die Gründung ihrer Familie, ihre bewusste Hinwendung zum Judentum und den Beginn ihres Schreibens. Diese drei Bereiche sind für sie nicht voneinander zu trennen, sondern haben sich im Lauf der Zeit immer stärker miteinander verbunden.

Die Familie spielt für Honigmann eine wichtige Rolle. Sie beschreibt sich als Mutter von zwei Söhnen und Großmutter von sieben Enkelkindern. Auch wenn sie den Alltag der Kinder nicht ständig unmittelbar begleitet, sind die Enkel in ihrer Gedankenwelt sehr präsent. Die Auseinandersetzung mit ihrer Familiengeschichte prägt zudem ihr literarisches Werk. Besonders ihr Vater war für ihren Zugang zu Literatur und Kunst wichtig, weil er selbst eine poetische Begabung hatte und sie früh beeinflusste. So wird deutlich, dass Erinnerung, Herkunft und Familie für ihr Schreiben grundlegend sind.

Auf die jüngere Generation blickt Honigmann mit Interesse, aber auch mit Zurückhaltung. Sie betont, dass das Reden älterer Menschen über Jüngere oft mehr über die Älteren als über die Jüngeren aussagt. Zugleich erkennt sie an, dass die Welt ihrer Enkel durch digitale Medien und rasante gesellschaftliche Veränderungen stark von ihrer eigenen Jugend abweicht. Dennoch sieht sie keine grundsätzlich anderen Werte bei den Enkeln. Mit den älteren Enkelkindern diskutiert sie gerne über Politik und gesellschaftliche Entwicklungen. Das Verhältnis zwischen den Generationen erscheint im Gespräch damit nicht als Gegensatz, sondern als lebendiger Austausch.

Ein weiterer Schwerpunkt des Interviews ist Honigmanns Verhältnis zum Judentum. Sie beschreibt ihren Zugang vor allem als Begegnung mit poetischen Texten. Dazu gehören die biblischen Schriften, der Midrasch und die Mischna. Auch wenn diese Texte oft von Regeln, Riten und Vorschriften handeln, entdeckt sie in ihnen immer wieder poetische und überraschende Momente. Gerade diese Verbindung von Alltag und Heiligkeit fasziniert sie. Ein scheinbar kleiner und humorvoller Einschub in einem talmudischen Text wird für sie zu einem Beispiel dafür, wie sich das Profane und das Sakrale berühren können. Das Judentum erscheint in ihrer Sicht daher nicht nur als religiöse Ordnung, sondern auch als poetische Lebensform.

Die Frage nach Gott beantwortet Honigmann vorsichtig und zurückhaltend. Sie betont, dass Gott sich weder sehen noch hören lasse und dass man sich ihn nicht vorstellen solle. Deshalb vermeidet sie eine direkte und festlegende Rede über Gott. Dennoch verbindet sie mit dem Gottesgedanken eine grundlegende Haltung: Der Mensch steht nicht im Mittelpunkt der Welt. Er hat die Welt nicht geschaffen und kann sie nicht anhalten. Damit verweist sie auf eine Wirklichkeit, die größer ist als der Mensch selbst. Auch den Schabbat deutet sie in diesem Sinn. Der Mensch lässt für einen Tag alles ruhen und erkennt dadurch, dass die Welt auch ohne sein Eingreifen weiterbesteht.

Ein wichtiger Teil des Gesprächs bezieht sich auf biblische Texte, vor allem auf das Deuteronomium. Die Szene, in der Mose das verheißene Land sehen, aber nicht betreten darf, deutet Honigmann als starke Pointe. Mose hat seine Aufgabe erfüllt, das Volk aus der Gefangenschaft zu führen, doch die Vollendung seines Werkes erlebt er selbst nicht mehr. Zugleich hebt sie hervor, dass Mose im Deuteronomium selbst spricht und nicht nur göttliche Befehle weitergibt. Darin sieht sie eine Form von Eigenständigkeit und Reife. Mose zieht Bilanz, ohne dass dies in eine einfache Vollendung mündet. Gerade darin liegt für Honigmann die Tiefe dieser biblischen Figur.

Auch auf die Frage nach Bilanz im eigenen Leben reagiert Honigmann zurückhaltend. Sie erklärt, dass mehrere Lebenszeiten zugleich gegenwärtig bleiben. Kindheit, Jugend und spätere Jahre verschwinden nicht einfach, sondern überlagern sich. Mit Bezug auf Marcel Proust beschreibt sie Zeit als etwas schwer Fassbares, das durch kleine Erfahrungen plötzlich wieder präsent werden kann. Alter erscheint deshalb nicht als klar abgegrenzte Lebensphase, sondern als merkwürdige und vielschichtige Erfahrung.

Von besonderer Bedeutung ist für Honigmann der biblische Zuspruch, mutig und unverzagt zu sein. Sie versteht diese Worte nicht als Botschaft nur für ältere Menschen, sondern als Haltung für das ganze Leben. Da Krisen immer wieder auftreten, braucht der Mensch Mut, um nicht zu verzagen. Besonders berührend ist für sie die Aufforderung aus dem Deuteronomium, das Leben zu wählen. Darin erkennt sie einen tiefen Zuspruch, der auch in schwierigen Zeiten trägt.

Schließlich spricht Honigmann über die Bedeutung der Literatur. Schreiben ist für sie kein Mittel der Heilung, sondern eine Weise, bei sich selbst zu sein und der eigenen Welt Ausdruck zu geben. Neben der Literatur hat auch die Malerei diese Funktion für sie gehabt. Zugleich bewundert sie andere Kunstformen wie Tanz und Theater, die mit dem Körper arbeiten und dadurch menschliches Leben überschreiten. Kunst versteht sie insgesamt als einen offenen Prozess, der nie ganz abgeschlossen ist. Wenn ein Buch veröffentlicht wird und in die Welt hinausgeht, entsteht ein Echo, das sich der eigenen Kontrolle entzieht. Auch darin erkennt sie eine Form des Transzendenten.

Insgesamt zeigt das Interview Barbara Honigmann als eine Autorin, die Alter, Familie, Glauben, Literatur und Zeit nicht getrennt voneinander denkt. Das Gespräch macht deutlich, dass Lebenserfahrung nicht zur Abschließung führt, sondern zu größerer Aufmerksamkeit für Erinnerung, Sprache, biblische Überlieferung und die bleibende Aufgabe, trotz aller Krisen immer wieder das Leben zu wählen.

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