Der Artikel setzt bei der liturgischen Formel „Wort des lebendigen Gottes“ an, die nach den Lesungen in der Eucharistiefeier gesprochen wird. Von dort aus entwickelt er die Frage, was diese Formel eigentlich bedeutet und welches Gewicht sie der biblischen Lesung gibt. Der Verfasser fragt, ob Gott wirklich durch die Worte der Heiligen Schrift zu uns spricht, ob er nur durch sie spricht und wie sein Wort in einer von vielen Stimmen und Eindrücken geprägten Welt überhaupt wahrgenommen werden kann. Die Bibel wird dabei nicht einfach als altes Buch verteidigt, sondern in ihrer bleibenden Bedeutung für Gottesdienst, Katechese und Religionsunterricht theologisch begründet.
Zunächst erklärt der Artikel, dass die Bibel im Gottesdienst deshalb eine besondere Stellung einnimmt, weil sie auf die großen Taten und Wege Gottes verweist. In ihr wird von Schöpfung, Erwählung, Bund, Befreiung, Prophetie, Jesus Christus, Kirche, Auferstehung und Vollendung gesprochen. Das Evangelium hat dabei einen besonderen Rang, weil Jesus Christus nach christlichem Verständnis Gottes Wort in Person ist. Es gibt nur ein Wort Gottes, aber viele menschliche Worte über Gott. Diese vielen Stimmen gewinnen ihre Bedeutung dadurch, dass sie auf den einen Gott bezogen sind und sein Wort in der menschlichen Welt hörbar machen.
Im zweiten Schritt geht es um das Schriftverständnis. Die Bibel ist nach dem Artikel zugleich Geschichtsbuch, Literatur und Heilige Schrift. Diese Dimensionen dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Historische und philologische Exegese sind notwendig, weil die Bibel konkrete Zeiten, Orte, Personen und Ereignisse nennt. Zugleich ist sie Urkunde des Glaubens und muss geistlich gelesen werden. Ein theologisches Verständnis der Schrift kann deshalb nicht an historischer Forschung vorbeigehen. Umgekehrt führt eine ernsthafte historische Auslegung gerade zur theologischen Frage nach Gott.
Zentral ist die Aussage, dass Jesus nicht nur von Gottes Wort spricht, sondern selbst Gottes Wort ist. In ihm fallen Zeuge und Zeugnis zusammen. Darum ist biblische Offenbarung nicht als wörtliches Diktat vom Himmel zu verstehen, sondern als göttliches Sprechen durch menschliche Worte, Situationen und Geschichte. Anders als ein Schriftverständnis, das den menschlichen Anteil möglichst zurückdrängen möchte, betont der Artikel, dass die Bibel ganz Wort Gottes und ganz Wort von Menschen ist. Der Heilige Geist befähigt Menschen, Gottes Wort in ihrer Zeit, Sprache und Begrenztheit zu hören und zu sagen. Ebenso befähigt derselbe Geist die Lesenden, Gottes Wort in der Schrift zu erkennen. Der Geist schaltet Vernunft nicht aus, sondern ein, und öffnet das Herz für Glaube, Hoffnung und Liebe.
Danach weitet der Artikel den Blick auf die Weisheitstradition. Die Weisheit erscheint als Mittlerin zwischen Gott und den Menschen. In der Schöpfung selbst ist eine Spur Gottes erkennbar. Die Welt kann als Haus der Weisheit verstanden werden. Deshalb kann Gott nicht nur in den ausdrücklichen Texten der Bibel, sondern auch in der Schöpfung vernommen werden. Die Bibel hilft, diese Schöpfung als Hinweis auf Gott zu lesen, schließt aber die Weisheit anderer Völker und Kulturen nicht aus. Der Artikel verweist auf biblische Texte, die zeigen, dass auch Menschen außerhalb Israels und außerhalb der Kirche von Gott berührt werden können. Damit wird deutlich, dass Gottes Wirken größer ist als der enge Raum religiöser Zugehörigkeit.
