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Loccumer Pelikan

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Beurteilen – Entscheiden – Gestalten Künstliche Intelligenz als ethische Herausforderung

Drei Unterrichtsideen für den Religionsunterricht im Jahrgang 9/10

Veröffentlichung:1.1.1970

Das Medium „Beurteilen – Entscheiden – Gestalten. Künstliche Intelligenz als ethische Herausforderung – drei Unterrichtsideen für den Religionsunterricht im Jahrgang 9/10“ von Michael Balceris entwickelt einen religionspädagogisch profilieren Zugang zu KI, der Medienbildung konsequent als Wertebildung versteht und die Lernenden dazu befähigt, KI-bezogene Konfliktlagen nicht nur technisch zu beschreiben, sondern ethisch zu beurteilen, begründet zu entscheiden und verantwortlich zu gestalten. Die Darstellung verbindet Grundlagen der schulischen Medienbildung mit zentralen Leitbegriffen christlicher Anthropologie und Ethik und bietet darauf aufbauend drei exemplarische Unterrichtsbausteine, die an alltagsnahe Problemfelder anschließen.

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Im Zentrum der ausführlichen Konzeption steht ein erweitertes Medienbildungsverständnis, das über „Lernen mit Medien“ hinausgeht und „Lernen über Medien“ als kritisch-reflexiven Prozess markiert. Die Schule erscheint hier als Ort, an dem Jugendliche Medienwirkungen auf Weltdeutung, Emotionen, Verhalten und Wertorientierungen erkennen, analysieren und bewerten lernen, um sachgerecht, selbstbestimmt, kreativ und sozial verantwortlich handeln zu können. Als didaktischer Leitimpuls wird sozial verantwortliches Handeln ausdrücklich als Zielperspektive gesetzt, weil Jugendliche in einer digitalen Umwelt mit widersprüchlichen Informationen, konkurrierenden Weltanschauungen und divergierenden Wertvorstellungen orientierungsbedürftig sind. Der Beitrag schärft damit eine Kompetenzdimension, die für den Religionsunterricht besonders anschlussfähig ist: Urteilsfähigkeit, die nicht bei Regeln stehen bleibt, sondern die eigene Entscheidung argumentativ begründet und in ihren Folgen verantwortet.

Religionspädagogisch wird dieser Ansatz über die Ressourcen religiöser Weltdeutung fundiert. Religion wird als Modus der Welterschließung profilierte, der eine werteorientierte Medienbildung stützen kann, weil ethische Fragen ihr innerlich zugehören. Als normativer Anker wird die Gottesebenbildlichkeit des Menschen hervorgehoben, die die unantastbare Würde und den einzigartigen Wert jeder Person begründet. Daraus ergeben sich Leitwerte wie Menschenwürde, Freiheit, Autonomie und Verantwortung, die im KI-Kontext nicht abstrakt bleiben, sondern zur Prüfkategorie für konkrete Praktiken werden. Der Unterricht soll Jugendliche zu einem Handeln in vernünftiger Freiheit führen und zugleich Identität, Selbstverständnis und Selbstwert in einer von KI geprägten Welt reflektierbar machen.

Didaktisch überzeugend ist die Strukturierung in drei ethische Problemfelder, die exemplarisch grundlegende Prinzipien von KI verdeutlichen und zugleich langfristig tragfähige Orientierung ermöglichen. Erstens wird Datenerzeugung und Datennutzung als Kernproblem herausgestellt: KI beruht auf großen Datenmengen, deren Entstehung, Auswahl und normative Vorprägung nicht neutral sind; Bias und mögliche Verzerrungen werden als Gerechtigkeitsproblem sichtbar, und die prinzipielle Wahrscheinlichkeitshaftigkeit von KI-Outputs eröffnet die Frage nach Verlässlichkeit, Vertrauen und Verantwortung im Umgang mit Ergebnissen. Zweitens wird das Verhältnis Mensch–Maschine als Herausforderung beschrieben: Mit wachsender Autonomie von Systemen verschieben sich Verantwortungszonen, Entscheidungen werden teilautomatisiert, und die Grenze des Zwischenmenschlichen wird neu verhandelt. Drittens thematisiert das Medium Fake-News und Wahrheiten als gesellschaftlich hoch brisantes Feld: KI kann Manipulation durch Deepfakes, Filterlogiken und algorithmische Verstärkung intensivieren, wodurch „Echt“ und „Künstlich“ schwerer unterscheidbar werden und die Frage nach Wahrheit nicht nur faktisch, sondern existenziell und sozial relevant wird.

