Der Artikel geht von der Beobachtung aus, dass Filme in Lehrplänen und Kerncurricula des Religionsunterrichts eine wichtige Rolle spielen. Von Lernenden wird erwartet, religiöse Motive, Symbole und Grundfragen in Filmen zu erkennen, zu beschreiben und zu deuten. Daraus ergibt sich die didaktische Frage, wo die dafür nötigen Fähigkeiten vermittelt werden können, wenn Medienbildung kein eigenes Unterrichtsfach ist. Der Autor verweist in diesem Zusammenhang auf die Arbeit des Instituts für Kino und Filmkultur, das seit vielen Jahren Materialien und Fortbildungen zur Filmbildung bereitstellt. Als theoretische Grundlage dient dabei der Neoformalismus, der Film nicht in Inhalt und Form trennt, sondern Bedeutung als Teil der formalen Gestaltung versteht.
Im ersten Teil erläutert der Autor, dass Kunst und besonders Film Wirklichkeit verfremden. Filme greifen Material aus der Lebenswelt auf und stellen es in neue Zusammenhänge. Dadurch wird die Wahrnehmung geschärft und die alltägliche Sicht auf die Welt unterbrochen. Filme führen Betrachtende in fremde Lebenswelten und zeigen zugleich vertraute menschliche Erfahrungen wie Liebe, Angst, Hoffnung, Konflikt und Leid. Gerade darin liegt ihr Wert für den Religionsunterricht, weil sie menschliche Grunderfahrungen sichtbar machen, die auch in biblischen Texten verhandelt werden. Wer Filme sieht, begegnet anderen Kulturen, Haltungen und Religionen und wird dadurch angeregt, die eigene Sichtweise zu hinterfragen. Film wird so zu einem Medium des Dialogs.
Im zweiten Teil fragt der Autor, wie Religion im Film dargestellt wird. Filme können Religion ausdrücklich zum Thema machen, etwa wenn religiöse Institutionen, Figuren oder Motive im Zentrum stehen. Sie können aber auch nur am Rand religiöse Bezüge enthalten, wenn etwa Hochzeiten, Beerdigungen oder Gebete vorkommen. Der Artikel betont, dass Religion im Film immer durch kulturelle Ausdrucksformen sichtbar wird. Deshalb lassen sich Religion und Kultur im Medium Film kaum voneinander trennen. Um dies genauer zu erfassen, greift der Autor die neoformalistische Unterscheidung von Plot und Story auf. Der Plot bezeichnet die im Film direkt sichtbaren und hörbaren Ereignisse, während die Story von den Betrachtenden im Denken konstruiert wird. Religiöse Bezüge können auf der Bildebene etwa durch Orte, Handlungen, Gegenstände oder Kleidung erscheinen und auf der Tonebene durch Sprache, Geräusche und Musik. Ob diese Bezüge erkannt werden, hängt wesentlich vom Vorwissen der Betrachtenden ab. Wer religiöse Zeichen nicht kennt, wird sie auch im Film kaum deuten können.
Im dritten Teil zeigt der Artikel, dass filmische Gestaltung selbst Bedeutung trägt. Jedes einzelne filmische Mittel kann zur Aussage eines Films beitragen. Am Beispiel des Films „Agora“ macht der Autor deutlich, wie Kameraführung und Bildgestaltung historische und religiöse Umbrüche nicht nur zeigen, sondern sinnhaft erfahrbar machen. Die filmische Darstellung der Zerstörung eines Tempels wird durch eine besondere Kamerabewegung so inszeniert, dass die Umkehrung der bisherigen Ordnung sichtbar wird. Der Film erzählt damit nicht nur ein historisches Ereignis, sondern deutet es. Daraus folgt für den Unterricht, dass Filmanalyse sich nicht mit Inhaltsangaben begnügen darf, sondern die Wirkung filmischer Mittel ernst nehmen muss. Beispielanalysen können zeigen, wie durch filmische Gestaltung Macht, Ohnmacht und soziale Ungleichheit sichtbar gemacht werden.
Im vierten Teil hebt der Autor hervor, dass Filme Perspektivwechsel ermöglichen. Filme erzählen aus der Sicht einzelner Figuren und laden Betrachtende dazu ein, sich in fremde Erfahrungen hineinzuversetzen. Gerade dadurch können sie Empathie fördern. An einem Beispiel aus einem französischen Spielfilm zeigt der Artikel, wie filmische Mittel die Gefühle von Ausgrenzung, Angst und Verletzung ausdrücken. Durch Perspektive, Musik, Zeitgestaltung und weitere Gestaltungsmittel werden die Zuschauenden in die Wahrnehmung der betroffenen Kinder hineingeführt. Für den Religionsunterricht ist dies bedeutsam, weil Filme helfen können, die Sicht anderer Menschen nachzuvollziehen und so ethische und religiöse Lernprozesse anzustoßen.
Im letzten Teil formuliert der Autor Folgerungen für den Einsatz von Filmen im Religionsunterricht. Erstens soll Medienkompetenz gestärkt werden. Dazu gehört die klare Unterscheidung zwischen Analyse, Beschreibung und Interpretation. Eine tragfähige Deutung kann nur auf einer genauen Analyse der filmischen Gestaltung beruhen. Deshalb fordert der Artikel eine stärkere Filmbildung in Studium, Ausbildung und Fortbildung. Zweitens sollen unterschiedliche Lesarten von Filmen im Unterricht miteinander ins Gespräch gebracht werden. Filme sind keine geschlossenen Sinngebilde mit nur einer richtigen Deutung, sondern eröffnen verschiedene Zugänge, die auch von den Erfahrungen der Lernenden geprägt sind. Drittens können Filme neue Zugänge zu biblischen Texten eröffnen. Auch Filme ohne ausdrücklichen Religionsbezug behandeln menschliche Grundfragen und können deshalb mit biblischen Themen in Beziehung gesetzt werden. Sozialkritische Filme etwa erinnern in ihrer Anklage von Unrecht an prophetische Texte. Viertens versteht der Artikel Filme als Fenster zur Welt. Sie zeigen gesellschaftliche Wirklichkeit, eröffnen Einblicke in andere Lebenslagen und helfen auch der Kirche, die Welt der Gegenwart nicht aus dem Blick zu verlieren. Insgesamt plädiert der Beitrag dafür, Filme im Religionsunterricht nicht bloß funktional zu verwenden, sondern sie als eigenständige Kunstform ernst zu nehmen, die religiöse Bildung, Weltdeutung und Perspektivwechsel in besonderer Weise ermöglicht.