Der Artikel beginnt mit einem Gedanken des Augustinus. Zukunft und Vergangenheit sind für den Menschen niemals direkt verfügbar, sondern immer nur als Formen der Gegenwart, nämlich als Erinnerung und Erwartung. Daraus folgt, dass der Mensch an die Gegenwart gebunden ist und zugleich gar nicht anders kann, als ständig über Vergangenheit und Zukunft nachzudenken. Diese Spannung gehört grundlegend zur menschlichen Existenz. Sie wird besonders in Krisen und in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche deutlich.
Von dort aus richtet der Artikel den Blick auf die Situation des Individuums in der modernen Gesellschaft. Als Schlüsselbegriff dient die Individualisierung. Gemeint ist damit, dass Menschen ihr Leben immer stärker selbst entwerfen, gestalten und verantworten müssen. Was früher durch Tradition, Herkunft, Konfession, Familie, Beruf oder feste gesellschaftliche Rollen vorgegeben war, ist heute weithin zur Wahl geworden. Diese Entwicklung bringt einerseits Freiheit, andererseits aber auch Unsicherheit mit sich. Wer wählen kann, muss auch wählen, und wer sein Leben selbst entwirft, muss sich Erfolge und Misserfolge stärker selbst zurechnen.
Der Text zeigt, dass Individualisierung kein bloß persönlicher Wunsch ist, sondern eine gesellschaftliche Struktur. Menschen werden dazu gedrängt, ihre eigene Biographie zu planen und zu verantworten. Dadurch verlieren traditionelle Sicherheiten an Bedeutung. Gleichzeitig wachsen Entscheidungsdruck und Risiko. Das moderne Individuum ist freier als frühere Generationen, aber es lebt auch gefährdeter, weil es mit den Folgen seiner Entscheidungen oft allein bleibt.
Darüber hinaus beschreibt der Artikel, dass in einer Gesellschaft des Wohlstands nicht mehr allein das Überleben im Mittelpunkt steht, sondern das Erleben. Viele Entscheidungen werden daran orientiert, welche inneren Erfahrungen sie versprechen. Der Erlebniswert wird zu einem wichtigen Maßstab. Dadurch verschiebt sich der Schwerpunkt menschlichen Lebens noch stärker auf die Gegenwart und auf das eigene Ich. Diese Entwicklung birgt die Gefahr, dass Menschen ihr Leben vor allem nach intensiven Eindrücken ausrichten und sich dabei in Oberflächlichkeit oder Enttäuschung verlieren.
Auch die Kirche ist von dieser gesellschaftlichen Lage betroffen. Religion kann unter den Bedingungen der Gegenwart ebenfalls als Erlebnisangebot verstanden und genutzt werden. Der Artikel betont deshalb, dass die Kirche die Situation moderner Menschen sorgfältig analysieren muss, statt sie vorschnell zu verurteilen. Sie soll ihre Botschaft solidarisch von den Erfahrungen der Menschen heute her auslegen. Dabei beruft sich der Text ausdrücklich auf das Zweite Vatikanische Konzil, das Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen als Thema der Kirche versteht.
Im theologischen Hauptteil entfaltet der Artikel die christliche Sicht der Würde des Menschen. Das Entscheidende am Christentum sei, dass Gott dem Menschen nicht als Gegenmacht gegenübersteht, sondern seine Freiheit, Würde und Echtheit ermöglicht. Der Mensch kann im christlichen Glauben sogar zum Ort des Göttlichen werden. Gerade darin zeigt sich die besondere Nähe zwischen Gott und Mensch. Gott garantiert nach christlichem Verständnis die Würde des Menschen und trägt sie auch durch Schuld, Leiden, Einsamkeit und Tod hindurch.
Daraus ergibt sich für die Zukunft des Individuums eine klare Aussage. Die Würde des Menschen muss auch unter den Bedingungen der modernen Gesellschaft verteidigt werden. Zwar kann die Freiheit des modernen Individuums als Gewinn verstanden werden, doch bleibt der Mensch auch in der Gegenwart bedroht. Die Gefährdung zeigt sich heute weniger in starren äußeren Zwängen als in Vereinzelung, Überforderung, Verlust von Orientierung und in der Versuchung, Freiheit unter Wert zu leben.
Deshalb darf die Kirche weder in Kulturpessimismus verfallen noch die Gegenwart unkritisch bejahen. Sie soll die Chancen der Moderne sehen, zugleich aber ihre Widersprüche offen benennen. Der Artikel fordert eine doppelte Haltung: Einsatz für Arme und Bedrängte einerseits und Solidarität mit den Menschen der Moderne andererseits. Die Kirche soll Orientierung geben, ohne überheblich aufzutreten. Ihre Aufgabe besteht darin, die göttliche Berufung des Menschen zu verkünden und daraus praktische Konsequenzen zu ziehen.
Am Ende steht die Überzeugung, dass die Kirche die Würde des Menschen nicht nur lehren, sondern auch leben muss. Sie soll Menschen begleiten, ihre Freiheit stärken, ihnen in Unsicherheit beistehen und besonders an der Seite der Armen und Orientierungslosen stehen. So wird der Glaube an Gottes befreiende Liebe zu einer konkreten Aufgabe in der Gegenwart.