Die drei Unterrichtsideen sind lernprozessanregend angelegt und folgen einem Kompetenzdreischritt, der zugleich methodisch variiert und die Urteilsbildung systematisch steigert. Im ersten Baustein wird eine Beurteilungsaufgabe zur Weitergabe von Gesundheitsdaten an eine Krankenversicherung entfaltet. Hier werden Transparenz, Autonomie und Verantwortung an einem lebensnahen Entscheidungsfall verhandelt und theologisch an Menschenwürde und Gottesebenbildlichkeit rückgebunden. Die vorgeschlagene Podiumsdiskussion mit differenzierten Rollen (Betroffene, Versicherer, Datenschützer, Arbeitgeber, Politik) ermöglicht Perspektivwechsel, fördert argumentatives Abwägen und macht deutlich, dass es nicht um eindeutige Richtig-Falsch-Lösungen geht, sondern um begründete Urteile zwischen Innovation, Privatsphäre, Datenschutz und Gerechtigkeit. Religionspädagogisch wird besonders die Frage nach Solidarität und dem fairen Zugang zu Ressourcen berührbar: Wer profitiert, wer wird ausgeschlossen, und welche Verantwortung tragen Individuen, Unternehmen und Gesellschaft?

Der zweite Baustein arbeitet als Entscheidungsaufgabe mit dem Kurzfilm „St. Android“ und stellt die provokative Frage nach dem Einsatz humanoider Roboter in Sterbe- und Trauerbegleitung beziehungsweise Pflege. Das Material nutzt die narrative Zuspitzung, um diakonische und seelsorgerische Dimensionen christlicher Praxis in einer technologisierten Umgebung neu zu befragen. Im engen Zielhorizont werden Nächstenliebe, Beistand und die Legitimität maschineller Übernahme „menschlicher“ Aufgaben diskutiert; im weiteren Horizont werden anthropologische Grundfragen geöffnet: Was unterscheidet menschliche Intelligenz, Kreativität und Empathie von KI-gestützter Simulation, was heißt Personalität, und wie ist Autonomie und Verantwortung bei KI-Entscheidungen zu denken. Die methodische Idee eines Besuchs in einem Alten- oder Pflegeheim stärkt Realitätsbezug und Begegnungslernen, verhindert rein spekulative Technikdebatten und eröffnet zugleich eine ethische Prüfung anhand konkreter Erfahrung.

Der dritte Baustein schließlich ist als Gestaltungsaufgabe konzipiert und lässt Lernende zwei widersprüchliche Kurzvideos produzieren, die gezielt Verwirrung erzeugen sollen. Dadurch wird die Manipulierbarkeit medialer Wirklichkeit nicht nur kognitiv, sondern produktionsästhetisch erfahrbar. Das Storyboard dient als Reflexionsinstrument, um Gestaltungsmerkmale, Effekte und Wirkabsichten sichtbar zu machen und damit den Schritt vom bloßen Machen zum kritischen Durchschauen zu sichern. Religionspädagogisch wird die Wahrheitsfrage mehrdimensional entfaltet: Wahrheit erscheint nicht nur als Faktum, sondern als Vertrauensbeziehung, zu der sich Menschen positionieren müssen; zugleich wird die Identitätsdimension betont, weil verzerrte Bilder und manipulative Darstellungen Selbstwahrnehmung unter Druck setzen können. Die Rückbindung an Würde und Wert des Menschen als von Gott zugesprochen eröffnet eine Gegenperspektive zu Optimierungs- und Inszenierungszwängen digitaler Öffentlichkeiten.

Insgesamt liefert das Medium eine religionsdidaktisch konsistente, ethisch anspruchsvolle und schulpraktisch anschlussfähige Einheit, die KI nicht als bloßes Tool behandelt, sondern als Anlass, Grundfragen nach Würde, Freiheit, Wahrheit und Verantwortung neu zu durchdenken. Die Kompetenzorientierung ist klar: Jugendliche lernen, KI-bezogene Situationen zu analysieren, Perspektiven abzuwägen, Kriterien zu entwickeln, begründet zu urteilen und schließlich Gestaltung als verantwortliches Handeln zu verstehen. Damit stärkt das Material zugleich Medienmündigkeit und religiöse Urteilskraft in einer Weise, die für den Jahrgang 9/10 sowohl lebensweltlich relevant als auch theologisch begründet ist.

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