Der Artikel entfaltet das Verständnis von Märtyrerinnen und Märtyrern im Judentum anhand theologischer Grundgedanken, biblischer und nachbiblischer Überlieferungen sowie historischer Erfahrungen. Zu Beginn steht das Beispiel des Rabbi Akiva, der von den Römern hingerichtet wurde, weil er öffentlich die Tora lehrte. In seinem Sterben spricht er das Schma Jisroel und bekennt damit bis zuletzt seine Liebe zu Gott. An dieser Geschichte wird deutlich, dass der Märtyrertod im Judentum als höchster Ausdruck von Glaubenstreue verstanden werden kann.
Im Zentrum des Artikels steht der Begriff Kiddusch Haschem, die Heiligung des Namens Gottes. Diese geschieht grundsätzlich dadurch, dass Menschen so leben und handeln, dass Gottes Wille in der Welt sichtbar wird. Gute Taten, Barmherzigkeit, sittliches Verhalten und die Orientierung an Gottes Geboten heiligen seinen Namen. Das Gegenteil ist Chillul Haschem, die Entweihung des Namens Gottes durch schlechtes Handeln. Das Martyrium erscheint in diesem Zusammenhang als höchste Form der Heiligung Gottes, weil ein Mensch sein Leben hingibt, um Gott treu zu bleiben. Märtyrerinnen und Märtyrer gelten daher als Kedoschim, also als Heilige.
Gleichzeitig betont der Artikel, dass das Leben im Judentum einen höchsten Wert besitzt. Jüdinnen und Juden sind verpflichtet, das eigene Leben und das Leben anderer zu schützen. Daher entsteht eine Spannung: Wenn das Leben so kostbar ist, warum kann dann die Hingabe des Lebens als Heiligung Gottes gelten. Die Antwort des Artikels lautet, dass grundsätzlich das Leben Vorrang hat, weil Gott im Leben durch gute Taten geehrt wird. Dennoch gab es in der Geschichte des Judentums immer wieder Situationen, in denen die Treue zu Gott nur unter Einsatz des Lebens möglich schien. In solchen Fällen wurde das Martyrium zu einem entscheidenden Mittel des Fortbestands jüdischer Identität.
Als Vorbild dient Abraham. Die im Judentum bekannte Erzählung von Abraham und König Nimrod schildert, wie Abraham wegen seines Glaubens in den Feuerofen geworfen wird. Auch wenn er gerettet wird, zeigt seine Bereitschaft, für den unsichtbaren Gott einzustehen, die Grundhaltung des jüdischen Martyriums. Seine Gottesbeziehung wird als Modell für das Volk Israel verstanden. Die Beziehung zwischen Gott und Israel erscheint wie eine tiefe und treue Liebesbeziehung, die auch in Bedrohung und Leid Bestand hat.
Der Artikel verweist außerdem auf weitere bedeutende Märtyrergestalten. Besonders wichtig ist die Geschichte von Hanna und ihren sieben Söhnen, die sich weigern, Götzendienst zu begehen, und deshalb sterben. Diese Erzählung verdeutlicht, dass es nach jüdischer Lehre drei Vergehen gibt, die unter keinen Umständen begangen werden dürfen, selbst wenn das eigene Leben bedroht ist: Mord, Unzucht und Götzendienst. Hier wird sichtbar, dass das Leben zwar höchsten Wert hat, aber nicht in jedem Fall absolut über allem steht. In bestimmten Grenzsituationen gilt es als geboten, eher zu sterben als Gottes Gebot zu verletzen.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem Martyrium als Folge der Zugehörigkeit zum jüdischen Volk. Viele Jüdinnen und Juden starben nicht wegen einer einzelnen Tat, sondern allein deshalb, weil sie jüdisch waren. Der Artikel erinnert an Pogrome, die Kreuzzüge und besonders an den Holocaust. Die im Holocaust ermordeten sechs Millionen Jüdinnen und Juden werden ebenfalls als Kedoschim bezeichnet. Damit weitet sich der Märtyrerbegriff aus: Nicht nur die bewusste Selbsthingabe, sondern auch das erzwungene Sterben allein wegen der jüdischen Identität kann als Martyrium verstanden werden.
Zum Schluss greift der Artikel eine innerjüdische Diskussion auf. In Zeiten von Verfolgung und Zwangskonversion stellte sich die Frage, ob es immer richtig war, das Leben offen zu opfern. Am Beispiel der Anussim, also derjenigen Jüdinnen und Juden, die nach außen hin zum Christentum übertraten, ihren jüdischen Glauben aber heimlich weiterlebten, wird deutlich, dass auch das verborgene Festhalten an der eigenen Identität theologisch bedeutsam ist. Einige Denker betonen, dass Gott vor allem im Leben geheiligt wird, weil nur ein lebender Mensch Gebote erfüllen und Gutes tun kann. Der Artikel zeigt damit, dass das Judentum das Martyrium hoch ehrt, zugleich aber die Bewahrung des Lebens und die Möglichkeit gelebter Treue im Verborgenen ernst nimmt.
Insgesamt macht der Fachartikel deutlich, dass das jüdische Verständnis von Martyrium nicht von Todessehnsucht geprägt ist, sondern von der Heiligung Gottes, der Treue zu seinem Gebot und der Verantwortung für das Fortbestehen des jüdischen Glaubens und Volkes.