Der Artikel geht von der Beobachtung aus, dass der Gottesdienst der Kirche heute fraglich geworden ist. Das ist nach Andreas Odenthal nicht nur ein Verlust, sondern auch eine Chance, weil Gottesdienst nicht mehr bloß aus Gewohnheit besucht wird, sondern bewusster entschieden werden muss. In einer pluralen und unübersichtlichen Gesellschaft stellt sich deshalb neu die Frage, was die Identität christlicher Liturgie ausmacht. Dabei geht es um die Spannung zwischen den konkreten Lebensgeschichten der Menschen und der vorgegebenen Form kirchlicher Liturgie. Der Autor greift damit die Grundfrage auf, ob die Liturgie den Menschen von heute noch zugänglich ist und ob Menschen heute überhaupt noch liturgiefähig sind.
In seiner ersten These beschreibt Odenthal Feiern als notwendige Unterbrechung des Alltags. Feiern schafft Freiräume, in denen Menschen zu sich selbst und zueinander finden können. Das gilt allgemein für das menschliche Leben, ist aber im christlichen Gottesdienst schwieriger, weil hier nicht nur Gemeinschaft und Entlastung gesucht werden, sondern auch die Feier Gottes im Mittelpunkt steht. Während profane Feiern heute selbstverständlich erscheinen, ist die kirchliche Feier oft an bewusste Entscheidungen gebunden. Besonders deutlich wird das an den Menschen, die kirchliche Rituale vor allem an biographischen Wendepunkten suchen, etwa bei Geburt, Hochzeit, Krankheit oder Tod. Solche Feiern leben aber davon, dass es weiterhin Gemeinden gibt, die die liturgische Tradition tragen. Zugleich erschweren große pastorale Räume die persönliche Begleitung, sodass der Lebensbezug kirchlicher Rituale immer neu hergestellt werden muss.
In der zweiten These erklärt der Autor, dass das Christentum für seine Liturgie keine völlig neuen Formen erfunden hat. Die zentralen sakramentlichen Gesten wie Essen und Trinken, Salben, Untertauchen und Handauflegung sind uralte menschliche Grundgesten, die in vielen Kulturen vorkommen. Gerade deshalb ist Liturgie grundsätzlich niederschwellig. Sie knüpft an Erfahrungen an, die Menschen kennen. Problematisch wird es dort, wo diese Gesten so stark überformt werden, dass ihr ursprünglicher Lebensbezug verloren geht. Als Beispiel nennt Odenthal die Eucharistie, wenn das gemeinsame Trinken aus dem Kelch entfällt. Dann geht eine wichtige rituelle Erfahrung verloren. Die Kirche steht daher in der Verantwortung, die Grundgesten so zu gestalten, dass Menschen durch sie ihr Leben ausdrücken und sich zugleich von Gott unterbrechen lassen können.
In der dritten These hebt der Autor hervor, dass zur rituellen Geste immer das Deutewort gehört. Erst das Wort macht aus einer Geste im eigentlichen Sinne ein christliches Sakrament. Dieses Deutewort greift die zentralen Gottesgeschichten Israels und des Christentums auf, vor allem den Exodus aus Ägypten und Jesu Leiden, Sterben und Auferstehen. Beide werden im Begriff des Pascha Mysteriums zusammengefasst. Dieses Pascha Mysterium ist das Grundthema aller Liturgie und wird im Kirchenjahr in verschiedenen Formen gefeiert. Darin liegt die Stärke der Liturgie, weil sie ihr Thema nicht ständig neu erfinden muss. Gleichzeitig ist genau das ihre Herausforderung, weil im Gottesdienst nicht die Menschen sich selbst feiern, sondern das Heilshandeln Gottes, das sich mit ihren Biographien verbindet und dabei auch Spannungen auslösen kann.
In der vierten These beschreibt Odenthal zwei grundlegende Sehnsüchte des Menschen, die in Ritualen Ausdruck finden. Einerseits suchen Menschen Schutz, Geborgenheit und Trost. Andererseits streben sie nach Aufbruch, Selbstwerdung und Veränderung. Diese doppelte Sehnsucht prägt auch die biblischen Geschichten. Im Pascha Mahl vor dem Auszug aus Ägypten wird zunächst der Schutz Gottes erfahren, bevor der Aufbruch in die Freiheit möglich wird. Ähnlich deutet Jesus im letzten Abendmahl seinen bevorstehenden Tod im Horizont des Reiches Gottes. So verbinden sich in den zentralen Glaubensgeschichten Trost und Veränderung, Bewahrung und Befreiung.
Die fünfte These macht deutlich, dass die biblische Tradition nicht einfach menschliche Bedürfnisse erfüllt. Sie kann auch quer zur Erfahrung der Menschen stehen und sie irritieren. Das zeigt der Autor besonders an der Auferstehungsbotschaft. Die Reaktion der ersten Jüngerinnen auf das leere Grab ist nicht nur Freude, sondern auch Schrecken, Entsetzen und Furcht. Gerade diese Verstörung gehört wesentlich zum christlichen Glauben, weil Gott nicht nur bestätigt, was Menschen ohnehin erwarten. Vielmehr durchbricht er Gewohnheiten und eröffnet eine neue Wirklichkeit. In diesem Sinn ist auch die Gegenwart Christi im Gottesdienst unselbstverständlich. Christus ist gegenwärtig und bleibt doch zugleich der, der seiner Kirche fehlt, weil die Vollendung noch aussteht. Gottesdienst lebt deshalb aus der Spannung zwischen zugesagter Nähe und noch ausstehender Erfüllung.
Besonders eindrücklich zeigt sich das im Beerdigungsritus. Wenn nach dem Einsenken des Sarges dem Verstorbenen zugesprochen wird, dass Gott an ihm vollenden möge, was in der Taufe begonnen wurde, dann steht diese Aussage gegen die sichtbaren Tatsachen des Todes. Genau darin liegt aber die christliche Hoffnung. Die Liturgie setzt gegen die Realität des Todes die Verheißung des Lebens. Damit wird deutlich, dass Liturgie eine Gegenwelt eröffnen kann, die nicht einfach die vorfindliche Wirklichkeit bestätigt, sondern sie im Licht des Glaubens deutet und überschreitet.
Am Ende warnt Odenthal davor, Gottesdienst pädagogisch zu verzwecken. Liturgie darf nicht zu einem Ort werden, an dem bloß moralische Lebensanweisungen vermittelt werden. Sie soll vielmehr ein Freiraum des Erlebens bleiben, in dem Menschen ihre eigenen Lebensgeschichten mit den Gottesgeschichten Israels und des Christentums verbinden können. Der Gottesdienst soll offen halten für die Erfahrung des lebendigen Gottes und für die Möglichkeit, von ihm verändert zu werden. Gerade weil die Zeiten unselbstverständlich sind, besteht die Aufgabe darin, Liturgie nicht an bloße Gewohnheit oder an den Markt des Wohlfeilen anzupassen, sondern sie als anspruchsvolle und lebensdeutende Feier zu bewahren. So bleibt Gottesdienst eine Herausforderung und zugleich eine Chance, das eigene Leben im Horizont von Heilsgeschichte zu verstehen.