Der Artikel geht von der biblischen Frage Jesu aus, für wen die Menschen ihn halten und für wen ihn seine Jünger halten. Schon im Neuen Testament gibt es unterschiedliche Antworten auf diese Frage. Zugleich zeigt sich dort bereits das Ringen um angemessene Bekenntnisse zu Jesus. Der Verfasser macht deutlich, dass der Titel Christus bis heute zum Kern des christlichen Glaubens gehört, dass sein Inhalt vielen Menschen aber fremd geworden ist. Für viele ist die Verbindung Jesus Christus nur noch eine sprachliche Formel, ohne dass bewusst ist, dass damit ursprünglich das Bekenntnis verbunden war, dass Jesus der Christus ist.
Waldenfels beschreibt dann die gegenwärtige Lage. In einer pluralen und religiös vielstimmigen Welt, besonders angesichts der intensiveren Begegnung mit anderen Religionen, wird neu nach dem eigenen christlichen Standpunkt gefragt. Interreligiöse Begegnungen führen dazu, dass Christen nicht nur über andere Religionen Bescheid wissen sollen, sondern auch selbst Auskunft darüber geben müssen, was sie glauben und welche religiösen Erfahrungen sie tragen. Gerade darin erkennt der Autor eine große Herausforderung für Kirche und Religionsunterricht.
Im Blick auf die Lernsituation kritisiert der Artikel, dass christlicher Glaube oft nur noch als Wissensstoff vermittelt wird. Wo das Zusammenspiel von Familie, Gemeinde und Schule zerbricht und Lehrkräfte den Glauben nicht mehr sichtbar mit ihrem eigenen Leben verbinden, droht der Religionsunterricht in bloße Religionskunde überzugehen. Ein christlicher Religionsunterricht muss nach Waldenfels aber mehr sein als die Vermittlung von Informationen. Er soll Lernende dazu führen, einen eigenen Standpunkt zu finden, zu prüfen und zu verantworten.
Der Autor setzt sich dann mit der neuzeitlichen Jesusforschung auseinander. Diese hat gezeigt, dass Jesus nur in seiner konkreten geschichtlichen Wirklichkeit verstanden werden kann. Jesus war Jude, lebte in einer bestimmten Zeit und in einem bestimmten kulturellen und religiösen Umfeld. Deshalb kann man ihn nicht nach eigenen Vorstellungen neu erfinden. Maßgeblich sind die biblischen Zeugnisse und ihre Auslegungsgeschichte. Der historische Zugang allein genügt jedoch nicht, weil Jesus im christlichen Glauben nicht nur als geschichtliche Person, sondern im Licht des Glaubens als mehr als ein Mensch erkannt wird.
Ein wichtiger Teil des Artikels widmet sich den altkirchlichen Konzilien, besonders dem Konzil von Chalkedon. Dessen Formel, Jesus Christus sei wahrer Gott und wahrer Mensch, bleibt für Waldenfels grundlegend. Zugleich zeigt er, dass sich die Fragestellung heute verschoben hat. Früher stand stärker die Frage im Vordergrund, wie Jesu Gottheit mit dem Glauben an den einen Gott vereinbar ist. Heute wird eher seine Gottheit bestritten oder relativiert, während seine Menschlichkeit betont wird. Deshalb wird es notwendig, neu über die Gottesfrage nachzudenken und deutlich zu machen, dass Jesu Leben ohne seine enge Beziehung zu Gott, den er Vater nennt, nicht verstanden werden kann.
Der Artikel betont außerdem die Grenzen menschlicher Sprache. Die christologischen Formeln der Tradition sind wichtig, aber sie lösen das Geheimnis Jesu nicht auf. Gerade Chalkedon zeigt mit seinen negativen Bestimmungen, dass das Verhältnis von Gottsein und Menschsein in Jesus nicht vollständig erklärt werden kann. Der Glaube bleibt auf das Geheimnis Gottes verwiesen. Darin sieht Waldenfels keine Schwäche, sondern eine notwendige Haltung des Staunens, der Ehrfurcht und des Wagnisses des Glaubens.
Im weiteren Verlauf entfaltet der Autor die Gottesfrage in zwei Richtungen. Einerseits fragen Menschen philosophisch nach dem Unbedingten, dem Letzten und Umfassenden. Andererseits begegnet Gott in der Geschichte, also in den Erfahrungen, die Menschen mit ihm gemacht haben. Für den christlichen Glauben führt dieser geschichtliche Weg über Abraham und das Judentum zu Jesus Christus. Deshalb ist das Gespräch mit dem Judentum und mit dem Islam für das Christentum besonders wichtig. Der Gott Jesu Christi ist kein anderer als der Gott Abrahams.
Von dort aus deutet Waldenfels das Leben Jesu als einzigartigen Weg zu Gott. Er verweist auf Jesu Gebet, seine Vollmacht, seine Heilungen, seine Sündenvergebung und besonders auf sein Sohnbewusstsein. Vor allem das Johannesevangelium macht deutlich, dass Jesus in einzigartiger Weise mit dem Vater verbunden ist. Aussagen wie Ich und der Vater sind eins oder Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen, machen deutlich, dass in Jesus ein neues und konkretes Gottesverständnis sichtbar wird.
Besondere Bedeutung hat für den Autor die Vorstellung des dienenden Gottes. Jesus offenbart Gott nicht in Machtentfaltung, sondern im Dienen, in Hingabe und Selbstentäußerung. Deshalb hebt Waldenfels besonders den Hymnus im Philipperbrief hervor, in dem Christus seine göttliche Würde nicht festhält, sondern sich entäußert und gehorsam bis zum Tod am Kreuz wird. Darin zeigt sich ein radikal neues Gottesbild. Gottes Größe erscheint gerade in seiner Erniedrigung und Nähe.
Daran schließt die Frage nach der Menschwerdung Gottes an. Die neutestamentlichen Texte sprechen von der Einzigkeit des Sohnes und von der Einmaligkeit der Inkarnation. Diese Überzeugung wird heute durch pluralistische und interreligiöse Denkmuster infrage gestellt. Der Autor nennt besonders die Gefahr, die Einmaligkeit Jesu im Vergleich mit anderen religiösen Vorstellungen von göttlichen Erscheinungsformen zu relativieren. Demgegenüber hält er fest, dass das Christentum von der konkreten geschichtlichen Person Jesu von Nazaret ausgeht und in ihm die universale Heilsbedeutung Gottes erkennt.
Am Ende plädiert der Artikel dafür, den christlichen Glauben entschiedener von Jesus Christus her zu denken und zu verkünden. Christen sollen die Gottesfrage neu stellen, Jesus in seinem jüdischen Ursprung ernst nehmen und zugleich in den Vergleich mit anderen Religionen eintreten. Das Christusbekenntnis bleibt für Waldenfels die Mitte des christlichen Glaubens. Es soll so zur Sprache gebracht werden, dass suchende, leidende und fragende Menschen darin Gottes einladende Stimme hören können.