Zugleich wird unterschieden: Aus der Schöpfung lässt sich erkennen, dass es Gott gibt und dass die Welt nicht sinnlos ist. Aber wer Gott ist, was sein Wille ist und wie seine Rettung geschieht, erschließt sich erst durch die weitergehende Offenbarung. Diese Unterscheidung schafft Offenheit gegenüber anderen Religionen, Kulturen und Wissenschaften, ohne den eigenen Glauben aufzugeben. Wahrheit, Frömmigkeit und Gotteserfahrung sind nicht auf die sichtbare Kirche begrenzt.
Ein weiterer Schwerpunkt des Artikels ist die Frage, wie Gott durch den Menschen selbst spricht. Im Blick auf Jesus wird deutlich, dass er nicht nur offenbart, wer Gott ist, sondern auch, wer der Mensch ist. Die unveräußerliche Menschenwürde gründet in der Gottebenbildlichkeit. Deshalb kann der Mensch nicht gegen Gott ausgespielt werden. Vielmehr begründet gerade der biblische Glaube an den einen Gott die besondere Würde jedes Menschen. Paulus verweist dazu auf das Gewissen. Gott spricht auch durch die Stimme des Gewissens, durch innere Unterscheidung, durch Gedanken, Träume, Kunst, Literatur, Musik und Wissenschaft. Allerdings muss immer geprüft werden, ob eine Stimme wirklich von Gott kommt. Maßstab dafür sind die Verehrung Gottes und die Menschlichkeit. Jesus macht deutlich, dass Gottes Stimme dort zu erkennen ist, wo Menschen befreit, geheilt und zum Leben geführt werden.
Besonders stark wird diese Einsicht am Gleichnis vom Weltgericht entfaltet. Dort identifiziert sich Jesus mit den Geringsten. Wer den Hungrigen, Durstigen, Kranken, Fremden und Gefangenen begegnet, begegnet Christus selbst. So zeigt sich, dass Gott auch durch leidende Menschen spricht. Der Schrei nach Hilfe, die Klage und selbst das Verstummen im Leid werden zu Orten, an denen Gottes Gegenwart aufscheint. Paulus ergänzt dies mit dem Gedanken, dass der Geist in menschlicher Schwachheit mit unaussprechlichen Seufzern für die Menschen eintritt.
Am Ende führt der Artikel Mose und Paulus zusammen. In Deuteronomium heißt es, dass das Wort Gottes dem Menschen nahe ist, in seinem Mund und in seinem Herzen. Paulus greift diesen Gedanken im Römerbrief auf und bezieht ihn auf das Evangelium von Jesus Christus. Niemand muss sich Gottes Wort aus Himmel oder Unterwelt holen, weil Gott selbst in Christus die Nähe zu den Menschen hergestellt hat. Dieses Wort ist nicht nur Information über Christus, sondern von seiner Gegenwart geprägt. Glaube entsteht deshalb nicht aus eigener Leistung, sondern aus dem Hören. Hören setzt Verkündigung voraus, Verkündigung Sendung. Darum fasst Paulus zusammen, dass der Glaube vom Hören kommt und das Hören durch das Wort Christi.
Der Artikel kommt insgesamt zu dem Ergebnis, dass Gott den Menschen auf vielfältige Weise anspricht. Die Bibel ist dafür der entscheidende und bleibende Maßstab, weil in ihr Gottes Wort in menschlichen Worten bezeugt wird und weil Jesus Christus in ihr als das Wort Gottes sichtbar wird. Gottes Sprechen geschieht aber nicht nur im geschriebenen Text, sondern auch in Schöpfung, Gewissen, Geschichte, menschlicher Erfahrung und in der Begegnung mit anderen Menschen. Entscheidend ist, diese Stimmen im Licht der Bibel und des Evangeliums zu deuten.