Gregor Taxacher setzt sich mit dem theologischen Ort der Apokalyptik innerhalb der Eschatologie auseinander. Während im allgemeinen Sprachgebrauch Apokalyptik mit Katastrophen und Weltuntergang verbunden wird, erscheint sie in der traditionellen katholischen Eschatologie weitgehend entschärft. Dort geht es um die letzten Dinge wie Tod, Gericht, Auferstehung und Vollendung. Apokalyptische Bilder wirken in diesem Rahmen überwunden oder zumindest theologisiert.
Taxacher zeigt jedoch, dass biblische Apokalyptik mehr ist als Zukunftsspekulation. Von Daniel bis zur Offenbarung des Johannes wird Geschichte im Licht der letzten Dinge gedeutet. Apokalyptik fragt, wer in der Zeit wirklich Macht besitzt, und entwickelt so eine Theologie der Geschichte. Sie versteht Geschichte als zugespitzte Endzeit und qualifiziert Gegenwart eschatologisch. Apokalyptik ist deshalb keine bloße Zukunftsreportage, sondern eine kritische Deutung der Gegenwart im Horizont der Vollendung.
In der neueren Theologie wurde Apokalyptik häufig negativ bewertet. Karl Rahner forderte eine Entapokalyptisierung der Eschatologie. Er unterschied zwischen Eschatologie als Aussage von Gegenwart in Zukunft hinein und Apokalyptik als Einsage aus der Zukunft in die Gegenwart hinein. Hinter dieser Position steht auch Rudolf Bultmann, der apokalyptische Vorstellungen als mythologische Bilder deutete, die vom eigentlichen theologischen Gehalt zu trennen seien. Apokalyptik erschien so als problematische Bildsprache, die hermeneutisch zu überwinden sei.
Taxacher kritisiert diese Trennung. Sie führe dazu, dass die konkrete geschichtliche und politische Dimension der christlichen Hoffnung ausgeblendet werde. Wenn apokalyptische Sprache nur als mythologische Verpackung verstanden wird, verliert Eschatologie ihren kritischen Bezug zur Gegenwart. Neuere exegetische Forschungen zeigen, dass Apokalyptik weder bloße Phantasie noch auf die Johannesoffenbarung beschränkt ist. Die metaphorische Sprache gehört wesentlich zur theologischen Aussage.
Seit den 1960er Jahren wurde das Apokalyptische neu entdeckt, unter anderem durch Impulse aus der Rezeption jüdischer Denker wie Walter Benjamin, Theodor W Adorno und Ernst Bloch. In der protestantischen Theologie griff Jürgen Moltmann diese Impulse auf. Auf katholischer Seite formulierte Johann Baptist Metz Thesen zur Apokalyptik, in denen er sie als politische Mystik verstand. Apokalyptik unterbricht den Fortschrittsglauben und stellt die Frage, wem die Welt und ihr Leid gehören. Sie ist Ausdruck der Erfahrung von Ohnmacht und Leid.
Taxacher sieht in der Apokalyptik eine prophetische Theologie. Sie deutet Zeichen der Zeit kritisch und unterscheidend. Ihre zentrale Frage lautet nicht wann das Ende kommt, sondern wem die Herrschaft über die Welt zukommt. Apokalyptik entsteht aus Situationen der Bedrängnis und Unterdrückung. Sie ist die Sprache der Hoffnung der Machtlosen und darf nicht zur Ideologie der Mächtigen werden. Wird sie von Herrschenden instrumentalisiert, etwa in religiösen Kriegen oder fundamentalistischen Bewegungen, verliert sie ihren befreienden Charakter.
Zugleich warnt Taxacher vor einem Missbrauch der Apokalyptik. Sie ist keine Legitimation für Gewalt oder revolutionären Terror. Ihre Hoffnung richtet sich auf Gottes Handeln, nicht auf die gewaltsame Herstellung des Reiches Gottes durch Menschen. Apokalyptik ist eine gefährliche, aber notwendige Ressource christlicher Theologie.
Abschließend wendet Taxacher seine Überlegungen auf die Gegenwart an. Angesichts globaler Bedrohungen wie der Möglichkeit menschlicher Selbstvernichtung und der ökologischen Krise im Anthropozän spricht er von einer real apokalyptischen Situation. Theologie müsse den Mut haben, solche Zeitdiagnosen vorzunehmen und die Gegenwart im Licht der Hoffnung und des Gerichts Gottes zu deuten. Apokalyptik bleibt damit eine unverzichtbare Dimension christlicher Eschatologie, weil sie Geschichte konkret und prophetisch qualifiziert.