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Vandenhoeck Ruprecht | Religion unterrichten

Vandenhoeck Ruprecht | Religion unterrichten

Antijüdisches im Koran und in der islamischen Tradition?

Veröffentlichung:1.1.2024

Der Artikel ist in dem Heft Religion unterrichten unter dem Titel: „Antijüdisches im Koran und in der islamischen Tradition? Islamtheologische Perspektiven und was christliche Religionspädagog:innen wissen sollten“ enthalten. Er umfasst 4 Seiten, nämlich die Seiten 34 bis 38. Osman Kösen zeigt, dass Aussagen über Jüdinnen und Juden in Koran, Sunna und islamischer Tradition ambivalent sind und nicht pauschal als einheitlich judenfeindlich gelesen werden dürfen. Der Fachartikel behandelt vor allem die theologischen Probleme der Auslegung problematischer Koranstellen und Hadithe, das Verhältnis von Anerkennung und Abwertung des Judentums im Islam, den Einfluss historischer Konflikte auf religiöse Deutungen sowie die Frage, wie mit religiös begründetem Antisemitismus heute verantwortungsvoll umzugehen ist.

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Der Artikel untersucht, wie Jüdinnen und Juden im Koran, in der Sunna und in der islamischen Tradition dargestellt werden, und fragt danach, was christliche Religionspädagoginnen und Religionspädagogen darüber wissen sollten. Dabei macht Osman Kösen deutlich, dass islamische Quellen keine einheitliche Haltung zum Judentum zeigen, sondern ein Spannungsfeld von Anerkennung, Nähe, Abgrenzung und Konflikt. Deshalb warnt der Beitrag vor pauschalen Aussagen über den Islam als grundsätzlich judenfeindlich.

Zunächst beschreibt der Artikel die Ambivalenz der Quellentexte. Im Koran gibt es Verse, die Jüdinnen und Juden als Leute des Buches anerkennen, ihre Frömmigkeit würdigen und gläubigen Jüdinnen und Juden sogar das Paradies verheißen. Andere Stellen kritisieren bestimmte jüdische Gruppen wegen ihrer Ablehnung des Propheten oder werfen ihnen die Verfälschung ihrer Schriften vor. Der Autor betont, dass solche Aussagen nicht unterschiedslos auf alle Jüdinnen und Juden bezogen werden dürfen, sondern in konkreten historischen Konflikten der Frühzeit des Islams zu verstehen sind. Auch die Berichte über militärische Auseinandersetzungen zwischen frühen Musliminnen und Muslimen und jüdischen Gruppen in Medina werden als historisch umstritten und auslegungsbedürftig dargestellt.

Anschließend richtet sich der Blick auf die islamische Tradition. Im klassischen Islam herrschte gegenüber Jüdinnen und Juden einerseits eine Form von Toleranz, andererseits aber auch ein deutliches Überlegenheitsgefühl. Jüdinnen und Juden wurden als religiöse Minderheit grundsätzlich anerkannt, hatten jedoch weniger Rechte als Musliminnen und Muslime. Sie mussten bestimmte rechtliche und soziale Einschränkungen hinnehmen. Zugleich gab es aber vielfältige kulturelle und intellektuelle Kontakte. Jüdische Überlieferungen wurden in die islamische Auslegung aufgenommen, und zwischen muslimischen und jüdischen Gelehrten fand Austausch statt. Der Artikel betont, dass es im klassischen Islam zwar Diskriminierung gab, aber noch keine vollständig vergleichbare Form von antijüdischer Feindschaft wie im christlichen Mittelalter oder in der europäischen Moderne.

Ein wichtiger Teil des Artikels befasst sich mit der Neuzeit und Gegenwart. Der Autor zeigt, dass moderne antisemitische Deutungen in muslimischen Kontexten nicht einfach aus den klassischen religiösen Quellen hervorgehen, sondern stark durch politische Entwicklungen geprägt wurden. Besonders der Israel Palästina Konflikt habe viele religiöse Deutungen überlagert und verschärft. Problematisch sei dabei, dass Koranverse oder Hadithe aus ihrem historischen Zusammenhang herausgelöst und so gelesen werden, als beschrieben sie einen ewigen Kampf zwischen Musliminnen und Muslimen und Jüdinnen und Juden. Eine solche anachronistische Lesart fördere Feindbilder, Dehumanisierung und im Extremfall Gewaltlegitimation. In vielen muslimisch geprägten Gesellschaften seien klassische antisemitische Stereotype mit politischem Antizionismus und religiösen Deutungen verschmolzen. Das präge auch manche Diskurse, mit denen junge Musliminnen und Muslime in Deutschland in Berührung kommen.

Im letzten Teil fragt der Artikel nach pädagogischen Konsequenzen. Christliche Religionspädagoginnen und Religionspädagogen sollen mit dem Thema sensibel und nicht stigmatisierend umgehen. Muslimische Lernende sollen nicht in die Rolle gedrängt werden, für den Islam sprechen oder den Israel Palästina Konflikt erklären zu müssen. Ebenso solle nicht vorausgesetzt werden, dass sich alle muslimischen Lernenden automatisch mit diesem Konflikt identifizieren. Wichtig sei vielmehr, Ambiguitätstoleranz und politische Bildung zu fördern. Lehrkräfte sollten problematische oder antisemitische Aussagen nicht übergehen, aber auch nicht vorschnell bevormundend reagieren. Stattdessen brauche es eine differenzierte Auseinandersetzung mit den verschiedenen Deutungen islamischer Texte, mit gegenwärtigen politischen Einflüssen und mit den Gefühlen und biografischen Hintergründen der Lernenden. Der Artikel plädiert damit für einen historisch kritischen und verantwortlichen Umgang mit islamischen Quellen sowie für eine Pädagogik, die Antisemitismus klar entgegentritt und zugleich religiöse Vielfalt differenziert wahrnimmt.

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