Spiegelhalter entfaltet das Thema in fünf aufeinander aufbauenden Schritten:
Zunächst klärt sie den Begriff „absurd" in seinen semantischen Dimensionen: formal als logischer Widerspruch (ad absurdum führen), inhaltlich als abwertende Kennzeichnung sinnloser Positionen. Sie problematisiert, dass nicht-religiöse Sinnentwürfe durch die theologische Sprachregelung als „absurd" diskreditiert werden – eine Herausforderung angesichts wachsender Konfessionslosigkeit.
Den Kern bildet die Darstellung von Camus' Absurditätskonzept. Entstanden im Kontext des Zweiten Weltkriegs und geprägt von persönlicher Kriegserfahrung, beschreibt Camus im „Mythos des Sisyphos" die menschliche Wirklichkeit als unaufhebbar absurd: Das absolute Sinnverlangen des Menschen trifft auf eine Welt, die sich jedem Sinnentwurf verweigert. Sisyphos – in der griechischen Mythologie zur ewigen, vergeblichen Arbeit verurteilt – wird zur conditio humana. Camus entfaltet vier Aspekte: (1) das Bewusstsein der Vergeblichkeit als Quelle menschlicher Stärke, (2) Glück durch Akzeptanz der Ausweglosigkeit, (3) unermüdliches moralisches Handeln gegen das Übel der Welt als erfüllende Aufgabe, (4) die konsequente Absage an religiöse Sinnangebote. Zur Frage, ob Camus Atheist war, hält Spiegelhalter ihn am ehesten für einen Agnostiker, der religiöse Sinndeutungen als nicht tragfähig erlebt.
Im theologischen Teil wird Camus als Herausforderung für die Theologie profiliert: Ein Mensch, der ohne Gott leidenschaftlich das Leben liebt und hohen moralischen Ansprüchen folgt, stellt religiöse Sinnversprechen grundsätzlich in Frage. Theologische Antwortversuche suchen die Verbindung von Sinn, Freiheit und Gottesglauben aufrechtzuerhalten – im Anschluss an Kant etwa durch das Postulat eines Gottes, der eschatologisch Glückseligkeit und Moralität versöhnt. Spiegelhalter betont, dass solche Sinnantworten nur dann plausibel sind, wenn sie Leid und Abgründe menschlicher Wirklichkeit nicht ausblenden.
Der religionspädagogische Teil wertet empirische Studien aus (Schnell, Gennerich, Sinus-Studie 2024, „Jugend – Glaube – Religion"): Jugendliche suchen Sinn primär immanent – in Beziehungen, Familie, Freundschaft, persönlichem Mythos –, entkoppeln die Sinnfrage von der Gottesfrage und verstehen sich als selbst verantwortlich für Sinnantworten. Zugleich benennt Spiegelhalter Risiken: „existenziell indifferente" Jugendliche ohne Sinnbedarf zeigen geringes gesellschaftliches Engagement; naturwissenschaftlich reduzierte Sinnkonstruktionen (Zufall, Evolution) erweisen sich als wenig lebensdienlich. Positiv vermerkt wird, dass die Zahl existenziell indifferenter Jugendlicher seit 2006 deutlich gesunken ist.
Religionsdidaktisch schlussfolgert Spiegelhalter: Camus' Sisyphos eignet sich als Beispiel einer anspruchsvollen, nicht-religiösen Weltdeutung, die im pluralen Religionsunterricht ernstzunehmen ist. Daneben gilt es, das Potenzial religiöser Ressourcen für konstruktive, lebensdienliche Sinnkonzepte zu erschließen – ohne nicht-religiöse Deutungen vorab zu diskreditieren.