Der Artikel untersucht, wie Wunder im Judentum verstanden werden und welche Funktion sie innerhalb jüdischer Religion und Theologie haben. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass in modernen Umfragen traditionelle christliche Glaubensinhalte an Zustimmung verlieren, während der Glaube an Wunder und Engel an Beliebtheit gewinnt. Der Autor hinterfragt die Deutung, darin zeige sich einfach eine vage Spiritualität. Vielmehr vermutet er, dass Wunder und Engel heute oft Ausdruck einer Opposition gegen moderne Rationalität sind. Demgegenüber will er am Beispiel des Judentums zeigen, dass Religion gerade auch ein Rationalisierungspotenzial besitzt.
Zunächst beschreibt der Artikel traditionelle jüdische Deutungen von Wundern. In einem philosophischen Rahmen, der stark von griechischem Denken sowie von Islam und Christentum beeinflusst war, wurde gefragt, ob Gott durch Wunder in den Naturablauf eingreifen könne. Maimonides beantwortete diese Frage eher rationalistisch. Für ihn waren Wunder zwar möglich, mussten aber bereits in der Schöpfung angelegt sein, damit die Ordnung der Natur grundsätzlich erhalten bleibt. Nachmanides setzte dem eine deutlich stärkere Betonung des Übernatürlichen entgegen. Für ihn ist die Tora selbst von Wundern durchzogen, und der Glaube an diese Wunder gehört wesentlich zur jüdischen Glaubensgrundlage. Der Artikel zeigt damit, dass auch im Judentum lange in den Kategorien von Natur und Übernatur gedacht wurde. Zugleich verweist er auf Samuel Hirsch, der im 19. Jahrhundert Wunder anders deutete. Für ihn sind Wunder nicht vor allem Beweise göttlicher Macht, sondern Ausdruck der Freiheit des Menschen gegenüber der Natur.
Im zweiten Teil richtet sich der Blick auf die Bibel selbst. Dort erscheinen Wunder als außergewöhnliche Ereignisse, die Gott als Urheber haben. Sie werden mit Begriffen wie Wunder, Machttaten oder Zeichen und Wunderzeichen beschrieben. In der biblischen Welt ist dies keine Überraschung, weil Gott als Schöpfer auch derjenige ist, der in die Geschichte eingreifen kann. Wunder gehören deshalb grundsätzlich zum biblischen Gottesverständnis. Besonders deutlich zeigt sich dies in den Erzählungen vom Auszug aus Ägypten. Die Plagen und das Meerwunder sind nicht bloß spektakuläre Ereignisse, sondern dienen dazu, die Geschichte Israels theologisch zu markieren. Israel soll nicht einfach als historisch erfolgreiches Volk erscheinen, sondern als Volk, dessen Geschichte von Gott getragen und gelenkt ist. Wunder fungieren hier als Kennzeichen dafür, dass Gott selbst der eigentliche Akteur der Geschichte ist.
Der Artikel zeigt weiter, dass diese theologische Markierung nicht nur durch Wunder geschieht, sondern auch durch andere erzählerische Mittel wie die Verstockung des Pharao. Solche Elemente heben die Erzählung aus einem bloß historischen Zusammenhang heraus und machen deutlich, dass es um eine religiöse Deutung von Geschichte geht.
Ein weiterer Schwerpunkt des Artikels ist das Verhältnis von Geschichte und Kult am Beispiel des Pessachfestes. Zwischen die Erzählung von der letzten Plage und dem Auszug aus Ägypten sind Anweisungen zur Feier des Pessachfestes eingefügt. Dadurch wird die einmalige Vergangenheit mit einer dauerhaften rituellen Gegenwart verbunden. Das Wunder selbst wird nicht einfach erinnert, sondern in ein Ritual überführt, das für spätere Generationen verbindlich bleibt. Auf diese Weise verschiebt sich der Schwerpunkt von der wunderhaften Vergangenheit auf die religiöse Praxis der Gegenwart. Die biblischen Texte zeigen damit bereits einen Rationalisierungsprozess. Nicht das fortwährende Wunder steht im Mittelpunkt, sondern die liturgische und gemeinschaftliche Vergegenwärtigung der Ursprungsgeschichte.
Diese Entwicklung setzt sich nach Auffassung des Autors im Deuteronomium fort. Dort wird nicht erwartet, dass Gott weiterhin ständig wunderhaft eingreift. Stattdessen wird betont, dass das Volk durch die Beachtung der Tora selbst Verantwortung für sein Geschick trägt. Der Zusammenhang von Tun und Ergehen wird zu einem Element religiöser Rationalisierung. Religion bedeutet dann nicht Erwartung ständiger Wunder, sondern Orientierung an göttlicher Weisung.
Im rabbinischen Judentum wird dieser Prozess weitergeführt. Nach der Zerstörung des Tempels regelten die Rabbinen das religiöse Leben neu, besonders Schabbat und Feste. Sie entwickelten ein ritualisiertes Leben, das unabhängig vom Tempel an jedem Ort vollzogen werden konnte. Religion wurde so stärker an Gesetz, Auslegung und konkrete Praxis gebunden. Gleichzeitig vertraten die Rabbinen die Auffassung, dass die Zeit unmittelbarer göttlicher Eingriffe mit den Propheten und endgültig mit der Tempelzerstörung zu Ende gegangen sei. Gottes Gegenwart zeige sich nun vor allem im Torastudium. Daraus folgt für das Wunderverständnis, dass Wunder im Wesentlichen in die Vergangenheit verlagert werden. Sie sind nicht ausgeschlossen, aber sie gehören nicht mehr zur normalen Gegenwartserfahrung.
Der Artikel arbeitet heraus, dass diese rabbinische Entwicklung die Rationalisierung des Judentums entscheidend geprägt hat. Das religiöse Leben gründet nicht mehr in der Erwartung eines direkten göttlichen Eingreifens, sondern in der Auslegung heiliger Texte und in der gemeinsamen Praxis von Gemeinde und Familie. Die religiöse Gegenwart lebt aus dem Lesen und Deuten der Texte. Dadurch wird Vergangenheit immer neu vergegenwärtigt, ohne dass neue Wunder erforderlich wären.
Im Fazit betont der Autor, dass Religion aus jüdischer Sicht nicht darin besteht, außergewöhnliche Ereignisse für wahr zu halten, um Gott zu beweisen. Vielmehr eröffnet sie durch Texte und Auslegung Sinnzusammenhänge, die über eine rein faktische Beschreibung der Welt hinausgehen. Wunder sind dabei keine Sensationen, sondern theologische Marker, die geschichtliche Ereignisse in einen religiösen Deutungshorizont einordnen. Wer heilige Texte ernsthaft liest, wartet deshalb nicht auf neue Wunder, sondern erschließt durch die überlieferten Wunder neue Sinnperspektiven für die eigene Weltdeutung.