Der Artikel geht von der Frage aus, ob Religionsunterricht beten lehren soll. Der Verfasser zeigt, dass diese Frage in den vergangenen Jahrzehnten unsicher geworden ist, weil Gebet oft eher der Gemeinde oder der Katechese zugeordnet wurde. Zugleich macht er deutlich, dass diese Zurückhaltung nicht selbstverständlich ist. Gerade im Vergleich mit anderen Religionen wird sichtbar, dass religiöse Bildung ohne Gebetspraxis unvollständig bleibt. Deshalb versucht der Artikel, theologische Grundgedanken und praktische Überlegungen miteinander zu verbinden.
Zunächst beschreibt der Text Gebet als etwas zutiefst Menschliches. Im Rückgriff auf Emmanuel Levinas und jüdische Gebetstraditionen wird Gebet als ein Geschehen verstanden, in dem der Mensch mit Leib und Seele vor Gott tritt. Beten ist nicht nur eine private Handlung, sondern hat Bedeutung für die ganze Welt. Es dient dem Erhalt der Schöpfung, dem Wiederaufbau des Zerstörten und der Danksagung vor Gott. Auch christliches Beten ist in diesem Sinn weltbezogen. Es richtet sich auf das Kommen des Reiches Gottes und lebt aus der Hoffnung, dass die Welt nicht dem Nichts überlassen bleibt. Dabei hat das christliche Gebet sein besonderes Profil in Jesus Christus, in seiner Erniedrigung, seinem Leiden und seiner Erhöhung.
Dann wendet sich der Artikel dem Gebetsglauben Jesu zu. An der Erzählung von der Heilung des kranken Jungen im Markusevangelium wird gezeigt, dass Jesu Beten eng mit menschlicher Hilfsbedürftigkeit verbunden ist. Der Vater des Jungen bittet aus tiefster Not um Hilfe und spricht zugleich seinen schwachen Glauben aus. Gerade darin wird sichtbar, dass Gebet häufig aus Not entsteht. Der Text macht aber auch deutlich, dass dies keine minderwertige Form des Betens ist. Vielmehr kann Not den Menschen überhaupt erst zum Gebet führen. Zugleich stellt sich hier die schwere Frage, wie mit nicht erhörtem Gebet umzugehen ist. Der Artikel nennt dies eine bleibende theologische Herausforderung und verweist auf die Theodizeefrage. Auch Jesus selbst lernt im Leiden Gehorsam und Vertrauen. Das Vaterunser erscheint deshalb als Grundgebet, in dem sich die zentralen Anliegen des Betens Jesu verdichten und das auch im Religionsunterricht gelernt werden sollte.
Im nächsten Schritt entfaltet der Verfasser das paulinische Verständnis des Gebets. Im Römerbrief wird Gebet nicht zuerst als ausformulierte Sprache verstanden, sondern als ein vom Geist Gottes gewirktes inneres Stöhnen. Die ganze Schöpfung liegt in Geburtswehen, und auch die Getauften leiden unter der Unvollendetheit der Welt. Gerade der empfangene Geist macht sensibel für das Leiden der Welt und für die Hoffnung auf ihre Vollendung. Das eigentliche Gebet beginnt also schon dort, wo Menschen ihre Unruhe, ihre Klage und ihre Sehnsucht wahrnehmen. Selbst ein erster Aufschrei angesichts von Leid und Unrecht kann schon eine Gebetsform sein. Für den Religionsunterricht ist daraus wichtig, dass Lernende für diese tieferen Erfahrungen erschlossen werden und ihre eigene Sehnsucht, ihr Leiden und ihre Hoffnung als möglichen Ort des Gebets verstehen lernen.
Darauf aufbauend erklärt der Artikel, dass es neben dem wortlosen Gebet auch eine lernbare Gebetssprache gibt. Der Gottesgeist, der im Innersten beten lässt, ist zugleich der Ursprung der überlieferten Gebete. Deshalb gehören freies und geformtes Gebet eng zusammen. Das Vaterunser und die Psalmen sind sprachliche Formen, die eingeübt werden müssen. Der Verfasser betont, dass Gebetssprache wie eine andere Sprache oder wie ein Musikinstrument gelernt wird. Dies braucht Zeit, Ausdauer und Wiederholung. Große Gebetstexte eröffnen dem Menschen einen Weg zu tieferen Schichten seiner Seele und zur Begegnung mit Gott. In diesem Sinn ist das Erlernen des Betens nicht bloß Auswendiglernen, sondern ein spiritueller Übungsweg.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Mystik des Gebets, besonders anhand von Edith Stein und Johannes vom Kreuz. Der Text zeigt, dass Gotteserfahrung nicht immer an eine lange Gebetspraxis gebunden sein muss. Menschen können auch ohne bewusste Vorübung von Gott ergriffen werden. Deshalb sollten Lehrende damit rechnen, dass auch Kinder und Jugendliche bereits tiefgehende, aber schwer deutbare Erfahrungen gemacht haben. Zugleich betont der Artikel, dass Gotteserfahrung nicht nur tröstlich und beglückend ist. Sie kann auch als Dunkelheit, Leere, Gottesferne und verzehrendes Feuer erfahren werden. Gerade diese Erfahrung der Gottverlassenheit gehört wesentlich zur jüdisch christlichen Gebetstradition. Deshalb darf Religionsunterricht spirituelle Leere nicht vorschnell als Religionslosigkeit missverstehen, sondern sollte sie als möglichen Anfang religiöser Erfahrung deuten helfen.
Am Ende macht der Verfasser einen konkreten Vorschlag für die Praxis. Er regt an, Lernende mit dem dreimaligen täglichen Gebet vertraut zu machen, also mit Gebetszeiten am Morgen, Mittag und Abend. Diese Form der Tagesheiligung könne helfen, Gebet in den Schulalltag zu integrieren. Vorgeschlagen wird eine einfache Struktur aus Eröffnung, Psalm oder Lied, einem kurzen Schriftwort, Stille, Bitten und Vaterunser. Auch einzelne Bitten des Vaterunsers könnten über längere Zeit meditativ eingeübt werden. Der Artikel schließt mit der Überzeugung, dass Beten Zeit und Geduld braucht, sich aber lohnt, weil es die Seele mit Gott verbindet, Gemeinschaft stiftet und eine tiefe Form von Glück erschließt. Lehrende, die dies selbst erfahren haben, werden daher auch Lernende an die Spiritualität des Gebets heranführen wollen.