Der Artikel geht von der grundlegenden Einsicht aus, dass Literatur und Religion in der Kulturgeschichte eng miteinander verbunden sind. Beide verwirklichen sich wesentlich in Sprache, weshalb klare Grenzziehungen kaum möglich sind. Religiöse Erfahrung wird seit jeher in dichterischer und verdichteter Sprache ausgedrückt, während Literatur immer wieder religiöse Stoffe, Bilder und Sprachformen aufgreift. Als Beispiel nennt der Autor die Psalmen, die zugleich Weltliteratur und Gebet sind. Im Mittelpunkt des Beitrags steht die Frage, wie sich Religion in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur darstellt.
Im ersten Teil beschreibt Langenhorst die literarische Annäherung an Gott. Er zeigt, dass die Gegenwartsliteratur sich von einer affirmativen konfessionellen Gottesrede deutlich entfernt hat. Anders als frühere christliche Literatur versteht sie sich nicht mehr als Verkündigung. Die Erfahrungen der Moderne haben ein unmittelbares und ungebrochenes religiöses Sprechen erschwert. Zugleich wurde Religion in westlichen Kulturen über längere Zeit so stark verdrängt, dass sich seit Beginn des 21. Jahrhunderts ein neues Interesse an religiösen Themen beobachten lässt. Autorinnen und Autoren beginnen wieder, das Wort Gott literarisch zu verwenden, ohne sich damit einfach einer kirchlichen Sprache zu unterwerfen. An Beispielen wie Andreas Maier, Hanns Josef Ortheil, Martin Walser oder Uwe Kolbe zeigt der Artikel, dass Gott in der Literatur erneut als Thema erscheint. Dieses Sprechen ist jedoch nicht naiv oder gesichert, sondern tastend, offen und oft von Brüchen geprägt. Gerade darin erkennt der Autor einen bedeutsamen Wandel in der Gegenwartsliteratur.
Im zweiten Teil geht es um die kreative Fortschreibung der Bibel. Der Autor zeigt, dass literarische Suchbewegungen nach Religion häufig auf biblische Texte zurückgreifen. Die Bibel bleibt eine wichtige Quelle für Motive, Stoffe, Sprachformen und Deutungsmuster. Das zeigt sich zum einen in neueren Jesus Romanen, die die Gestalt Jesu mit unterschiedlichen literarischen Mitteln neu erschließen. Zum anderen wird auch das Alte Testament vielfältig weitergeschrieben. An Beispielen wie Kenan Cusanit, Botho Strauß und Heinrich Detering wird deutlich, dass biblische Geschichten, Figuren und Motive in der Gegenwartsliteratur in neuer Form aufgenommen werden. Dabei geht es nicht um bloße Wiederholung, sondern um produktive Neuinterpretation.
Besonders wichtig ist dem Autor, dass solche literarischen Aneignungen nicht nur aus christlicher Perspektive erfolgen. Er bezieht deshalb auch jüdische und muslimische Stimmen ein. An Matthias Hermanns Gedicht über Rut zeigt er, wie eine biblische Figur aus heutiger Sicht neu gelesen werden kann. Der Text bricht mit einer verharmlosenden Deutung und rückt Hunger, Überleben und Ambivalenz in den Vordergrund. Ebenso verweist der Artikel auf den Exiliraner SAID, dessen Psalmen die Form des Gebets aufnehmen, sie aber provokativ und eigenständig umgestalten. Auch Nora Gomringer wird als Beispiel genannt. Bei ihr verbinden sich Ironie, Alltagssprache und religiöse Sehnsucht zu poetischen Texten, die zwischen Gedicht und Gebet stehen. Insgesamt wird deutlich, dass die Bibel in der Gegenwartsliteratur nicht nur als religiöser Traditionsbestand vorhanden ist, sondern als offener Sprachraum, in dem neue religiöse Deutungen entstehen können.
Im dritten Teil rückt die Sprachsuche für das Unsagbare in den Mittelpunkt. Der Autor betont, dass es den Literatinnen und Literaten meist nicht um ein eindeutiges religiöses Zeugnis geht, sondern um eine Suchbewegung. Dichtung legt Religion nicht fest, sondern umkreist ein Zentrum, das sich begrifflich nicht völlig erfassen lässt. Gerade dadurch eröffnet Literatur Räume, in denen Transzendenz spürbar werden kann. Der Artikel verweist auf neuere literaturwissenschaftliche Beobachtungen, nach denen sich in der Gegenwartsliteratur vermehrt Formen des Spirituellen zeigen, die sich von traditioneller Gottesrede und eindeutigen biblischen Bezügen lösen. Als Beispiel dient John von Düffels Stundenbuch, in dem Lebensfragen, Maß, Genügsamkeit und Glück in einer knappen und verdichteten Sprache bedacht werden.
Am Ende bündelt der Autor seine Beobachtungen in zwei Haupttendenzen. Einerseits bleibt die religiöse Tradition, besonders die Bibel, für die Literatur weiterhin produktiv, wenn es um grundlegende menschliche Erfahrungen und um zeitlose Geschichten geht. Andererseits entstehen neue postsäkulare Formen des Spirituellen, die freier und offener mit religiösen Räumen umgehen. Beide Linien verbindet die Ausrichtung auf das, was sich dem rein empirischen Zugriff entzieht. Gerade deshalb ist Literatur für den Religionsunterricht bedeutsam. Sie eröffnet unterschiedliche Zugänge zur Religion und spricht verschiedene Lernende an. Der Beitrag versteht Dichtung daher als einen vielschichtigen Weg, sich Religion, Transzendenz und dem Unverfügbaren anzunähern.